BUND äußert Zweifel am Sinn von Regionalflughäfen

Frederick Mersi, Sönke Möhl

Von Frederick Mersi, Sönke Möhl (dpa)

Mo, 19. Oktober 2020

Wirtschaft

Drastischer Passagiereinbruch / Gemeinderat entscheidet in Friedrichshafen über den Weiterbetrieb des Airports.

Wenn Claus-Dieter Wehr an den Winter denkt, kommen die Sorgen. "Die Airlines nehmen wegen der Reisewarnungen kurzfristig wieder Flüge aus dem Programm", sagt der Geschäftsführer der Flughafen Friedrichshafen GmbH. Und im Winter sinke die Zahl der Flüge noch einmal. Schon jetzt ist das Rollfeld oft leer – am Montag steht die Zukunft des Regionalflughafens zur Diskussion.

Wie schwierig die Situation ist, lässt sich in einem Gutachten der Beratungsfirma Roland Berger nachlesen: Bis zu 32,7 Millionen Euro braucht der Bodensee-Airport bis 2025, um überleben zu können. Später könnten noch mal 14,6 Millionen Euro dazukommen, zum Beispiel für den Neubau des Towers.

Auch an den Regionalflughäfen in Memmingen und Karlsruhe/Baden-Baden sind Passagierzahlen und Einnahmen wegen der Corona-Krise eingebrochen. Der Geschäftsführer des Allgäu Airports, Ralf Schmid, geht statt ursprünglich zwei Millionen Fluggästen von nur 800 000 Passagieren im Jahr 2020 aus. Am Baden-Airpark rechnet Geschäftsführer Manfred Jung bis zum Jahresende mit rund 420000 Passagieren – gegenüber rund 1,35 Millionen im Jahr 2019.

Doch die finanzielle Lage an den drei Flughäfen ist sehr unterschiedlich. "Wir hatten zehn gute Jahre", sagt Jung mit Blick auf den Baden-Airpark. Das erwartete Minus von sechs Millionen Euro im Betriebsergebnis 2020 könne der Flughafen verkraften. Und Ralf Schmid vom Flughafen Memmingen fügt hinzu: "Im Verhältnis zur Branche geht es uns immer noch gut."

Die Stadt Friedrichshafen muss als einer der größten Gesellschafter dagegen am Montag entscheiden, ob sie den Flughafen weiter mit Millionensummen subventionieren oder lieber schließen will. Der Bodensee-Airport war in den vergangenen Jahren immer wieder von Insolvenzen verschiedener Fluggesellschaften zurückgeworfen worden. Wegen roter Zahlen wurden Investitionen verschoben, die in den kommenden Jahren aber zwingend notwendig werden.

"Wir waren eigentlich auf einem guten Weg", sagt Geschäftsführer Wehr, "bis Corona kam". Jetzt hat sogar die Lufthansa ihre Flüge nach Frankfurt bis zum Frühjahr ausgesetzt. Nun sollen die Stadt Friedrichshafen und der Bodenseekreis finanziell für den Flughafen in die Bresche springen. Dabei fehlen der Stadt selbst wegen der Corona-Krise eigenen Schätzungen zufolge rund 23 Millionen Euro an Einnahmen – und ein Verkauf des Flughafengeländes könnte bis zu 34 Millionen Euro bringen. Dennoch spricht sich die Stadtverwaltung in ihrer Beschlussvorlage für den Gemeinderat für einen Erhalt des Flughafens aus. Auch nach der Elektrifizierung der Südbahn sei die Gegend nur umständlich per Bahn oder mit dem Auto erreichbar, zudem trage der Flughafen mit 56 Millionen Euro pro Jahr zur Wertschöpfung in der Region bei. Würde der Flughafen geschlossen, würde das zudem Verluste für die Messe Friedrichshafen mit sich bringen.

Kritiker sehen die Krise als Anlass, grundsätzlich über die Notwendigkeit von Regionalflughäfen nachzudenken. "Das ist das Zeichen, dass man jetzt umdenken muss, und das tut, was man schon längst vorher hätte tun müssen", sagt der Verkehrsexperte des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Werner Reh. "Diese Subventionen fließen hauptsächlich in umweltschädliche Billigflüge für Urlauber." Die Gelder sollten stattdessen in den Ausbau von Bahn-Expressverbindungen fließen.

Die BUND-Kritik sieht man an den Flughäfen gelassen. "Die Kritiker nutzen die Schwäche der Branche aus", sagt Ralf Schmid in Memmingen. "Wir sind aber sehr gut aufgestellt." Es sei ein Fehler, "die Krise zu nehmen, um Verkehrsinfrastruktur plattzumachen", sagt Friedrichshafens Flughafen-Chef Wehr.