Vom Muhen und Menschen

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 17. November 2019

Theater

Der Sonntag Spitzentanz und fliegende Kühe: Alexander Ekman begeistert mit seinem Tanzabend Cow im Theater Basel.

Auf der großen Bühne des Basler Theaters serviert Alexander Ekman ein so absurdes wie sehenswertes Stück über den Herdentrieb bei Rindern, Ballett-Ensembles und ihrem Publikum.

Die spinnen, die Schweden. Anstatt die Kuh vom Eis zu holen, stellt Alexander Ekman sie drauf. In "Cow", seinem abendfüllenden Ballett ohne Handlung, bringt der gebürtige Stockholmer das Hörnervieh sogar zum Fliegen, empfiehlt es aber auch zur wechselseitigen Anlehnung. Hinzu kommt für ihn der Vorbildcharakter, den Ekman der Kuh für die Menschheit einräumt. Das gilt ihm vor allem dann, wenn es darum geht, die Welt etwas weniger emotional mit größerer Gelassenheit zu betrachten. Zur besseren Bebilderung seiner Ideen hat der Choreograph seine Tänzer aufgefordert, sich ganz ins Tier hineinzuversetzen. Allen voran übt sich darin in Basel Frank Fannar Pedersen, der passend in Schlips und dunklem Anzug gewandet, so herrlich kuhäugig dreinzublicken versteht.

Ekman, der schon 2013 mit "Flockwork" und 2016 mit "Cacti" in Basel zu Gast war, hat seinen vor drei Jahren in der Dresdner Semperoper uraufgeführten Versuch über die Kuh jetzt für Richard Wherlocks Tanzensemble neu adaptiert. In elf aufeinanderfolgenden Szenen dreht sich auf den ersten Blick zwar längst nicht alles ums Tier. Bei näherem Hinsehen blitzt nicht allein das in eine unbestimmte Ferne gerichtete Blinzeln dann aber doch immer neu auf.

Ist es da nicht so gut wie logisch, dass der in einer betörenden Mischung aus Kraft und fliegender Leichtigkeit nach allen Regeln des klassischen Balletts getanzte Pas de trois (Jorge García Pérez, Gaia Mentoglio, Anthony Ramiandrisoa) nichts anderes als sich aneinander messende Stiere im Blick hat?

Gar keine Frage ist es auch beim Herdentrieb, einem Ekman-Dauerthema, dem die fast 30 Tanzenden auf der Basler Bühne nicht nur selbst anheimfallen. Mit listiger, mehrfach wiederholter Pose lässt sich das Schwarmverhalten auch beim szenenapplaudierenden Publikum auslösen. Der Saal tut, was scheinbar erwartet wird. Das gilt, auch wenn die Leitkuh eingangs noch ausdrücklich darauf hingewiesen hatte, man möge doch bitte die ansonsten üblichen Regeln des Theaters für dieses eine Mal vergessen. Umgekehrt braucht es in der nah an die Bühne gerückten ersten Reihe stellenweise gute Nerven, wenn sich mal ein Teil der hörbar zu Huftieren mutierten Tänzer ins Publikum zu stürzen droht, mal die als Running Gag agierende Hauptfigur auf demselben Weg fast nicht mehr bremsen kann.

Einen Orchestergraben braucht es diesmal nicht, kommt der Ton nach einer Komposition von Ekmans Film- und Livemusik-erfahrenem Landsmann Mikael Karlsson doch aus der Konserve. Die sich stufenweise verschiebende Bühne ist dagegen dem Choreographen selbst geschuldet.

Für das sichtlich in Basel und vermutlich auch mit echten Schweizer Kühen aufgezeichnete Videomaterial ist dagegen der unter dem Kürzel T.M. Rives agierende New Yorker Schriftsteller und Fotograf verantwortlich. Er lässt das Publikum unter anderem einen schwarz-weißen Blick in die Theaterkantine werfen. Eine Augenweide und in Teilen ähnlich dadaistisch angehaucht wie die handlungslose Szenenfolge sind schließlich die Kostüme des dänischen Designers Henrik Vibskov.

Langeweile kommt an diesem Abend jedenfalls nicht auf, da ist dem Credo des Choreographen wahrlich Genüge getan. Das Interesse seines Publikums wachzuhalten, liegt ihm am Herzen, und es gibt zwischenzeitlich auf den Vorhang projizierte Rückfragen wie "Berührt es Sie?" oder "Werden Sie sich daran erinnern?". Gleichzeitig ist das Ensemble aber auch bis zum Letzten gefordert und jeder und jede Einzelne tanzen und wirbeln wie Derwische stellenweise bis zur völligen Erschöpfung.

Die Szenen wechseln dabei mit Bedacht, und Ekman, der in seiner Ausbildung die bekannten Stationen vom Königlich Schwedischen über das Cullberg Ballett bis zum Nederlands Dans Theater NDT2 absolviert hat, wirft mit lockerer Hand auch klassisches Tanzvokabular mit ein.

Da gibt es in spärlichen Dosen auf einmal auch wieder Spitzentanz und Tüllröckchen, klassische Hebefiguren, schlagende Battements und hochspringend fliegende Jetés, die der Choreograph gerne einsetzt und mit denen sich, gut getanzt, zuverlässig noch jedes Publikum begeistern lässt. Erlaubt ist aber auch moderne Tanzsprache, wie sie etwa die Amerikanerin Paige Borowski und der diesmal viel geforderte Isländer Pedersen auf die Bühne bringen. Sie sind das aufeinander zu, sich berührungslos ineinander verwindend und schließlich wieder auseinanderstrebende Paar zwischen Geburt und Tod, das bald darauf wieder die Bühne freigibt für die nächste bildhaft mitreißende Schwarm- und Herdenszene. Langer, stehender Premierenapplaus.
COW Theater Basel, bis 22. März 2020. Die nächsten Termine: Montag, 18. und Donnerstag, 21. November, 19.30 Uhr; Sonntag, 24. November, 18.30 Uhr. Einführung jeweils eine halbe Stunde vorher. Infos und Karten unter http://www.theaterbasel.ch