Hohe Steuern

Jeder Elfte Deutsche zahlt den Spitzensteuersatz, ob Top-Verdiener oder nicht

dpa

Von dpa

Mo, 20. Januar 2020 um 21:16 Uhr

Deutschland

Fast jeder elfte Steuerzahler verdient so viel, dass er den Spitzensteuersatz von 42 Prozent zahlen muss. Das trifft auch viele, die am Monatsende gar nicht so viel mehr als den Durchschnittslohn haben.

Für 2018 geht die Bundesregierung bereits von mehr als vier Millionen Spitzensteuersatz-Zahlern aus.

Der Spitzensteuersatz von 42 Prozent ist für Top-Verdiener gedacht – er wird in Deutschland nur noch durch die sogenannte Reichensteuer von 45 Prozent getoppt, die für sehr hohe Einkommen anfällt. Den Spitzensteuersatz dagegen zahlten 2015 auch 1,7 Millionen Arbeitnehmer, die nicht viel mehr als 5000 bis 7000 Euro brutto verdienten. Das geht aus der Regierungsantwort auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor, über die die Süddeutsche Zeitung berichtete. 5000 bis 7000 Euro, das ist etwa das 1,5-fache des Durchschnittseinkommens. Im Jahr 1965 fiel man erst mit dem 15-fachen des Durchschnittsgehalts unter den Spitzensteuersatz.

Werden bereits Arbeitnehmer mit mittlerem Gehalt zu Spitzenverdienern erklärt?

Mehr als 126 Milliarden Euro steuerten die Zahler des Spitzensteuersatzes 2015 zu den Einnahmen bei. Die aktuellsten Daten sind fünf Jahre alt, weil dies das bisher letzte abgeschlossene Finanzjahr ist. Für spätere Jahre sind Teile der abgegebenen Steuererklärungen noch nicht ausgewertet. Doch die Bundesregierung weiß, dass der Trend sich fortsetzt. Viele Arbeitnehmer würden schon mit mittlerem Gehalt zu Spitzenverdienern erklärt, kritisiert Linksfraktionschef Dietmar Bartsch deshalb.

Dabei konnte Finanzminister Olaf Scholz (SPD) gerade erst stolz einen Rekordüberschuss im Bundeshaushalt in Höhe von 13,5 Milliarden Euro verkündet, bedingt vor allem durch niedrige Zinsen und rekordhohe Steuereinnahmen. Höchste Zeit, dass die Bürger vom Geldsegen etwas abbekommen, meinen Oppositionsparteien.

Vor 2005 lag der Spitzensteuersatz bei bis zu 56 Prozent

Tatsächlich sind die 42 Prozent der niedrigste Spitzensteuersatz, den Deutschland in der Nachkriegszeit je hatte. Er gilt seit 2005, eingeführt von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Zuvor lag der Spitzensatz bei bis zu 56 Prozent in den Jahren 1975 bis 1989. Die heutigen 42 Prozent fallen dabei nicht auf die gesamten Einkünfte an, sondern auf den Anteil oberhalb eines zu versteuernden Einkommens von rund 56 000 Euro (2019).

Diese Grenze wurde stetig angehoben – stieg allerdings weniger stark als die Löhne. Auch das ist ein Grund dafür, dass mehr Bürger unter den Spitzensatz fallen.

Nach mehr als einem Jahrzehnt ohne Reform und angesichts der Milliarden-Überschüsse trommeln vor allem FDP und Linke in einer ungewohnten Allianz für eine steuerliche Entlastung der Durchschnittsverdiener. Die Bundesregierung dagegen will von Steuerentlastungen erst einmal nichts wissen.

Organisationen wie die OECD kritisieren, dass Arbeitnehmer in Deutschland mehr Geld an den Staat zahlen als anderswo. In Europa war nur in Belgien die durchschnittliche Last durch Sozialabgaben und Einkommensteuer 2018 höher als in Deutschland.

Mehr zum Thema: