Interview

Arbeitspsychologe zu Kurzarbeit: "Man kann sie sogar ein Stück weit genießen"

Thomas Hofinger

Von Thomas Hofinger

Di, 14. Juli 2020 um 13:04 Uhr

Wirtschaft

Noch nie hatten so viele Unternehmen Kurzarbeit angemeldet wie in der Corona-Krise. Für die Betroffenen kann das zur Belastung werden. Wie lassen sich die psychischen Folgen bewältigen?

BZ: Wenn man trotz guter persönlicher Leistung plötzlich nicht mehr im Betrieb gefragt ist – wie fühlt sich das an?
Rigotti: Das verstärkt zusätzlich den Kontrollverlust, den wir alle erleiden. Wir haben ein Bedürfnis, die Kontrolle über unser Leben zu haben – das wird in der Pandemie gerade massiv gestört. Es sollte aber trösten, dass Kurzarbeit ein bewährtes Instrument zur Rettung von Arbeitsplätzen ist. Und es hilft sehr, wenn die Firma die Kriterien für Kurzarbeit deutlich macht, wenn die Regeln transparent sind und für alle gleich gelten.

BZ: Wie kann man die zusätzliche Zeit nutzen und wieder Mut fassen?
Rigotti: Man sollte diese ungewöhnliche Phase selbst positiv besetzen – und kann sie, wenn das gelingt, sogar ein Stück weit genießen. Es spricht nichts dagegen, die leeren Stunden bewusst zu füllen: mit mehr Zeit für die Familie, die Kinder, den Sport, die Musik, die Hobbys. Man sollte überlegen: "Was tut mir denn jetzt gut?" – und sich dann auch daran freuen.

"Im Austausch bleiben, Rückhalt suchen – das ist sehr wichtig"Thomas Rigotti
BZ: Sollte man sich einen Nebenjob suchen?
Rigotti: Grundsätzlich hilft es der Psyche immer, sich einzubringen, nützlich zu sein, gebraucht zu werden. Auch einfache Aushilfsjobs sind ja nicht etwa ehrenrührig, sondern haben einen gesellschaftlichen Nutzen. Man kann sich natürlich auch ehrenamtlich engagieren, wenn die finanzielle Lage das erlaubt.

BZ: Wie wären ein Sprachkurs oder eine IT-Schulung per Internet?
Rigotti: Wenn einem das Spaß macht, spricht gar nichts gegen Weiterbildung. Oft hilft das Unternehmen dabei. Und es ist nie ein schlechtes Signal, wenn man dem Vorgesetzten meldet: Ich möchte etwas dazulernen.


BZ: Wenn man auf Kurzarbeit null ist, also vorübergehend überhaupt nicht mehr an seinem Arbeitsplatz arbeitet – sollte man sich da noch mit Kollegen treffen?
Rigotti: Auf jeden Fall! Im Austausch bleiben, Rückhalt suchen – das ist sehr wichtig. Über Positives reden, etwa darüber, wie man die Zusammenarbeit nach der Krise vielleicht besser gestalten kann. Gemeinsame Projekte gedanklich anschieben, die man dann schnell umsetzen kann, wenn es wieder richtig losgeht.

BZ: Sind für Unterhaltungen solcher Art mit Kollegen auch Whatsapp- oder ähnliche Gruppen sinnvoll?
Rigotti: Warum nicht? Man muss aber aufpassen, dass es keine Jammergruppe wird, in der es am Ende nur noch um die Zukunftssorgen geht. Größere Gruppen benötigen auf jeden Fall einen Moderator.

BZ: Sollte man seinen Kindern, auch jüngeren, erklären, was Kurzarbeit ist?
Rigotti: Ja, man sollte ganz offen besprechen, warum man nicht mehr so oft in die Firma fährt – und dass das leider auch finanzielle Folgen für die Familie hat. Wir wissen übrigens aus der Arbeitslosenforschung, dass eine solche Phase die Beziehung gerade zwischen Vätern und Kindern deutlich verbessern kann.
Thomas Rigotti ist Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Mainz und Arbeitsgruppenleiter am Mainzer Leibniz-Institut für Resilienzforschung.