Sommertheater

"Amphitryon" von Peter Hacks im Freiburger Rathaushof

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

Mo, 22. Juli 2019 um 20:32 Uhr

Theater

Mehr als eine Verwechslungskomödie: Das Wallgraben Theater zeigt "Amphitryon" des DDR-Dramatikers Peter Hacks im Freiburger Rathaushof.

Gerade noch konnte man im Freiburger Rathaushof am Himmel dem Flug der Schwalben zusehen, nun klingt es, als machte ein Adler Jagd auf eine Taube. Jupiter (Achim Barrenstein) hat sich zu den Menschen herabgelassen. Alkmenes (Natalia Herrera) wegen, der Frau des Feldherrn Amphitryon (Peter Haug-Lamersdorf), der mal wieder in den Krieg gezogen ist. Jupiters Bote Merkur (Christian Theil) mag nicht recht verstehen, was seinen Chef ein ums andere Mal sich derart vergessen lässt, dass er mit Frauen anbändelt. Alkmene wirkt geradezu nachlässig, als sie im Negligé auf die Rampe tritt, große Lockenwickler im Haar, die mit einer unwirschen Geste in der Ecke landen, sie kratzt sich zwischen den Brüsten. Jupiter jedoch hat eher Augen für ihre Gestalt.

Ist es Liebe oder wurmt es ihn, dass sie ihren Gatten mit dem Gott vergleicht? Wie auch immer: Er wird die Kleidung Amphitryons überziehen, um Alkmene zu täuschen und zwei Liebesnächte mit ihr verbringen. Und da der Gott über Tag und Nacht herrscht, werden diese so lang wie intensiv. Die Eule siegt über den Hahn, der mit seinem Schrei den Morgen ankündigt. Der Moment, in dem Jupiter ledlich in silbernen Leggins auf der Freiluftbühne steht, zeigt: Ganz so göttlich sind die Götter hier nicht. Eher sehr irdisch.

Das Wallgraben Theater hat eine eigene Geschichte mit dem Stoff, der so komisch wie tiefsinnig ist. Da ist einerseits der klassische Hahnrei-Plot, andererseits das Thema der Identität, das Heinrich von Kleist zu einem der bedeutendsten deutschen Dramen bewegte. Im Wallgraben Theater war auch Kleists Tragikomödie bereits zu sehen, in diesem Sommer jedoch spielt man die Bearbeitung von Peter Hacks, Regie führt Mitinhaberin Regine Effinger. Hacks’ Komödie unterscheidet sich in vielem von dem Kleistschen "Amphitryon". Doch Ende der 1960er-Jahre – die Uraufführung fand 1968 in Göttingen statt, der DDR-Autor war ein vielgespielter Dramatiker im Westen – schreibt Hacks seinen "Amphitryon" im Blankvers. Im Rathaushof wirkt das sehr frisch und ist dennoch kunstvoll gedrechselt. Das Bühnenbild hingegen sieht eher aus wie grob gezimmert: zwei Stofffahnen an Stangen sind der Eingang zu allem Weltlichen, zu Haus und Schlafzimmer, aber auch Segel von Amphitryons Schiff. Sie stehen am Rand einer aufsteigenden und einer abfallenden Rampe. Die Schrägen nehmen sich plump aus; sie markieren die Distanz zwischen menschlicher und göttlicher Sphäre. Steht Amphitryon seinem göttlichen Ebenbild gegen Ende gegenüber, ist die Fallhöhe sehr hoch.

Gar nicht plump ist der Umgang des Ensembles und der Regie mit der Sprache. Hacks hat zwar nicht die Tiefe Kleists, anstelle des berühmten Seufzer Alkmenes angesichts der Verwechslung dominiert Sosias’ (Georg Blumreiter) Bonmot von der Seelenruhe als der Weisheit Krone. Was durch das Bühnenbild an Spielraum eingebüßt wird, fängt die Inszenierung klug mit wiederkehrenden Elementen wie Vogelstimmen sowie sparsam eingesetzten Choreografien auf. Hacks ist in seinem Drama ganz auf der Seite der Menschen und die Inszenierung mit ihm. Am undankbarsten ist die Rolle Jupiters, der oft zur Charge wird, sehr komisch hingegen Christian Theils Merkur, der sich sichtlich angewidert und genervt mit Amphitryon, vor allem mit dessen bauernschlauem Diener Sosias herumschlägt. Je länger die sehenswerte Inszenierung geht und je schärfer der Konflikt zwischen den beiden Amphitryonen wird, desto mehr gelingt es Peter Haug-Lamersdorf, seiner Rolle Kontur zu verleihen und das Komische ins ernsthaft Bedrängte zu wenden. Sein Konflikt ist einer mit sich selbst, mit seinem jüngeren, weniger abgeklärten Ich. Alkmene wird von Natalia Herrera als moderne Frau gezeichnet, die sich nimmt, was sie verdient, und künftig Forderungen an ihren Mann stellen wird.

Ende der 1960er-Jahre haben viele nach neuen Beziehungsformen gesucht. Hacks schickt Alkmene und Amphitryon stattdessen zum Paartherapeuten Jupiter. Wenn das nicht lebensklug ist und eine schöne Inspiration für die kommenden Sommernächte.

Weitere Vorstellungen bis 1. September.