Mobilität

Im Ausland halten sich Elektro-Rollerfahrer kaum an Regeln

André Anwar, Martin Dahms, Knut Krohn, Julius Müller-Meiningen, Anja Reich und Franz Schmider

Von André Anwar, Martin Dahms, Knut Krohn, Julius Müller-Meiningen, Anja Reich & Franz Schmider

Do, 16. Mai 2019 um 15:00 Uhr

Deutschland

Trottinette, Monopattini und Elscootrarna: Im Ausland sind die E-Roller längst unterwegs. Doch es kommt zu vielen Problemen. In Tel Aviv stiegen die Unfälle stark an.

Deutschland

Der Bundesverkehrsminister will neuen Formen der Fortbewegung den Weg ebnen, in nicht allzu ferner Zukunft Lufttaxis, zuvor elektrischen Kleinstfahrzeugen. Bei den kleinen E-Rollern – nicht zu verwechseln mit einer Vespa mit Elektromotor – muss der Bundesrat am Freitag noch entscheiden, wo sie fahren sollen. Fußgänger wittern die Gefahr, zur wandelnden Slalomstange herabgestuft zu werden, Fahrradfahrer fürchten die zunehmende Enge auf Radwegen.

Laut einer Umfrage des Vergleichsportals Verivox hält eine knappe Mehrheit der Deutschen die E-Roller zwar für unsicher, 22,6 Prozent der Befragten sagen sogar, sie stellten eine Gefahr dar. 28 Prozent lehnen es entsprechend ab, sie auf Gehwegen zuzulassen. Zugleich sagt aber jeder Vierte, er wolle sich "auf jeden Fall" oder "wahrscheinlich" einen solchen Roller zulegen.

Eine andere Umfrage des Instituts YouGov ergab zudem, dass 67 Prozent eine Altersfreigabe der E-Scooter ab zwölf Jahren ablehnen. In einer weiteren Umfrage von Forsa für den TÜV sagten 56 Prozent, sie könnten sich vorstellen, mit einem E-Scooter zu fahren. 83 Prozent plädierten dafür, E-Scooter sollten auf Radwegen fahren, für die Zulassung auf der Straße sprachen sich 22 Prozent aus, nur 11 Prozent befürworten die Zulassung auf Gehwegen.

Basel

Die Elektrokleinstfahrzeuge, über die in Deutschland gerade diskutiert wird, heißen in der Schweiz "Trottinette" – und die gehören in Basel längst zum Alltag. Derzeit haben vier Verleihfirmen 800 von ihnen im Einsatz. Nutzen darf man sie in überall dort, wo auch Radfahren erlaubt ist, also nicht auf reinen Gehwegen. Mindestalter ist 16 Jahre.

Das ist der Stand. Wie es weitergeht, speziell beim Verleih, darüber wird noch beraten, der Kanton Basel arbeitet an einem Gesamtkonzept, sagt Nicole Ryf vom zuständigen Baudepartement des Kantons. Da man aber nicht warten wollte, bis es vorliegt, probiert Basel den Einsatz des neuen Verkehrsmittels schon einmal aus. Verleiher dürfen öffentlichen Grund und Boden nutzen, es reicht eine Anmeldung. Bedingung: Ein Verleiher darf maximal 200 Fahrzeuge aufstellen. Damit soll verhindert werden, "dass der öffentliche Raum überstrapaziert wird" und am Ende diese ungenutzt rumstehen oder -liegen. Derzeit sind in Basel vier Firmen am Start, alle haben den Rahmen ausgeschöpft.

Zweite Auflage: Die Verleiher müssen dafür sorgen, dass die Fahrzeuge nicht alle an einem Ort abgestellt sind, sie müssen über das Stadtgebiet verteilt sein, damit stets ein Roller in zumutbarer Entfernung bereitsteht. Da die Akkus regelmäßig aufgeladen werden müssen, haben die Verleiher Mitarbeiter im Einsatz, die die Roller einsammeln und entsprechend neu verteilen. Von einer Häufung von Unfällen ist der Polizei in Basel nichts bekannt. Auch nicht in Zürich. Dort aber sei die Atmosphäre leicht gereizt, weil sich viel Rollerfahrer kaum an Regeln halten, so ein Sprecher.

