Imame "made in Germany"

Yuriko Wahl-Immel

Von Yuriko Wahl-Immel (dpa)

Sa, 11. Januar 2020

Deutschland

In der Eifel eröffnet die Islam-Organisation Ditib ein neues Ausbildungszentrum / Noch ist die Nähe der Theologen zur Türkei groß.

Es ist ein viel beachteter Startschuss: Die bundesweit größte Islam-Organisation Ditib bildet nach anhaltender Kritik jetzt erstmals einen Teil ihrer Imame in Deutschland aus. Die Türkisch-Islamische Union hat dafür im Eifel-Ort Dahlem ein neues Zentrum errichtet. Es handele sich um einen "Neuanfang" mit zunächst 22 Teilnehmern, sagte der Ditib-Bundesvorsitzende Kazim Türkmen jetzt zur Eröffnung. Er sprach von einer "historischen Entwicklung nicht nur für Ditib, sondern auch für Deutschland". Gewinnt der Verband mit bundesweit gut 1000 Moscheegemeinden damit wieder verlorenes Vertrauen zurück?

Bund und Länder fordern schon länger vehement eine Loslösung von der Türkei. Die Imame der Ditib werden bislang aus der Türkei entsandt und allesamt von der Religionsbehörde Diyanet in Ankara bezahlt. Von den 1100 hierzulande tätigen Religionsbeauftragten sind laut Ditib 110 deutschsprachig. Nun sollen sukzessive die Imame "made in Germany" hinzukommen. Vor einem Jahr hatte der Verband Reformen versprochen, war aber Belege dafür zunächst schuldig geblieben. Jetzt also die neue Ausbildung – und Staatssekretär Markus Kerber aus dem Bundesinnenministerium lobt: "Damit wird eine Alternative zur Entsendung der Imame aus der Türkei geschaffen." Es sei "ein wichtiger, aber nur ein erster Schritt". Offen bleibe etwa: Wo werden die Imame eingesetzt, werden sie zumindest mittelfristig von den Gemeinden in Deutschland selbst bezahlt?

Das neue Konzept hat allein die Ditib-Akademie erstellt, wie deren Leiterin Seyda Can schilderte. Vor allem praxisorientiert soll es zugehen, das bedeutet viel Einsatz in einer Moscheegemeinde. In Dahlem absolvieren die zwölf Frauen und zehn Männer ihre Theoriewochen, überwiegend auf Deutsch, sagte Can. Es gebe auch externe Dozenten deutscher Hochschulen. Auf dem Programm stehen islamisches Recht, der Koran, deutsches Religionsverfassungsrecht, Redekunst und auch Themen wie antimuslimische Ressentiments. Die Ausbildung zahlt Ditib. Man sei offen für Absolventen der Islamischen Theologie aus deutschen Hochschulen, hieß es. Unter den 22 Neuen hätten aber 18 in der Türkei studiert.

Das bemängelt der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) an der Universität Münster. "Es ist nicht nachvollziehbar, warum Ditib Abiturienten in die Türkei entsendet, um dort islamische Theologie zu studieren", meinte er. Die künftigen Religionsbeauftragten sollten aus einem der inzwischen sieben Zentren der Islamischen Theologie in Deutschland kommen. Es braucht Khorchide zufolge dringend Imame, die mit der Lebenswelt der Menschen in Deutschland vertraut seien. Sie sollten den Muslimen Antworten geben können, die ihnen "sowohl das Muslim-Sein als auch die Identifikation mit der deutschen Gesellschaft als Heimat ermöglichen".