Ansichtssache

150 Jahre Postkarte: So etwas wie Opas Instagram

Martin Halter

Von Martin Halter

Di, 01. Oktober 2019 um 14:34 Uhr

Panorama

Praktisch, preiswert, schnell: Postkarten waren Lebenszeichen, Kunstobjekt und Urlaubsgruß. Sie wurden zu einem Spiegelbild der Zeit. Noch immer haben die Botschaften im Format DIN-A-6 treue Anhänger.

Österreich war schneller. Am 1. Oktober 1869 wurde die erste "Correspondenz-Karte" der Postgeschichte von Perg nach Kirchdorf verschickt, natürlich als "Ganzsache" mit aufgedrucktem Postwertzeichen. Die deutschen Nachbarn hatten das Nachsehen, nachdem Postreformer Heinrich von Stephan 1865 mit einem ersten Versuch zur Einführung des "offenen Postblatts" am Widerstand des preußischen Generalpostdirektors gescheitert war. Postkarten, so die nicht ganz unbegründete Befürchtung, würden dem profitableren Briefverkehr das Wasser abgraben, das Briefgeheimnis verletzen und womöglich "unanständige Formen der Mitteilung" im öffentlichen Raum begünstigen.

1870 wurde die Postkarte trotz aller sittlichen Bedenken auch in Deutschland zugelassen, und sie war vom ersten Tag an ein voller Erfolg. Am 25. Juni 1870 wurden allein in Berlin 45 000 Postkarten verschickt; im Jahr 1900 waren es dann mehr als eine Milliarde im Reich.

Die Zeit zwischen 1895 und 1918 gilt als Goldenes Zeitalter der Postkarte. "Postkarte genügt" war ein Versprechen: Sie war als Kommunikationsmedium unschlagbar praktisch, preiswert, schnell und überdies demokratisch.

Halb so teuer wie Briefe

Postkarten waren halb so teuer wie Briefe; man konnte sich mit ihnen – jedenfalls in den großen Städten, wo die Post am Tag mehrmals am Tag ausgetragen wurde – morgens für den Abend verabreden. Und erstmals bekam auch das ungebildete, schreibfaule Volk Zugang zu den Höhen einer Briefkultur, die bis dahin Bildungsbürgern, Geschäftsleuten und Beamten vorbehalten war. Kein Medium verfügt über eine ähnliche Vielfalt und Originalität. Es gab Postkarten mit oder ohne vorgedruckten Phrasen für alle Lebenslagen: Liebe und Tod, die Wacht am Rhein und die Geburt eines Stammhalters.

Die anfangs nur telegrammartige Textbotschaft wurde durch neue Erfindungen wie Farbdruck und Fotografie rasch zur Bildpostkarte erweitert. Neben den heute noch beliebten Ansichts- und Glückwunschkarten gab es bald auch Postkarten mit Hundewelpen, nackten Damen, Kaisers neuer Uniform oder schrecklichen Katastrophen, Autogrammpostkarten von Deutschlands Super-Opernstars, Humorpostkarten mit Säufern am Laternenpfahl, Karten von schrecklichen Eisenbahnunglücken, frühe Selfies vom Radausflug des Infanterieregiments. Postkarten waren Opas Tagesschau, das Instagram der Kaiserzeit.

Postkarten wurden zum beliebten Sammlerobjekt

Im Ersten Weltkrieg wurden Milliarden von Feldpostkarten verschickt. Ist die Botschaft der Ferienpostkarte "Schaut, wo ich war", so hieß es nun: "Ich lebe noch." Kein Wunder, dass Postkarten, ähnlich wie Briefmarken, zum beliebten Sammlerobjekt wurden: Sie holen die große Welt in die kleinste Hütte, schmücken Küche und Klo und sind dabei noch persönlich adressiert. Das Berliner Museum für Kommunikation zeigt gerade und noch bis zum 5. Januar in seiner Ausstellung "Mehr als Worte.



150 Jahre Postkartengrüße" aus seiner Sammlung von 200 000 Postkarten fünfhundert der interessantesten: Vorläufer wie die "Petite Poste" aus dem vorrevolutionären Paris, die ersten deutschen Postkarten, letzte Grüße von der "Titanic" 1912, eine Feldpostkarte mit dem Vermerk "Gefallen für’s Vaterland", Propaganda-Karten aus der Nazizeit, Schwarzweiß-Postkarten aus der DDR. 1899 brauchte eine Urlaubskarte von Port Said nach Schwerin nur acht Tage, 2009 wurde in Belgien eine Postkarte nach 83 Jahren Vergessen zugestellt ("Wenn ihr noch kein Hemd geschickt habt, dann tut es bitte schnell").