Paris

In Paris sind die Trottinettes innerhalb von zwei Jahren zu einer wahren Plage geworden. Nach offiziellen Angaben sind inzwischen rund 15 000 der Gefährte auf den Straßen der Hauptstadt unterwegs. Zu einem Problem sind vor allem die Leih-Roller von inzwischen elf Anbietern geworden. Sie blockieren oft die Gehwege, zudem kam es immer wieder zu Unfällen. Aus diesem Grund wurde nun in einer "Charta des guten Benehmens" eine Reihe von Regeln erlassen. So ist zum Beispiel das Fahren auf dem Gehweg verboten. Wer dennoch erwischt wird, muss 135 Euro bezahlen.

"Die Regelungen sind leider notwendig, da sich einige Benutzer der Fahrzeuge nicht angepasst verhalten und in gefährlicher Art und Weise unterwegs sind", erklärt ein Sprecher der Stadt Paris. Zudem dürfen E-Roller künftig nur noch auf ausgewiesenen Flächen abgestellt werden. Diskutiert werden zudem eine Helmpflicht und die Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit auf 25 Kilometer pro Stunde.

Rom

Rom ist die Stadt der Motorini, der motorisierten Roller, aber bisher nicht der Monopattini, der elektrisch angetriebenen Tretroller. Kopfsteinpflaster, Schlaglöcher, der chaotische Verkehr und viele Fußgänger machen die Fortbewegung per E-Tretroller, Monowheels oder Hoverboards bislang so gut wie undenkbar. Die italienische Hauptstadt hat ein Mobilitätsproblem, das mittelfristig auch durch den neuen Hype auf dem Markt der Mobilitäten nicht gelöst werden wird. Hersteller und Verleihfirmen meiden Rom.

In Mailand dagegen startete der Hersteller Helbiz mit 250 E-Scootern, die man pro Fahrt für einen Euro mieten kann. Jetzt sollen noch einmal 500 Stück dazukommen, im vergangenen halben Jahr nutzten die Mailänder das neue Angebot für 100 000 Fahrten. "Demnächst fangen wir auch in Turin, Bologna, Florenz und Pisa an", sagt Salvatore Palella von Helbiz. Rom bleibt unerwähnt. Was die Regelungen für den Einsatz angeht, herrscht bei den E-Scootern noch Narrenfreiheit. Das soll sich im Sommer ändern. Das Verkehrsministerium hat ein Dekret entworfen, mit dem eine Experimentierphase geregelt werden soll. Städte und Gemeinden müssen sich entscheiden, ob und wo die Testfahrten gestattet werden sollen.

Stockholm

Bereits seit September rollen die "Elscootrarna" durch Schwedens Hauptstadt. Rund 2000 sollen es derzeit sein. Mit steigenden Temperaturen soll sich ihre Anzahl bis Sommer verdoppeln. Doch schon jetzt ist in den lokalen Medien häufiger von einem "Krieg um die Straßen von Stockholm" zu lesen. Zehn Anbieter von E-Scootern, E-Mopeds und Mietfahrrädern sind auf dem Markt, drei, vier weitere Firmen stehen in den Startlöchern. Laut Verkehrsamt wollen die etablierten Anbieter zudem die Anzahl ihrer Roller aufstocken.

Dies, obwohl die renommierte Wirtschaftszeitung Dagens Industri enthüllte, dass die meisten der vermeintlich umweltfreundlichen E-Scooter schon nach fünf Wochen kaputt sind, statt wie erwartet zwei bis drei Monate zu halten. Unklar ist, wie sie entsorgt werden. Im Gegensatz zu den meisten Stockholmer Fahrradfahrern nutzen E-Rollerfahrer keine Helme, auch wenn sie gern mal mitten auf stark frequentierten Autostraßen fahren.

