Bezahlt werden fürs Nichtstun

André Anwar

Von André Anwar

Fr, 15. März 2019

Panorama

In Schweden wird ein Mitarbeiter für einen neuen Bahnhof gesucht – er soll auf ewig angestellt werden und hat keinerlei Aufgaben.

STOCKHOLM. An der zukünftigen Bahnstation Körsvägen im schwedischen Göteborg wird eine Stelle der ganz besonderen Art geschaffen: Es wird ein Angestellter gesucht, der nichts gegen eine "ewige Anstellung" hat und damit klarkommt, dass es während der Arbeitszeit keinerlei spezifischen Arbeitsaufgaben gibt. Das Ganze für umgerechnet 1990 Euro pro Monat – die 120 Jahre lang ausgezahlt werden.

Der oder die "ewige Angestellte" muss sich lediglich morgens und nachmittags an einer Stechuhr auf dem Bahnhof an- und abmelden. "Die Stelle beinhaltet keine Pflichten oder Verantwortlichkeiten" Weiter heißt es im Entwurf der Stellenanzeige: "Die Arbeit ist das, was der der Angestellte tun will." Auch Ausländer dürfen sich bewerben. Bewerber sollten "munter, freigeistig, freundlich, offen sein und Göteborg mögen". Wer den Job wolle, solle sich eine schöne Geschichte ausdenken, was am Tag rund um den Bahnhof herum zu machen sei.

Das Gehalt – 21 000 Kronen brutto – entspricht nach öffentlichem Tarif einem gewöhnlichen Einstiegsjob und soll 120 Jahre lang von der Stiftung "Ewige Anstellung" ausgezahlt werden. Sollte es eine Tariferhöhung geben, gilt diese auch für den ewigen Angestellten. Je nach der Anzahl der Dienstjahre wird das Gehalt erhöht. Dazu gibt es bezahlte Krankheitstage, Jahresurlaub und später eine Rente. Wer vor dem Ruhestand kündigen woll, muss eine Frist einhalten, damit genug Zeit bleibt, einen Nachfolger zu finden. Ein kleiner Haken: Der Mitarbeiter sollte sich während der Arbeitszeit idealerweise auf dem Bahnhof oder in der Nahumgebung aufhalten. Die gut sichtbar platzierte Stechuhr signalisiere über Lichter jederzeit, ob der ewige Angestellte im Dienst sei oder Feierabend habe.

Das Ganze ist ein höchst reales, mit rund sieben Millionen Kronen finanziertes Kunstprojekt. Dahinter stecken die Künstler Simon Goldin and Jakob Senneby. Sie haben die entsprechende Ausschreibung des staatlichen Kunstrates, des Verkehrsamtes und der Stadt Göteborg für den neuen Bahnhof gewonnen.

Statt Statuen oder abstrakten Farbmustern und Formen wollten sie etwas ganz Menschliches und bekommen es nun. Sie verstehen ihr Projekt als "soziales Experiment" und als ein "ernstzunehmendes politisches Statement". Inspiriert wurden sie unter anderem vom Offshore-Banking – also wenn Reiche ihr Geld in ausländischen Steueroasen besonders gewinnträchtig anlegen. So werden auch die für das Projekt bereitgestellten sieben Millionen Kronen, freilich abzüglich des Lohnes für die Künstler, angelegt – legal. Dazu haben die Künstler genaue Tabellen veröffentlicht. Damit auf ewig "für das Nichtstun" Geld hereinkommt für den Bahnhofsangestellten.

Es ist laut der Künstler ein Seitenhieb: Während einem Großteil der Gesellschaft verständlich gemacht werde, man müsse viel arbeiten, um etwas wert zu sein, tue eine wohlhabende Minderheit im Grunde nichts für ihr ewiges monatliches Gehalt, das manchmal über mehrere Familiengenerationen vererbt werde.

So verlockend ewiges Nichtstun klingt – der angepriesene Job könnte auch zum Albtraum werden, wenn man sich leicht langweilt, warnen die Künstler. Tatsächlich gibt es Studien darüber, dass ständige Unterforderung psychisch sehr belasten kann. Es stehe dem ewigen Angestellten frei, ob er in der Arbeitszeit "in einem Zustand ständigen Müßiggangs leben" oder "kreative Ideen" und Projekte verwirklichen wolle, betonen die Künstler deshalb.

Die ewige Anstellung wird es erst ab 2026 geben, wenn auch der neue Bahnhof fertig ist. Bewerbungen seien allerdings bereits eingegangen, schreibt die Regionalzeitung Göteborgs Posten.