Wohlfühlprognose für Wirtschaft

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

So, 16. Juni 2019

Wirtschaft (regional)

Der Sonntag Bundesbank erwartet keinen breiten Abschwung – Trendwende bei der Erwerbsarbeit in Sicht.

In Regionen mit Autoindustrie und Maschinenbau steigt die Nachfrage nach Kurzarbeit. Im vom Mittelstand und Dienstleistung dominierten Südbaden erkundigen sich Unternehmen derzeit lediglich bei der Arbeitsagentur Freiburg, was sie bei Kurzarbeit beachten müssen. Stürzt die Konjunktur ab?

Die gute Laune der Arbeitnehmer wird das für 2019 erwartete geringere Wirtschaftswachstum nicht trüben. Darauf hat sich Hermann-Josef Hansen von der Bundesbank in einem Vortrag zur Konjunktur auf Einladung der Agentur für Arbeit in Freiburg in dieser Woche festgelegt. Denn sie könnten mit hohen Lohnzuwächsen in den kommenden beiden Jahren rechnen, die deutlich über der Inflationsrate lägen. Schwer zu berechnen war dies nicht, sagte Hansen, die Tarifparteien hätten sich schließlich in vielen Fällen auf lange Tariflaufzeiten verständigt. Oft sind die Zahlen bis 2021 bekannt. Anders verhält es sich mit der konjunkturellen Entwicklung. Die lasse sich für drei bis sechs Monate "einigermaßen verlässlich" vorhersagen, für längere Zeiträume verhalte es sich aber wie beim Wetter, bei dem es ab Tag zehn unsicher werde.

Für das laufende Jahr erwartet die Bundesbank ein erheblich geringeres Wirtschaftswachstum als im Vorjahr. In Zahlen: 0,6 Prozent. 2020 erwartet Hansen, der bei der Bundesbank die Abteilung Konjunktur und Wachstum leitet, dann mehr Dynamik. Am Jahresende könnte 1,2 Prozent Wachstum stehen. "Die Konjunktur verfestigt sich, das Expansionstempo aber ist verhalten." Eine Wohlfühlprognose, nennt das Hansen: Weniger als die noch vor sechs Monaten befürchtete Überhitzung der Wirtschaft, aber weiterhin ein kleines Wachstum. Zugrunde legt der Konjunkturexperte dieser Prognose aber einen geordneten Brexit, keinen weiteren Protektionismus wie US-Zölle auf deutsche Autos und keine eskalierenden geopolitischen Spannungen. Die Risiken sind also nicht zu unterschätzen.

Von 2016 bis 2018 erlebte die deutsche Wirtschaft ein kräftiges Wachstum, das dann Mitte des vergangenen Jahres plötzlich stagnierte. Die Ursache dafür, so Hansen, sei die Abschwächung der globalen Nachfrage gewesen. Umso überraschter zeigte man sich über das "ordentliche Wachstum" im ersten Quartal 2019. Bei näherem Hinsehen erklärte sich das Plus aus Nachholeffekten, dem ausgebliebenen Brexit und dem milden Winter, der die Bauindustrie kaum einschränkte. Zudem ergab sich eine Zweiteilung, die bis heute andauert: Bau- und Dienstleistungsbranche entwickeln sich weiter dynamisch, während die Industrie mit zurückgehenden Aufträgen konfrontiert ist. Diese Zweiteilung spiegelt sich bei den Arbeitsagenturen wider, wie Christian Ramm, Geschäftsführer der Freiburger Arbeitsagentur erklärte: Regionen mit viel Industrie und insbesondere der Autoindustrie werden zunehmend mit Kurzarbeit konfrontiert, in Regionen wie dem Oberrhein, wo Mittelstand und Dienstleistungen dominieren, erkundigen sich Unternehmen allenfalls danach, wie Kurzarbeit funktioniert.

Aber selbst für die Industrie dürfte es nicht allzu schlimm werden. Produktion, Aufträge und Auslastung gingen zwar nach unten, so Hansen, aber die Auslastung sei noch über dem normalen Maß. Schon in der zweiten Jahreshälfte rechnen die Konjunkturforscher mit stärkeren Impulsen bei der Auslandsnachfrage. Die Auslastung soll bis 2021 überdurchschnittlich bleiben. "Wir sehen keinen breiten Abschwung", resümierte Hansen. Allerdings verwies der promovierte Volkswirt darauf, dass auch die Bundesbank mit ihren Prognosen schon danebenlag. Häufiger aber lag sie richtig. Längerfristig rechnet die Bundesbank mit einem Rückgang der Erwerbsarbeit in Deutschland. Und dies aus einem einfachen Grund: Die Zahl der Schulabsolventen, die auf den Arbeitsmarkt drängen, nimmt stetig ab. Die Trendwende erwartet Hansen spätestens in zwei Jahren. Schon heute reagieren größere Unternehmen auf den Mangel an Arbeitskräften, indem sie Produktionsteile ins Ausland verlagern.