Geely sichert sich das Wissen deutscher Ingenieure

Nico Esch

Von Nico Esch (dpa)

Fr, 24. Januar 2020

Wirtschaft

Ohne viel Aufhebens hat sich der chinesische Autobauer ein Standbein in Deutschland aufgebaut.

RAUNHEIM/STUTTGART. Mit knalligen Shows und Ankündigungen im Stile von Tesla-Chef Elon Musk haben sie es bei Geely nicht so. Weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit hat sich der chinesische Autokonzern und Daimler-Großaktionär 2019 ein Standbein in Deutschland geschaffen. Dass Geely Auto Technical Deutschland (GATD) sein Hauptquartier im hessischen Raunheim bei Frankfurt aufgeschlagen hat, erfuhr man eigentlich erst, als dort die ersten Mitarbeiter schon ihre Computer anwarfen. 300 Leute will Geely innerhalb von drei Jahren in sein deutsches Entwicklungszentrum holen. Gut 70 seien bisher da, heißt es, überwiegend Ingenieure. Viele einstige Opel-Mitarbeiter seien zu Geely gewechselt, zudem einige von Porsche, VW oder Audi, zählt die Personalchefin Karen Wang auf. Von Schwierigkeiten, im stolzen Autoland Deutschland Personal für einen chinesischen Autobauer zu finden, will Wang nicht sprechen. "Aber es ist ganz klar, dass unterschiedliche Kulturen natürlich Herausforderungen sind", sagt sie. "Man muss lernen, sich gegenseitig zu verstehen." Damit das gelinge, schicke man regelmäßig Mitarbeiter nach China, um die dortige Unternehmenskultur kennenzulernen – und umgekehrt. Auch der Geely-Gründer, der Milliardär Li Shufu, soll schon in Raunheim gewesen sein.

Die Ingenieure dort arbeiten laut Wang im Auftrag und in Kooperation mit den Marken des Geely-Konzerns an neuen Technologien. Schwerpunkt sind Elektroantriebe, vor allem im Premiumbereich. Alles läuft digital, ein Produktionsstandort ist Raunheim nicht.

Lange war der Name Geely höchstens Branchenkennern ein Begriff – obwohl die Übernahme des schwedischen Autobauers Volvo schon rund zehn Jahre her ist. Inzwischen gehört auch die Firma, die die Londoner Taxis baut, dazu, zudem die Mehrheit des Sportwagenbauers Lotus. Anfang 2018 übernahm Geely fast zehn Prozent der Daimler-Anteile und wurde damit über Nacht zum größten Einzelaktionär des Stuttgarter Autobauers. Mittlerweile haben beide zwei Gemeinschaftsunternehmen gegründet: eines für den Kleinwagen Smart, der künftig in China gebaut werden soll, sowie den Limousinen-Fahrdienst "Star Rides". Dass Geely nun selbst mit einer eigenen Firma in Deutschland aktiv ist, wenn auch nur bei Forschung und Entwicklung, hält Branchenexperte Stefan Reindl für "strategisch bemerkenswert" – aber auch für konsequent. "In Europa hat noch kein chinesischer Hersteller Fuß fassen können", sagt der Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Zwar gehe China in Sachen Elektromobilität voran, aber: "Deutsche Autos gelten gerade im Premiumbereich weltweit immer noch als Maßstab."

Mit dem eigenen Standort in Deutschland sichere sich Geely das Wissen deutscher Ingenieure, um den Standard der eigenen Fahrzeuge anzuheben, und erfasse zugleich, wie die Branche hierzulande tickt. Womöglich auch mit dem Ziel, in einigen Jahren eine Produktion in Europa oder den USA aufzubauen. Auszuschließen sei das nicht.