Das andere Russland

Veronika Zettler

Von Veronika Zettler

So, 22. September 2019

Kunst

Der Sonntag Das Cartoonmuseum Basel zeigt Werke der russischen Zeichnerin Victoria Lomasko.

Sie zeichnet Reportagen aus Gerichtsprozessen gegen Pussy Riot, besucht Prostituierte und Zwangsarbeiterinnen und will mit ihrer Kunst Menschen "unterschiedlichster Vorbildung" erreichen. Das Basler Cartoonmuseum zeigt nun Victoria Lomaskos Werke aus dem "anderen Russland".

Eine Welle der Erheiterung ging vor wenigen Tagen durch die Reihen der russischen Comicfans, nachdem der russische Kulturminister Vladimir Medinsky über die neunte Kunst gesprochen hatte. "Comics sind etwas für Leute, die nicht richtig lesen können", sagte der 49-Jährige auf der größten russischen Buchmesse, der Moscow International Book Fair. Sie seien Kaugummi, aber mitnichten Nahrung, erklärte er und spielte damit wohl auch auf amerikanische Kulturvorlieben an.

Gleichwohl gibt es ihn, den russischen Comicmarkt, und er ist in den vergangenen Jahren eher gewachsen als geschrumpft. Mit Victoria Lomasko stellt das Basler Cartoonmuseum in der Ausstellung "Other Russias" nun eine der bekanntesten Vertreterinnen der Szene vor.

1978 im südlich von Moskau gelegenen Serpuchow geboren, widmet sich Victoria Lomasko bevorzugt den Comic- und Grafikreportagen. Diese waren schon das ein oder andere Mal Thema im Cartoonmuseum, das unter anderem Joe Sacco, dem Meister des Genres, 2015/16 eine Ausstellung gewidmet hatte.

Allerdings sucht Victoria Lomasko ihre Vorbilder nicht in der starken amerikanischen oder französischen Comic-Tradition. Vielmehr bezieht sich die "grafische Reporterin" auf frühsowjetische Reportageformate wie die Foto-Essays von Sergei Tretjakow (1892 bis 1937), aber auch auf Zeichenmappen von Soldaten, von Häftlingen in Gulags oder von Menschen, die während der Leningrader Blockade lebten. Anders formuliert: Victoria Lomasko pflegt ihr eigenes Genre. "Ich bin die letzte sowjetische Künstlerin", sagt sie und meint damit weniger Treue zur Ideologie, als zu realistischem Stil und sozialer Thematik.

Ihre ersten Erfolge feierte Lomasko in der Tradition der Gerichtsreportage – Honoré Daumier brachte sie im 19. Jahrhundert auf den Weg – etwa in ihrer Comicreportage zum Strafprozess gegen die Organisatoren der Ausstellung "Verbotene Kunst 2006", in dem die Grenzen der Kunstfreiheit in Russland verhandelt wurden, oder in den späteren Prozesscomics über die Aktionskünstlerinnen von Pussy Riot und Michail Chodorkowski. Während sie in den vergangenen Jahren die Potenziale des Zeichnens als journalistische Darstellungsform auslotete, gewann der Text immer größere Bedeutung. So entstanden fortwährend neue Hybridformen aus geschriebenen Reportagen, Interviews, Zeichnungen und Tagebüchern.

Heute widmet sich die viel und weit gereiste Künstlerin vornehmlich den Subkulturen und Minderheiten der ehemaligen UdSSR, seien das LGBT-Aktivisten, seien es einsame Frauen in der Provinz, Schüler und Lehrer einer Zwergenschule im Dörfchen Nikolskoje oder junge Gefängnisinsassen. Sie wolle die Menschen sichtbar machen, die in den Medien nicht vorkommen – und von denen man freilich hierzulande noch weniger weiß. So begegnet man LKW-Fahrern, die sich gegen das Mautsystem Platon zur Wehr setzen, Anwohnern des Torfjanka-Parks, die den Bau einer weiteren russisch-orthodoxen Kirche verhindern wollen, oder Frauen aus dem kasachischen Schymkent, die über Jahre und unter brutalsten Bedingungen in einem Moskauer Lebensmittelgeschäft zur Zwangsarbeit genötigt wurden.

Grundsätzlich stellt Victoria Lomasko ihre "sozialen Grafiken" noch am Ort des Geschehens fertig. Das muss mitunter ruckzuck gehen. Für die Prostituiertenporträts in der Reportage "Die Mädchen von Nischni Nowgorod" blieben ihr zwischen fünf und 15 Minuten, so lange eben, bis der nächste Freier kam. Die Frauen hätten sich niemals fotografieren lassen, vertrauten aber der abstrahierten, anonymen Comicform, dem schnellen Strich, der viele von Lomaskos Arbeiten prägt.

Lomasko, die an der Staatlichen Universität für Druckwesen in Moskau Grafik und Buchdruck studiert hat, möchte Kunst machen, "die Menschen mit unterschiedlichster Vorbildung zugänglich" ist, wie sie im Vorwort zu ihrem auch auf deutsch erschienenen Comicreportagenband "Die Unsichtbaren und die Zornigen" schreibt. Gleichwohl erklärt sich die Basler Retrospektive keineswegs von selbst. Besucher sollten das 16-seitige Ausstellungsheft (mit Übersetzungen) am Eingang mitnehmen oder besser noch sich einer Führung anschließen, um vor den Originalblättern mit ihren russischen Texten in das andere Russland eintauchen zu können.
Victoria Lomasko "Other Russias". Cartoonmuseum, St. Alban-Vorstadt 28, Basel. Dienstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr (bis 10. November). http://www.cartoonmuseum.ch Lomasko arbeitet einen Monat lang als "Artist in Residence" im Atelier Mondial der Christoph Merian Stiftung.