Im Trümmerfeld könnte auch die Wahrheit verschüttet bleiben

Martin Gehlen

Von Martin Gehlen

Fr, 07. August 2020

Ausland

Aufklärung oder Vertuschung? Die allgegenwärtige Korruption und die politischen Rivalitäten könnte die Suche nach den Verantwortlichen im Libanon verhindern.

Auf ihrem letzten Foto strahlen die Feuerwehrleute in dem Minibus in die Kamera, neun Männer, eine Frau. Brand im Hafengelände, sie glauben sich am Dienstagnachmittag auf einem Routineeinsatz. Sie schicken das Handyfoto in die Welt, bevor sie vor Ort versuchen, mit einer Brechstange das schwere Eisentor der Halle 12 zu öffnen, um an den Brandherd heranzukommen, dessen Rauch aus den Oberlichtern quoll. Plötzlich explodiert die Halle neben dem Getreidesilo. Eine erste Säule aus grau-weißem Rauch schießt in den Himmel, wie Handyvideos zeigen. Kaum 30 Sekunden später verwandelt ein orange-roter Mammut-Pilz von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat halb Beirut in ein Trümmerfeld.

137 Tote sind bisher geborgen, darunter die zehn Feuerwehrleute. Mehr als 5000 Menschen sind verletzt, 300 000 haben ihre Wohnung verloren. Nun konzentriert sich die verzweifelte Wut der Libanesen vor allem auf die Frage, wer die Verantwortung für die Katastrophe trägt. Bis Montag gab Libanons Regierung der nationalen Untersuchungskommission Zeit. Noch vor den Festnahmen am Donnerstag waren Verantwortliche des Hafens unter Hausarrest gestellt worden. Sie gelten als hochgradig korrupt. Heimlicher Herrscher an den Kais ist die Hisbollah. Die Schmiergelder der Importeure machen den Beiruter Hafen zu einer der lukrativsten Einnahmequellen des Landes.

Der Chef der Zollbehörde, Badri Daher, reklamiert für sich in einem Fernsehinterview, zwischen 2014 und 2017 in sechs Briefen an die Justiz vor den Gefahren gewarnt zu haben, ohne dass jemals eine Reaktion erfolgte. Seit Mittwoch werden die für Beirut bestimmten Schiffe zu dem wesentlich kleineren Hafen von Tripoli umgeleitet. Nach Informationen der Zeitung L’Orient – Le Jour hat dort sofort der Streit zwischen den verschiedenen Clans begonnen, wie nun die Schmiergelder für die zusätzlichen Container für Beirut verteilt werden sollen.

Wegen dieser allgegenwärtigen Korruption bezweifeln viele Libanesen, dass die ganze Wahrheit über Halle 12 jemals ans Tageslicht kommt. Er habe keine Ahnung, was das erste Feuer ausgelöst habe, sagt der Generaldirektor des Hafens, Hassan Koraytem, und fügt hinzu, es sei jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, nach Schuldigen zu suchen. "Wir leben in einer nationalen Katastrophe."

Innenminister Mohammad Fahmy erklärt, man brauche bei den Ermittlungen keine Unterstützung internationaler Experten. Das nährt den Verdacht, dass sich in Halle 12 auch ein Waffenlager der Hisbollah befand. Die Umstände, die zu der Detonation des gelagerten Materials führten, seien bisher nicht klar, schreibt die Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch. Sie fordert eine internationale Ermittlungskommission. Dies sei "die beste Garantie, dass die Opfer der Explosion die Gerechtigkeit bekommen, die sie verdienen."

Unterdessen läuft die internationale Hilfe. Flugzeuge bringen Hilfsteams sowie Medikamente, Zelte und Feldlazarette. Retter mit Hundestaffeln versuchen, Lebende unter den Trümmern eingestürzter Häuser zu finden. Ein junger Mann konnte geborgen werden, der zehn Stunden lang eingeklemmt war.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron reist als erster ausländischer Staatschef nach Beirut, wo er bei einer Tour durch das zerstörte Stadtzentrum von wütenden Anwohnern mit Buhrufen empfangen wurde. "Wir lassen den Libanon nicht allein", sagt er bei seiner Ankunft, mahnt aber die politische Klasse des Landes, wenn die dringend nötigen Reformen nicht angepackt würden, werde es "mit dem Libanon weiter bergab gehen".