HINTERGRUND

Michael Baas

Von Michael Baas

Do, 12. September 2019

Theater

Aufweckprogramme für die Ohren und das Denken

Luigi Nono ist einer der wichtigsten Vertreter der Musik des 20. Jahrhunderts. Anfang 1924 in Venedig geboren studierte auf Wunsch seines Vaters zunächst Jura, schloss dieses Studium auch ab, beschäftigte sich parallel aber auch mit Musik und Kompositionslehre. Nach dem Zweiten Weltkrieg wandte er sich zunehmend der Musik zu und fand Anschluss an die Avantgarde des deutschsprachigen Raums, vor allem an die Zweite oder atonale Wiener Schule um Arnold Schönberg, einem Vordenker der Zwölftontechnik. Mit Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez galt Nono in den 1950er-Jahren als führender Vertreter der neuen seriellen Musik. Schon 1952 war er in die kommunistische Partei Italiens eingetreten, in der er bis zu seinem Tod 1990 aktiv war. Seine Werke sind denn auch eng verknüpft mit humanen und sozialrevolutionären Ideen. 1975 wurde "Al Gran Sole Carico D’Amore" (Unter der großen Sonne von Liebe beladen) uraufgeführt. Dieses mitunter als "Requiem für den Kommunismus" bezeichnete Werk erzählt eine Geschichte tragisch endender Aufstände der Neuzeit – von der Pariser Commune 1871 über die russische Maidemonstration von 1902 bis zum Turiner Aufstand 1942. Nono selbst nannte das Werk eine "szenische Handlung in zwei Teilen". Deren erster bezieht sich vor allem auf die Pariser Commune, der zweite auf den Petersburger Aufstand. Das von Nono mitverfasste Libretto erzählt diese Geschichten primär anhand mehrerer Frauenschicksale und verwendet dazu Texte von Gramsci, Marx, Gorki, Brecht bis hin zu Lenin und Che Guevara. Heute gilt das Werk als einzige Revolutionsoper des 20. Jahrhunderts, als ein Hauptwerk der Avantgarde und durch den collagehaften Charakter als innovativ. Tatsächlich hat es keine Handlung im klassischen Sinne, sondern reiht nach dem Prinzip der Montage Szenen aneinander. Nonos erklärtes Ziel war, mit diesem und anderen Werken "das Ohr aufzuwecken, die Augen, das menschliche Denken."