Von schlimmen Unfällen ist aber nichts bekannt. Der Umgang mit den E-Scootern ist so ungeregelt, weil sie Fahrrädern gleichgestellt sind. Es gibt keine Verkehrsregeln, die Minderjährigen die Nutzung verbieten, auch wenn die Anbieter pro forma nur volljährige Nutzer erlauben. Helmpflicht besteht nur für unter 15-jährige. Bislang funktioniert es.

Tel Aviv

Die Hayarkon ist eine der schönsten Straßen in Tel Aviv. Sie führt am Strand entlang, und sie hat einen Radweg, auf dem man gemütlich von einem Ende der Stadt zum anderen fahren kann, ohne mit den leidenschaftlichen israelischen Autofahrern mithalten zu müssen. Fahren konnte, muss man wohl sagen. Seit im Sommer der E-Scooter-Boom in Tel Aviv eingesetzt hat, kommen sie von links, von rechts, von vorne, von hinten, sind rasend schnell oder nervtötend langsam unterwegs, werden mitten auf dem Bürgersteig abgelegt, am Strand oder gerne auch mal ins Meer geworfen.

Vor allem aber sind es viele, sehr viele.

Weil man schneller als mit dem Auto ans Ziel gelangt, der öffentliche Nahverkehr in Tel Aviv schlecht ausgebaut ist, und weil es so wunderbar einfach ist: Man liest den Roller vom Straßenrand auf, schaltet mit der App den Motor an und fährt los. 250 000 E-Bikes, E-Scooter und Leih-Roller sind derzeit in Israel unterwegs. Statt lange über die Vor- und Nachteile zu diskutieren, wurden sie einfach zugelassen – was seinen Preis hat.

Im vergangenen Jahr kamen 16 Menschen bei Unfällen ums Leben, darunter vier Kinder. Seit Jahresbeginn gab es bereits fünf Todesopfer. Zum 1. Januar wurden die Regeln verschärft: Das Fahren auf Gehwegen und das Benutzen von E-Bike oder E-Scooter unter 16 Jahren ist verboten. Bei Verstößen drohen empfindliche Strafen: Fahren mit Telefon in der Hand kostet 250 Euro, Fahren auf dem Bürgersteig 60 Euro, Fahren mit zwei Kopfhörern 60 Euro.

Madrid

So plötzlich, wie sie auftauchten, waren sie wieder verschwunden. Einen Sommer lang waren die Patinetes, wie die kleinen Elektroroller in Spanien genannt werden, der große Hit in Madrid, aber auch ein großer Aufreger, weswegen die Stadtverwaltung sie Anfang Dezember alle wieder einsammeln ließ. Nachdem Ordnung geschaffen wurde, kehren sie jetzt langsam zurück. Die drei Unternehmen, die im vorigen Sommer ihre Mietroller über die spanische Hauptstadt verteilten, hatten keine Regeln oder Vorschriften abgewartet. Vor allem junge Leute waren begeistert und kurvten rum, wo und wie es ihnen passte. Patinetes rollten und standen überall – das war der eine Aufreger.

In einer Vorstadt von Barcelona wurde eine 92-Jährige in der Fußgängerzone von einem Patinete angefahren, sie starb an den Folgen des Sturzes. In Madrid dürfen die Roller jetzt nur noch auf Radwegen oder in Einbahnstraßen (das sind die meisten in der Stadt) unterwegs sein; Mindestalter für die Miete ist 16; Helm ist nicht Pflicht, wird aber empfohlen; und die Anbieter müssen eine Haftpflichtversicherung für die von ihren Kunden angerichteten Schäden abschließen. Im Februar vergab die Stadt Lizenzen für 10 000 Patinetes an 18 Firmen, 12 von ihnen sind jetzt auch wirklich aktiv und haben die Stadt wieder mit Rollern überzogen.

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