Wie einst im Hambi

Gerhard Kneier und dpa

Von Gerhard Kneier & dpa

Mi, 16. September 2020

Deutschland

In Hessen wollen Aktivisten mit Zeltlagern und Baumbesetzungen den Dannenröder Forst retten / Dort sollen 27 Hektar Wald dem Weiterbau der Autobahn 49 weichen .

. Demonstrativ haben die Linken im Hessischen Landtag am Dienstag ihre Fraktionssitzung von Wiesbaden in den Dannenröder Forst in Mittelhessen verlegt. Dort sollen in Kürze 27 Hektar Wald für den Weiterbau der Autobahn 49 gerodet werden. Fraktionsvize Jan Schalauske bekundete den mehreren Hundert gegen das Vorhaben kämpfenden Aktivisten vor Ort die Solidarität der Partei und sprach von einem "Planungsdinosaurier der 1960er-Jahre". Gruppen wie Attac Deutschland, Robin Wood und Extinction Rebellion hatten sich zuletzt hinter die Proteste gestellt. Es sind auch Aktivisten vor Ort, die bereits im Hambacher Forst in NRW Bäume besetzt hatten, um dessen Abholzung für den Braunkohleabbau zu verhindern. Damals gab es auch Angriffe auf Polizisten.

Die Grünen-Bundestagsfraktion forderte am Dienstag die Bundesregierung auf, den Weiterbau der Autobahn zu stoppen. "Wir Grüne halten den Bau der A49 von Anfang an für falsch. Er greift vehement in die Natur ein, zerstört wertvollen Wald und Kulturlandschaft", begründete die Bundestagsabgeordnete Bettina Hoffmann den Antrag der Oppositionsfraktion im Bundestag. Dabei hatten Hessens Grüne, wenn auch zähneknirschend, die A 49 im Koalitionsvertrag mit der CDU selbst abgesegnet. Das erinnert an die Ereignisse in NRW, wo die Grünen einst einen ganzen Parteitag in den Hambacher Forst verlegt hatten (Motto: "Hambi bleibt!", nachdem sie Jahre zuvor dem Ende des Forstes zugestimmt hatten.

Den in der amtierenden Landesregierung Hessens offiziell für den Autobahnbau zuständigen grünen Wirtschafts- und Verkehrsminister Tarek Al-Wazir haben die Autobahngegner zum Buhmann erklärt. Der scheint alles andere als glücklich damit. Schließlich waren die Grünen in der Sache eigentlich immer gegen den Bau der A 49 von Kassel nach Gießen gewesen. Al-Wazir erinnert daran, dass es CDU, SPD und FDP waren, die das Projekt stets befürwortet und auch beschlossen haben. "Wir müssen schlicht feststellen, dass wir diesen Kampf verloren haben", resümiert er mit Blick auf die Wahlergebnisse in der Region, die immer eine Zustimmung zum Bau gezeigt hätten.

Den in Mittelhessen anstehenden Bau des 17,5 Kilometer langen Teilstücks von Stadtallendorf nach Gemünden muss Al-Wazir daher in Auftragsverwaltung des Bundes ausführen, nachdem nicht nur der Bundestag die A 49 beschlossen, sondern auch das Bundesverwaltungsgericht Klagen abgelehnt und den Planfeststellungsbeschluss für gültig erklärt hatte.

Von solchen rechtlichen Erwägungen lassen sich die Waldbesetzer nicht leiten. "Beim Waldspaziergang am Wochenende waren wir 800 Menschen, und derzeit sind im Wald immer zwischen 50 und 200 Leute", sagt Jasper Reimann von der "Task Force Dannenröder Forst", dem Zusammenschluss der Aktivisten gegen den Autobahnbau. Neben einem Camp gehören wie im Hambacher Forst auch Rodungsgegner in Baumhäusern zum Aufgebot. Die Waldbesetzer verweisen darauf, dass der zu fällende Mischwald aus Laub- und Nadelbäumen gesund ist, darunter über 150 Jahre alte Eichen und Buchen. Auch befürchten sie bei dem Autobahnbau Schäden an dem darunter liegenden Wassergewinnungsgebiet. Mit kreativen Aktionen wie einem Schlafprotest auf der Bundesstraße haben die Rodungsgegner in den jüngsten Tagen Furore gemacht, sich aber meist am Ende mit der Polizei auf Kompromisse geeinigt.

Wenn die Rodung beginnt, könnte es hoch hergehen

Mit Beginn der Abholzungen in zwei Wochen könnte die Situation eskalieren. "Bei der Räumung bleiben wir im Wald", kündigt Reimann an. Das gelte auch für Baumhäuser und Camp. Hinzu kommen sollen Demonstrationen rund um den Wald und "andere Formen zivilen Ungehorsams". Von einem "kleinen Hambi" will er nicht sprechen, weil es im Hambacher Forst um den Abbau von Braunkohle und im Dannenröder um einen Autobahnbau geht. Aber: "Wir agieren ähnlich und lernen voneinander."