Aus dem Weltall

Der internationale Asteroiden-Tag erinnert an die Bomben aus dem All

Michael Heilemann

Von Michael Heilemann

Mo, 29. Juni 2020 um 20:31 Uhr

Panorama

Um Haaresbreite entging Russland am 30. Juni 1908 einer Katastrophe: An den in einer Steppe explodierten Asteroiden erinnert der Welt-Asteroiden-Tag – und warnt vor den Gefahren der Zukunft.

Es fehlte nicht viel. Ein paar Grad in der Erddrehung weiter und womöglich wäre eine Großstadt ausgelöscht worden. Zum Glück explodierte der Asteroid mit der Sprengkraft von Hunderten Hiroshima-Bomben über fast menschenleerem Gebiet: über der Tunguska-Steppe in Sibirien. Das war am 30. Juni 1908. Um an die Gefahr aus dem All zu erinnern, haben die Vereinten Nationen den 30. Juni zum Welt-Asteroiden-Tag ausgerufen.

2013 schlug ein 20-Meter-Brocken ein

Dabei war der Tunguska-Asteroid mit seinen rund 30 bis 50 Metern Durchmesser ein kosmischer Winzling im Vergleich zu dem, der vor 65 Millionen Jahren einschlug. Ein mehr als zwölf Kilometer großer Kleinplanet ging im Golf von Mexiko nieder: Fontänen von Staub und Gestein schossen empor, die Atmosphäre verdunkelte sich, die Erde kühlte ab – eine globale Umweltkatastrophe, die den Dinosauriern den Garaus machte. Einschläge diesen apokalyptischen Ausmaßes sind sehr, sehr selten, ereignen sich in Zeiträumen vieler Millionen Jahre. Sie wären das Ende der Menschheit. Mit Asteroiden wie dem über Tunguska rechnen Statistiker aber alle paar hundert Jahre. Es ist noch gar nicht so lange her. 2013 schlug überraschend ein 20-Meter-Brocken in der russischen Region Tscheljabinsk am Ural ein. 7000 Häuser wurden stark beschädigt, 1500 Menschen verletzt, meistens durch zersplitterte Fenster.

Ein Satellit soll die Gefahr wegschubsen

Eine frühzeitige Warnung hätte das Schlimmste verhindert. "Es hätte vielleicht geholfen, wenn alle die Fenster geöffnet hätten", sagt der Asteroidenexperte Christian Gritzner vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bonn.
Bei Asteroiden größeren Kalibers bleibt nur der Versuch, sie vom Kollisionskurs mit der Erde abzubringen. Hollywood hat diesen Stoff schon oft mit viel Action auf die Leinwand gebracht, in Wirklichkeit aber bedarf es keiner Helden, sondern nur moderner Technik. Und vor allem genügend Vorbereitungszeit. "Abwehrmissionen sind mit den heute in der Raumfahrt verfügbaren Mitteln machbar und auch bezahlbar", sagt Gritzner. Die Idee ist die, einen größeren Satelliten zu dem gefährlichen Asteroiden zu schicken, ihn dort einschlagen zu lassen und damit aus seiner Bahn zu schubsen. Ob und wie das funktioniert, will die Nasa nächstes Jahr ausprobieren.

Niemand weiß, was alles durchs All fliegt

Die DART-Mission führt zu dem Zwillingsasteroiden "Didymos", der von der Erde aus relativ leicht zu erreichen ist, von dem man aber sicher weiß, dass er die Erdbahn auf absehbare Zeit nicht kreuzt, was ihn als Testobjekt auszeichnet. Denn es muss sichergestellt sein, dass der Asteroid der Erde nicht gefährlich wird, falls das Experiment nicht den geplanten Ausgang nimmt. Der "Impaktor" soll den Didymos-Mond "Dimorphos" treffen, der etwa 160 Meter Durchmesser hat.

Asteroidenabwehr scheint also möglich – so weit die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass man nicht wirklich weiß, was da alles durchs Weltall fliegt. Die Wissenschaft ist auf eine verstärkte Suche angewiesen. So sind zwar fast alle Asteroiden über einen Kilometer Größe bekannt und in ihrer Bahn berechnet, aber darunter wird das Dunkelfeld immer größer. Laut Raumfahrtagentur ESA liegt es im 100 bis 300 Meter-Bereich bei mehr als 80 Prozent, darunter beträgt es sogar mehr als 99 Prozent. Nach ESA-Berechnungen trifft ein Ein-Meter-Asteroid, der die Sprengkraft einer Hiroshima Bombe hat, alle zwei Wochen die Erde – die meisten zerplatzen in der Atmosphäre, manchmal fallen Meteorite zur Erde.

Queen-Gitarrist war Mitinitiator

Der entscheidende Faktor ist Zeit. Die Vorbereitungen für eine Abwehrmission von größeren Asteroiden können Gritzner zufolge mehr als zehn Jahre dauern, hinzu kommt die Zeit für den Flug weit hinaus ins All. Entsprechend früh muss die Gefahr erkannt sein. Es gibt zwar ein Netz von Observatorien, die rund um die Uhr mit optischen Teleskopen und Radaranlagen das All absuchen, aber wie das Dunkelfeld zeigt, muss noch mehr getan werden. Der Welt-Asteroiden-Tag soll dafür sensibilisieren. Einer dessen Initiatoren war kein Unbekannter: der Brite Brian May, Gründungsmitglied der Rockband Queen. Der Gitarrist hat einen Doktortitel in Astrophysik.