Ansingen gegen das Unrecht

Das Gespräch führte Stefan Franzen

Von Das Gespräch führte Stefan Franzen

So, 17. November 2019

Rock & Pop

Der Sonntag Aziza Brahim widmet ihre Karriere dem Kampf für die Freiheit ihres Volkes.

Die Sängerin Aziza Brahim aus der Westsahara singt mit gegen das Jahrzehnte andauernde Unrecht gegen ihr landloses Volk, die Sahraui, an. Ihre Alben sind regelmäßig auf Spitzenpositionen der Weltmusikcharts zu finden. Mit ihrer Band tritt sie am Donnerstag in der Kaserne Basel auf.

Der Sonntag: Aziza Brahim, auf dem Cover Ihrer neuen CD sieht man eine junge Ballerina mitten in der Wüste. Welche Aussage verbirgt sich hinter diesem starken Bild?

Als ich dieses wunderbare Bild der Fotografin Ana Valiño das erste Mal sah, war ich sofort inspiriert, es für das Cover zu verwenden. Dieses Foto ist voller Hoffnung und Würde, und es drückt zugleich Träume aus. Träume öffnen unabhängig von den Orten, an denen wir sie haben, einen Weg, in diesem Fall in der so grausamen Wüste. Und sie erheben sich mit der gleichen Würde und Kraft, die wir in der kleinen Ballerina sehen, die sich auf dem Sand dreht, in einer erstickenden Hitze. In dieser Wüste wird ja schon die bloße Existenz zu einer Art Widerstand.
Der Sonntag: Hat das Bild für Sie also eine Symbolkraft im Bezug auf den Kampf der Sahraui um ihr eigenes Land?

Es steht symbolisch für einen Konflikt, der nie gelöst wurde. Die Kämpfe, Illusionen und Träume zu zeigen, etwas, das die ganze Menschheit gemeinsam hat, kann uns helfen, leichter mit einer Ungerechtigkeit fertigzuwerden. Diese Ballerina spricht die Herzen von Menschen an, die uns sehr fremd erscheinen mögen, mit denen wir aber doch viele Gemeinsamkeiten haben.
Der Sonntag: Im Gegensatz zu Ihren früheren Liedern arbeiten Sie aktuell auch mit einem elektronischen Sound. Was hat diese Veränderung ausgelöst?

Die Inspiration dafür kam von der Sängerin und Produzentin Amparo Sánchez (früher Kopf der Band Amparanoia, die Red.), denn sie hat einen großen Erfahrungsschatz damit. Wir haben uns zufällig bei verschiedenen Konzerten getroffen, eine gegenseitige Bewunderung verspürt und sprachen auch über die Möglichkeit eines gemeinsamen Projekts. Nachdem ich die Lieder für die neue Platte geschrieben hatte, erkannte ich, dass jetzt der richtige Moment sei, mit ihr zusammen an der Verwirklichung eines neuen Sounds zu arbeiten. Ob diese Sounds ein jüngeres Publikum anlocken, kann ich schlecht beurteilen, das wäre natürlich genial. Meine Priorität war aber, mit dieser Art von Klängen zu experimentieren und doch meinen Stil und die Besonderheit meiner Musik mit den neuen Facetten im Gleichgewicht zu halten.
Der Sonntag: Können Sie etwas mehr über die traditionellen Elemente Ihrer Musik erzählen?

Rhythmen wie der Agarran, der Serbat, Agassar oder Charaa sind auf diesem Album präsent, werden aber mit einer elektronischen Basis kombiniert. Und dann greife ich immer wieder auf die traditionelle Trommel Tabal zurück, ein Instrument, das exklusiv von Frauen gespielt wird, um Gesänge und Lieder zu begleiten, die spirituell oder religiös sein können, aber auch bei Festen in Gebrauch sind. Dieses Instrument hat die Musik der Sahraui über Jahrhunderte begleitet und ist der Kern der perkussiven Basis. Außerdem singe ich Texte des Poeten Zaim Alal, der einer unserer größten Dichter ist.
Der Sonntag: Ihre Stimme klingt nicht ausschließlich traditionell, sie hat viele Farben auch in Richtung Pop und Jazz. Welches sind Ihre vokalen Vorbilder?

Unglaublich viele Sängerinnen und Sänger haben mich während meines Lebens beeinflusst. Aus der arabischen Kultur kann ich die Ägypterin Oum Kalthoum, die Algerierin Warda oder meine Landsfrau Malouma nennen, aus Afrika haben mich Salif Keita, Miriam Makeba oder Ali Farka Touré beeinflusst. Im Jazz waren es Billie Holiday, Big Mama Thornton oder Nina Simone. Wie ich meine eigene Stimme stilistisch definieren soll, das überlasse ich der Presse.
Der Sonntag: Anfang des Jahres sollten Sie das Abschlusskonzert des Festivals "Arabofolies" im Pariser Institut du Monde Arabe singen, wurden dann aber ausgeladen. Was ist da passiert?

Die Organisatoren haben uns nur inoffiziell über die Hintergründe unterrichtet. Sie haben uns mitgeteilt, wenn sie an meiner Präsenz für das Finale des Festivals festhielten, würden die marokkanischen Investoren ihre Unterstützung zurückziehen. Das ist ein Akt der Zensur gegen meine Identität und gegen das, was ich repräsentiere. Leider war dies nicht der einzige Fall, in dem man mich zensiert hat, nur der auffälligste, er hat einen internationalen Skandal nach sich gezogen. Während der letzten Jahre wurden an etlichen Orten Konzerte annulliert, ohne dass man mir erklärt hätte warum, und manchmal wurde keinerlei Ausgleich für meine finanziellen Verluste gezahlt.
Der Sonntag: In Ihrem Lied "Mujayam" singen Sie: "Wir müssen einen Weg des Friedens gehen, eine friedliche Lösung finden, die diesem wunderbaren Volk entspricht." Was wäre denn ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem nachhaltigen Frieden für die Sahraui? Was kann die internationale Gemeinschaft tun?

Im Prinzip ist das ganz einfach: Die Resolutionen der Vereinten Nationen, die ein Referendum für die Selbstbestimmung des Sahraui-Volkes unterstützen, müssen respektiert werden. Jeder Einzelne von uns sollte wissen, dass es von Seiten der UN legal ist, ein solches Referendum in Gang zu bringen. Die Politiker der internationalen Gemeinschaft sollten auf die Regierung Marokkos Druck ausüben, dass sie endlich davon ablässt, diesen Weg zu blockieren.
Der Sonntag: Wie sieht Ihr Einsatz für Ihr Volk konkret aus? Singen Sie auch in den Flüchtlingslagern, um die Einheit zu stärken?

Ich gehe nicht in die Lager, um dort Konzerte zu geben. Meine Verpflichtung besteht darin, unsere Kultur international zu verbreiten, die Ungerechtigkeiten, unter denen wir leiden, anzuprangern. Das ist meine Art, die Forderungen unseres Kampfes zu verbreiten. Das Gespräch führte Stefan Franzen
Aziza Brahim "Sahari", Glitterbeat/Indigo.
Live am Donnerstag, 21. November, 20 Uhr, Kaserne Basel. Tickets unter http://www.kaserne-basel.ch