In Postkarten bildet sich Zeitgeschichte ab; das verbindet sie mit Literatur und Kunst. Manchmal werden sie sogar selber zum Kunstwerk, wie die handgemalte Postkarte Picassos an seinen Freund Apollinaire, die langweiligsten Postkartenfotos von Martin Parr oder die Schöpfungen unermüdlicher Postkartenschreiber wie Franz Kafka und Jurek Becker.

Das Handyfoto wird als Postkarte zugestellt

Man darf aber nicht verschweigen, dass Kulturkritiker schon vor hundert Jahren vor "Bilderflut" und Sprachverfall warnten. Die als Medium für den schnellen Informationsaustausch – Absprachen, Bestellungen, Termine – gedachte Postkarte entwickelte bald einen genretypischen Stenogramm-Stil: "Wetter schön. Essen prima. Sonnige Grüße aus Rimini". "Einen langen Brief verlangst du?" hieß ein populärer Zweizeiler. "Sei klug! Gruß und Kuss! Das ist genug."

Die Postkarte war mal eine revolutionäre Kommunikationsform, aber schon in den 1920er-Jahren geriet sie gegenüber neuen Medien wie Telefon, Kino oder Illustrierten ins Hintertreffen. Heute ist ihr Stern noch weiter gesunken: Wurden bis in die 1980er-Jahre noch 900 Millionen Postkarten pro Jahr verschickt, so waren es 2018 gerade noch 155 Millionen.

Immerhin, die Postkarte hat nach wie vor eine treue Fangemeinde. SMS, Instagram oder WhatsApp mögen schneller und smarter sein, aber nur eine Postkarte kann man an den Kühlschrank pinnen. Sie ist, sagen Marketing-Experten, ein "emotionales Luxusgut" geworden, rar und damit kostbarer denn je, und deshalb gibt es auch längst Apps für die digitale Postkarten mit gezahntem Retrolook.
Den Absendern geht es fast immer prächtig

Das Meer so klar, die Landschaft so schön, das Essen so lecker, das Wetter so super – klassischer könnte der Inhalt einer Ansichtskarte aus dem Urlaub nicht sein. Die knappen Texte über die angeblich schönsten Wochen des Jahres spiegeln aber auch den Zeitgeist. "Vor 30 oder 40 Jahren gehörte der Sonnenbrand im Urlaub einfach dazu. Den hat man dann auch stolz erwähnt", sagt der Sprachwissenschaftler Heiko Hausendorf von der Universität Zürich. Das schreibe heute niemand mehr. Hausendorf hat mehr als 13 000 Ansichtskarten auf ihre Muster und Besonderheiten untersucht. Eine Auffälligkeit: Den Schreibern geht es praktisch nie schlecht und lange vor der heute durch das Internet beförderten Angewohnheit, allem und jedem eine Note zu geben, seien auch schon früher gerne das Hotel, der Service, die Freundlichkeit bewertet worden, sagt Hausendorf. Der Unterschied zum Internetzeitalter mit allerhand Vergleichsportalen: Es las nur ein Empfänger.

 Seit Jahrzehnten wimmelt es auf Postkarten von erwartbaren Äußerungen über einen tollen Urlaub. "Der Küchenbulle ist ein Ass", formulierte einer noch vergleichsweise originell über das gute Essen. "Die Strände sind tatsächlich so schön", räumte jemand schon vor der Zeit oft bearbeiteter Motive mit dem Verdacht auf, es könne sich um Fake News handeln. "Ansonsten radeln wir viel", heißt es auf einer Karte zu den wohl dosierten Urlaubsaktivitäten.
 Trotz digitaler Grüße und der Flut von Urlaubsfotos per Smartphone bleibt die Karte Teil der Kommunikation. Laut Digitalverband Bitkom wollte diesen Sommer mehr als jeder zweite deutsche Urlauber Karte oder Brief an Daheimgebliebene schreiben. "Der Aufwand, den man für das Verschicken einer Karte betreiben muss, ist auch ein Ausdruck der Wertschätzung gegenüber dem Empfänger", meint Hausendorf.

 Lange war das Verschicken einer Ansichtskarte auch ein Fingerzeig auf den eigenen Wohlstand: "Wir können uns das leisten", sei die Botschaft gewesen, meint Hausendorf. Anfangs wurden die Grüße direkt aufs Bild geschrieben. Tatsächlich ist auch im Urlaub oder in der Kur meist nicht alles großartig. Erfrischend ehrlich die vorläufige Bilanz eines Mannes, der 1986 aus dem Allgäu über seine Schrothkur schrieb: "Halbzeit geschafft – Entbehrungen groß – Erholung super – Wetter schlecht. Herzliche Grüße, Richard". (Matthias Röder, dpa)