Steinkohle

Für Baden-Württemberg bedeutet der Kohleausstieg mehr Stromimport

Bernward Janzing

Von Bernward Janzing

Di, 30. Juni 2020 um 13:43 Uhr

Wirtschaft

Der Südwesten ist auf den Import von Strom angewiesen. Mit dem Kohleausstieg muss Baden-Württemberg nun noch mehr importieren – denn rund ein fünftel des Steinkohlestroms kommt aus dem Land.

Baden-Württemberg ist von jeher ein gewichtiges Kohlestrom-Land. Zwar gibt es hier kaum Kohle im Untergrund, aber weil auf Rhein und Neckar Steinkohle günstig angeliefert werden konnte, siedelte man schon früh Kraftwerke an. So kommt heute rund jede fünfte Kilowattstunde Strom, die in Deutschland aus Steinkohle erzeugt wird, aus Baden-Württemberg. Rund 4,5 Gigawatt an Kapazitäten sind hier derzeit noch am Netz. Sie sollen im Zuge des bundesweiten Kohleausstiegs bis spätestens 2033 abgeschaltet werden.

Die Situation auf dem Markt deutete schon 2014 auf einen Kohleausstieg

EnBW-Chef Frank Mastiaux hatte im Oktober 2014 bereits eine Vorahnung. Als er am Karlsruher Rheinhafen das Steinkohlekraftwerk RDK 8 einweihte, ließ er durchblicken, der 1,3 Milliarden Euro teure Bau werde sich wohl nie amortisieren. Damals lag der politisch getriebene Kohleausstieg allerdings noch fern, allein auf der Marktsituation basierte die Einschätzung des Konzernchefs. Wegen Überkapazitäten im Stromsektor war der Großhandelspreis an der Strombörse verfallen.

Makulatur waren damit alle Kalkulationen, die Mastiauxs Vor-Vorgänger bei der Entscheidung zum Bau von RDK 8 im Dezember 2006 zugrunde gelegt hatte. Entsprechend musste die EnBW 2014 in ihrer Bilanz 1,2 Milliarden Euro außerplanmäßig abschreiben.

Umweltschützer bewahrten Energieunternehmen vor Fehlinvestitionen

Andere Energieversorger hatten mehr Glück. In Mainz und Brunsbüttel zum Beispiel wurden geplante Projekte rechtzeitig aufgegeben. Ironie der Geschichte: Umweltschützer hatten durch Proteste ihren Anteil daran, bewahrten so Energieunternehmen vor Fehlinvestitionen. Die beiden badischen Steinkohleblöcke RDK 8 und GKM 9 – dieses ist seit Mai 2015 in Mannheim am Netz – gehörten zu den letzten ihrer Art, die in Deutschland in Betrieb gingen.

Wegen des bundesweiten Kohleausstiegs dürfte GKM 9 maximal 18 Betriebsjahre erreichen, RDK 8 höchstens 19 Jahre – jedenfalls, was die Verstromung von Steinkohle betrifft, denn ein zweites Leben mit Erdgas ist für beide Blöcke wahrscheinlich. Wann genau an welchen Standorten die Verstromung von Steinkohle endet, ist noch offen. Im Unterschied zu den Braunkohlekraftwerken, deren Abschaltung in einem Vertrag präzise fixiert wird, gibt es für die Steinkohle keinen genauen Terminplan.

Kraftwerke in Süddeutschland sind systemrelevant, weil Strom oft knapp ist

Hier fällt die Entscheidung im ersten Schritt per Ausschreibung: Wer für die geringste Entschädigung abzuschalten bereit ist, bekommt den Zuschlag. Erstmalig in diesem Herbst, letztmalig vermutlich 2027 sollen Steinkohlekraftwerke an solchen Auktionen teilnehmen können. Die maximalen Entschädigungen, die anfangs über 100.000 Euro pro Megawatt Kraftwerksleistung liegen, werden im Laufe der Jahre sinken. Damit will der Staat Anreize für eine frühzeitige Stilllegung geben.

Den Kraftwerksbetreibern in Baden-Württemberg ist dieser Weg jedoch verbaut. Weil Strom in Süddeutschland oft knapp ist, gelten die hiesigen Kraftwerke als systemrelevant und können deshalb an der ersten Ausschreibungsrunde gar nicht teilnehmen. "Eine massive Benachteiligung des Südens" sieht ein Sprecher der EnBW darin.

Braunkohle darf fünf Jahre länger als Steinkohle Strom erzeugen

Nach Ende der Ausschreibungen 2027 sollen weitere Stilllegungen entschädigungslos je nach Alter erfolgen. 2033, so der Plan, wird das letzte Steinkohlekraftwerk vom Netz gehen, während die Braunkohle noch fünf Jahre länger Strom erzeugen darf.

Was insofern überrascht, als deren Verbrennung mehr CO2 erzeugt als Steinkohle. Die Betreiber der Steinkohlekraftwerke werden ihr Vorgehen auch am Marktumfeld ausrichten – insbesondere am CO2-Preis im Emissionshandel, dem Strom- und Erdgaspreis sowie dem Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung und des Netzes.

Südwesten ist seit Jahren auf den Import von Strom angewiesen

Für Baden-Württemberg bedeutet der Kohleausstieg noch mehr Stromimport aus anderen Bundesländern oder Nachbarstaaten. Der Südwesten ist seit vielen Jahren auf Stromimport angewiesen – anders als die Bundesrepublik insgesamt, die seit fast zwei Jahrzehnten Exportüberschüsse erzielt.

2019 lag der Importsaldo in Baden-Württemberg bei 12,6 Terawattstunden (Milliarden Kilowattstunden). Nur 82 Prozent des im Land verbrauchten Stroms wurden auch hier erzeugt. Der Wert dürfte 2020 unter 70 Prozent sinken, da im Dezember das Atomkraftwerk Philippsburg abgeschaltet wird. 2023, nach dem Ende des AKW Neckarwestheim, werden es nur noch gut 50 Prozent sein.

Stromerzeugung durch erneuerbare Energien müsste verdreifacht werden

Zugleich rechnet das Landesumweltministerium – basierend auf einer Studie des Öko-Instituts – damit, dass die Kohleverstromung im Land von 18 Terawattstunden (2018) auf 7,8 Terawattstunden 2030 sinken wird. Damit wäre der Südwesten noch bei gut 40 Prozent Eigenerzeugung. Wenn dann 2033 alle Steinkohlekraftwerke wie geplant vom Netz sind, bleiben nur noch 35 Prozent – sofern keine nennenswerten Stromerzeuger hinzukommen. Sie werden kommen, die Frage ist, welche und wie viele.

Wollten erneuerbare Energien Kohle- und Atomstrom mengenmäßig ersetzen, müsste ihre Erzeugung im Land verdreifacht werden. Das ist kaum anzunehmen, daher wird Erdgas einen Teil der Lücke füllen – speziell dort, wo heute Kohlekraftwerke Fernwärme liefern.

Für die Umrüstung der Anlagen soll es eine Förderung von anfangs bis zu 390 Euro je Kilowatt Leistung geben, auch um Preissprünge für Fernwärme-Kunden zu vermeiden. Am Montag haben Union und SPD nun den Weg für den geplanten Kohleausstieg freigemacht und sich über letzte strittige Punkte geeinigt.

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