Neues Lernen mit Hilfe des Computers

Renate Allgöwer und Yannik Buhl

Von Renate Allgöwer & Yannik Buhl

Fr, 15. März 2019

Deutschland

Mit dem Digitalpakt bekommen die Länder Geld vom Bund, um Schulen auszurüsten / Wie wirkt sich das auf den Unterricht aus?.

BERLIN. Computerräume in der Schule sind David Warneck ein Graus. Für den Lehrer der Gemeinschaftsschule in Ostfildern sind sie ein Relikt aus den Anfangszeiten des Computerzeitalters. "Die Ausstattung ist oft veraltet, und medienpädagogisch sind die Räume fragwürdig", sagt er. Schließlich können so immer nur wenige Klassen Computer für den Unterricht nutzen, und die spielerische Integration in verschiedenen Fächern ist schwierig. Viele Schulen im Südwesten haben diese Räume aber noch. Denn um die Klassenzimmer mit Laptops oder Tablets auszurüsten, fehlt häufig bisher das Geld.

Lehrkräfte müssen Medienpädagogik lernen

Das soll sich nun ändern. Bund und Länder haben sich nach jahrelangem Vorlauf auf einen Digitalpakt verständigt, den am Freitag der Bundesrat wohl endgültig beschließen wird. Fünf Milliarden Euro wird der Bund in den kommenden fünf Jahre an die Länder überweisen – mit der ersten Rate im zweiten Halbjahr 2019.

Der Digitalpakt könne die Medienbildung hierzulande endlich voranbringen, sagt Thomas Knaus, Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg: "Die Schule der Zukunft benötigt medienpädagogisch gut ausgebildete Lehrer wie auch eine geeignete technische Infrastruktur." In Deutschland hapere es oft an der Ausbildung: "An nur 53 Standorten können angehende Lehrer medienpädagogische Inhalte studieren", sagt Knaus.

Die Ludwigsburger Studierenden, für die Medienpädagogik ein Pflichtfach ist, beklagten wiederum, dass sie in den Schulen keine geeignete Ausstattung vorfinden. Tablets wird es trotz Digitalpakt nicht für alle Schüler geben – dafür reicht das Geld nicht. Denn für allgemeinbildende Schulen ist die Summe für Tablets und Laptops pro Schule auf 25 000 Euro über die fünf Jahre gedeckelt.

Denn der Digitalpakt fördert vor allem die technische Infrastruktur an den Schulen, sozusagen die digitale Grundausstattung. "Ich wünsche mir, dass alle Schulen W-Lan haben", sagt etwa Lehrer Warneck. "Und zwar eines, das stabil und sicher ist." Durch den Digitalpakt können Schulen zudem Lernplattformen, Schulserver, Schulclouds und interaktive Tafeln einrichten.

Karin Broszat, Rektorin der Realschule in Überlingen am Bodensee, wünscht sich für alle Schulen im Land in jedem Klassenzimmer einen Laptop, einen Beamer und einen Dokumentenleser. Letzteres ist eine Art digitaler Tageslichtprojektor, mit dem Bücher und Arbeitsblätter per Beamer an die Wand projiziert werden. "Das gehört zur Grundausstattung", findet Broszat. Ihr Kollege Oliver Hintzen, Rektor der Johann-Belzer-Grund- und Werkrealschule in Weisenbach im Nordschwarzwald, betont zudem die Notwendigkeit von IT-Sicherheit an den Schulen: "Wir brauchen sicheres W-Lan und entsprechende Jugendschutzfilter."

Die digitale Infrastruktur wird dank des Digitalpaktes also deutlich komplexer werden. Viele Rektoren im Land wünschen sich deshalb eine professionelle Wartung der IT-Infrastruktur, zum Beispiel durch eine externe Firma oder einen eigenen Systemadministrator. Heute machen das Lehrer – oft ehrenamtlich oder innerhalb weniger Stunden pro Woche, die sie dafür unterrichtsfrei bekommen. Durch den Digitalpakt gibt es dafür aber kein Geld. Das Kultusministerium betont, die Wartung sei Sache der Kommunen.

Wie sehr verändert sich der Unterricht, wenn die Schulen digitaler werden? Das bleibt jeder Schule selbst überlassen. Bevor aber Geld fließt, muss jede Schule einen "Medienentwicklungsplan" schreiben, also ein Konzept, wie die beantragten digitalen Medien im Unterricht eingesetzt werden sollen. "Es ist wichtig, dass die Pädagogik neue Medien funktional einsetzt", sagt Elke Ray, Rektorin des Gymnasiums Ochsenhausen. Der Unterricht werde sich inhaltlich nicht ändern, das Lernziel bleibe im Vordergrund. Auch bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sieht man das so: "Technik allein macht nichts besser", sagt die baden-württembergische Landesvorsitzende Doro Moritz.

Digitale Technik sollte in allen Fächern eingesetzt werden

Wie könnte so ein Konzept aussehen? Oliver Hintzen aus dem Schwarzwald erzählt: "Es gibt bereits fertige Pakete auf dem Markt, die neue Medien in den Unterricht integrieren." Beispielsweise könnten Schüler mit einem Tablet draußen unterwegs sein, um Pflanzen und Tiere zu bestimmen. Sie könnten Fotos von ihren Funden machen und direkt Notizen dazu – ein eigenes Bestimmungsbuch entsteht. Martin Fix, Rektor der PH Ludwigsburg, hält es für noch wichtiger, Digitalisierung als Querschnittsthema in alle Fächer zu integrieren: "Wenn es um Aufgaben und Lernmaterial für Mathematik in der Grundschule geht, müssen analoge und digitale Materialien und Formate gleichberechtigt behandelt werden."

An Materialien fehle es nicht, versichern die Schulbuchverlage. Rektor Fix hält aber gerade die Fülle des Unterrichtsmaterials für eine als Herausforderung: "Ein digital kompetenter Lehrer sollte die Qualität des Materials einschätzen und es anpassen können." Allerdings machen digitale Unterrichtshilfen beispielsweise beim Stuttgarter Klett-Verlag bisher nicht einmal zehn Prozent des Umsatzes aus.

Die Erwartungen an die Lehrkräfte jedenfalls sind hoch. Die EU-Kommission hat sie im "Europäischen Rahmen für die digitale Kompetenz von Lehrenden" gesammelt. So sollen Lehrer etwa "neue Formate und didaktische Methoden entwickeln und ausprobieren", aber auch die Medienkompetenz fördern. Schüler sollen so lernen, mit den digitalen Medien Informationen zu finden und "die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit dieser Informationen und ihrer Quellen kritisch zu bewerten", heißt es seitens der EU.

Für Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) ist der Digitalpakt wichtig, aber "wir fangen nicht bei Null an". Modellversuche wie Tabletklassen zeigten, dass digitale Geräte sinnvolle Hilfsmittel seien. Die Digitalisierung sei jedoch "nicht das Allheilmittel": "Im Mittelpunkt eines guten Unterrichts stehen immer noch die Lehrer."