Nicht ohne ihre "Erika"

Katrin Hillgruber

Von Katrin Hillgruber

Mi, 14. August 2019

Literatur & Vorträge

100 Jahre nach ihrem Aufbruch erscheint "Einsame Weltreise" der Schriftstellerin Alma M. Karlin neu.

Eine Statue der Weltreisenden im aufspringenden Mantel mit Hut und kleinem Koffer schmückt das Zentrum von Celje/Cilli. Aus dieser slowenischen Kleinstadt brach Alma Maximiliana Karlin am 24. November 1919 nach Triest auf; beide Städte hatten bis 1918 zur Habsburgermonarchie gehört. Nichts konnte die 30-jährige, deutschsprachige Majorstochter mit dem modernen Pagenkopf davon abhalten, ferne Kontinente zu erkunden und darüber Reisefeuilletons verfassen. Denn Karlin vernahm den "Ruf einer gestellten, unabweisbaren Aufgabe".

In Skandinavien hatte Alma M. Karlin erste erfolgreiche Versuche als Schriftstellerin unternommen, 1921 erscheint in Dresden ihr Debüt "Mein kleiner Chinese". Unverzichtbare Begleiterin ist daher ihre Reiseschreibmaschine "Erika", die sie sorgsam in einem Wollplaid hütet. Das Budget für die Fahrt von Amerika über Japan und China bis in die Südsee muss sich Karlin unterwegs durch Artikel, Übersetzungen und Fremdsprachenunterricht verdienen. Bienenfleiß, Selbstdisziplin sowie ein zäher Magen sind daher unerlässlich. Außerdem führt sie ein selbstgeschriebenes Wörterbuch in zehn Sprachen mit sich. Ihre Feuilletons zeichnet vor allem ihre plastische Beobachtungsgabe aus, verbunden mit einer köstlichen Selbstironie.

In Genua will sich die selbsternannte "Kolumbustochter" nach Südamerika einschiffen. Ihr Traumziel Argentinien bleibt der Slawin verwehrt, da man dort Angst vor Bolschewiken hat. Sie entscheidet sich stattdessen für Peru, für das sie problemlos ein Visum erhält, was sie stutzig macht. Diese pragmatische Abenteuerlust verbindet die Autorin mit anderen alleinreisenden Frauen wie der Wienerin Ida Pfeiffer oder den Schweizerinnen Isabelle Eberhardt und Annemarie Schwarzenbach. Karlins Interesse ist dabei in erster Linie ein journalistisches.

Endlich nach der beschwerlichen Überfahrt in der dritten Klasse angekommen, sollten sich in Peru Karlins ungute Vorahnungen bewahrheiten. Eine unbegleitete weiße Frau stellt für die männlich bestimmte indianische Bevölkerung eine ungeahnte Sensation und Herausforderung dar. Den schlimmsten Angriff erlebt sie in Arequipa. Indianer umzingeln das Haus ihrer Gastgeber und fordern die Herausgabe der Fremden, die sie für eine chilenische oder bolivianische Spionin halten: "Mein kurzes Haar allein beweise, dass ich unmöglich eine Frau sein könne. Sie wollten mich ausgeliefert haben, um mich zu entkleiden und…"

Die Verzweifelte erwägt, mit einem Brotmesser Suizid zu begehen, als in letzter Minute eine Polizeimannschaft eingreift. Da Karlin trotz aller Vorsichtsmaßnahmen immer wieder beraubt und belästigt wird, spricht sie verächtlich von den "Mannszweibeinern", was ihren Notizen einen Touch von Blaustrümpfigkeit verleiht. Ausnahmen macht sie nur für wenige Exemplare wie den "Herrn Schwarm", einen japanischen Arzt. In China trinken sie in herrlichen Blumengärten Tee und besichtigen "düstere Tempel, auf deren Toren langnägelige Götter im Zwiegespräch standen".

Auf bestimmte Nationalitäten ist Alma M. Karlin ebenso schlecht zu sprechen: Die US-Amerikaner, auf die sie zuerst in Panama trifft, verachtet sie wegen ihrer Oberflächlichkeit, die damaligen Reichsdeutschen wegen ihrer Unfreundlichkeit. Letzteres bessert sich, als sie eine Stellung an der deutschen Botschaft in Tokio erhält. 1927 kehrte Alma M. Karlin nach Celje zurück.

Obwohl sie zur meistgelesenen Reiseschriftstellerin ihrer Zeit wurde, starb sie 1950 mit nur 60 Jahren verarmt und vergessen in einem slowenischen Bergdorf. Als Deutschsprachige sah sie sich nach 1945 in Jugoslawien hartnäckigen Vorurteilen ausgesetzt. Durch die NS-Besatzung sei Deutsch noch lange verpönt gewesen, schreibt die Herausgeberin Jerneja Jezernik im Nachwort. Durch ihre Karlin-Übersetzungen trug Jezernik dazu bei, dass die Autorin von "Im Banne der Südsee", "Windlichter des Todes" oder "Erlebte Welt. Das Schicksal einer Frau" inzwischen als Teil des slowenischen Kulturerbes anerkannt ist.

Alma M. Karlin: Einsame Weltreise. Hgg. und mit einem Nachwort von Jerneja Jezernik, mit einer Einleitung von Britta Jürgs. Aviva Verlag, Berlin 2019. 400 Seiten, 22 Euro.