Idlib

Im Nordosten Syriens fliehen Hunderttausende in eine Sackgasse

Karim El-Gawhary

Von Karim El-Gawhary

Sa, 08. Februar 2020 um 16:15 Uhr

Ausland

Die syrische Armee und Russland greifen die letzte Rebellenhochburg an. Drei Millionen Menschen leben in der Region. Falls die Türkei ihre Grenze geschlossen hält, droht eine humanitäre Katastrophe.

Die Handy-Videos der vergangenen Tage aus der Provinz Idlib im Nordwesten Syrien sind immer die gleichen. Lange Autokonvois sind zu sehen, Lkw, überladen mit Menschen und deren Hab und Gut, Traktoren, in deren Anhänger sich mehrere Familien vor der Kälte des Winters zusammenkauern. Es ist ein stiller Exodus, nur das regelmäßige Brummen der Motoren im Stau ist zu hören, unterbrochen von gelegentlichem Hupen. Fast stoisch scheinen sich die Menschen ihrem Schicksal zu ergeben.

Nach UN-Angaben haben sich seit Anfang Dezember fast 600 000 Menschen auf den Weg gemacht. Alleine vergangene Woche waren es 200 000. Viele dieser Menschen mussten nicht das erste Mal ihr Haus verlassen, sondern sind innerhalb Syriens bereits das zweite oder dritte Mal auf der Flucht. Sie versuchen, aus den südlichen Teilen der Provinz zu entkommen, die seit Wochen ohne Unterlass von der syrischen und russischen Luftwaffe bombardiert werden. Die Truppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad, der zur letzten Entscheidungsschlacht aufgerufen hat, rücken dort weiter gegen die letzte Rebellenhochburg des Landes vor. Russland und der Iran als Unterstützer der syrischen Regierung sowie die Türkei als Unterstützer der Rebellen hatten Idlib 2017 zu einer sogenannten Deeskalationszone erklärt. Kontrolliert wird das Gebiet von der Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS), die dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahesteht.

Für viele Menschen ist es schon die zweite oder dritte Flucht

Das ohnehin schon mit Flüchtlingen vollkommen überforderte Norden der Provinz ist nun der letzte Ort Syriens, in den die Regimegegner und deren Familien fliehen können. Hinter ihnen kommen die Assad-Truppen vor ihnen liegt die geschlossene türkische Grenze. "So etwas haben wir noch nie erlebt, was das schiere Ausmaß betriff und die Geschwindigkeit, mit der das alles passiert. Dahinter steckt wirklich eine große Portion Verzweiflung. Die humanitäre Situation wird mit jeder Minute schlimmer", fasst Christan Reynders die Lage zusammen. Er koordiniert für die Provinz Idlib die Arbeit der Organisation Ärzte ohne Grenzen. "Sie nehmen einfach alle fahrbaren Untersätze, um aus der Kampfzone im Süden der Provinz zu entfliehen. Die Mehrheit der Ankommenden sind Frauen und Kinder. Es sind nur wenige Männer dabei", beschreibt Reynders die Zusammensetzung der Flüchtlinge am Telefon im Gespräch mit dieser Zeitung. Und es sei nicht nur die schiere Anzahl der Menschen, sondern auch wie verwundbar sie sind, was den Hilfsorganisationen zu schaffen mache.

"Wir haben Berichte aus den medizinischen Einrichtungen, mit denen wir zusammenarbeiten, dass schwangere Frauen dort hinkommen, vor dem Geburtstermin, präventiv, einfach nur um Schutz zu suchen", erzählt der Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen. Das Problem für die Menschen sei nicht nur, einen fahrbaren Untersatz zu finden, selbst die Suche nach einem Platz zum Schlafen erweise sich als schwierig, berichtet er. Die Leute schlafen im Freien, denn die Flüchtlingslager im Norden sind vollkommen überfüllt, es mangelt an allem.

"Die Menschen in Idlib haben keinen anderen Ort, an den sie weiterfliehen können. Im Süden der Provinz dauern die Kampfhandlungen an, und dann im Norden, in Richtung türkische Grenze ist Sackgasse." Christan Reynders, Ärzte ohne Grenzen
Schon vor dieser letzten Flüchtlingswelle lebten in diesen Lagern im Norden Hunderttausende", schildert er und zieht dann einen Vergleich. Man stelle sich vor, man fliehe durch sein eigenes Land in Europa. "Du bist auf der Flucht, übernachtest irgendwo in einem Gebirge, zwischen den Felsen oder im Schlamm oder neben einer großen Müllhalde. Du musst einfach etwas zum Schlafen finden. Wir sind mitten im Winter. Es ist kalt. Und du hast alles verloren, dein Haus, deinen Unterschlupf, du hast nicht einmal einen Platz zum Kochen und wenn du einen Platz findest, dann hast du keine Ressourcen mehr. Was würdest du machen?", fragt er. "Die Menschen in Idlib haben keinen anderen Ort, an den sie weiterfliehen können. Im Süden der Provinz dauern die Kampfhandlungen an, und dann im Norden, in Richtung türkische Grenze ist Sackgasse", zeichnet Reynders die aussichtslose Lage der Menschen.

In der Türkei werden die gegenwärtigen Optionen abgewogen. Eine Öffnung der Grenze wäre innenpolitisch problematisch in einem Land, das bereits drei Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen hat. Hält die Türkei die Grenze geschlossen, riskiert sie eine humanitäre Katastrophe. Alle bisherigen diplomatischen Versuche, auch mit Hilfe Russlands diese Offensive in Syrien zu stoppen, sind bisher gescheitert.

Auch bei einer aktuell angesetzten Sitzung des UN-Sicherheitsrats am Donnerstag beschrieben der UN-Vermittler für Syrien, Geir Pedersen, und UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock ein düsteres Bild von der Lage. Der Rat bekräftigte seine Rufe nach einem neuen Anlauf für eine Waffenruhe. Am Samstag soll nun eine russische Delegation in die Türkei reisen. Das kündigte am Freitag der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu an.

Im Moment sei es die pure Verzweiflung, die die Menschen in Idlib in den Autokonvois Richtung Norden treibe, meint Christian Reynders. Die einzige Hoffnung der Menschen in Idlib sei, sich irgendwo in Sicherheit bringen zu können. "An irgendeinen Ort, an dem nicht jeden Tag Bomben vom Himmel fallen oder an dem nicht weit von dir entfernt Artilleriegeschosse einschlagen", sagt er, "einfach weg von diesem furchtbaren Ort, an dem du nicht weißt, ob du diesen Tag überleben wirst."