Nachtschmetterling vor Mondlandschaft

Michael Braun

Von Michael Braun

Fr, 30. April 2021

Literatur & Vorträge

Auch für Leipzig nominiert: Mit "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" legt Friederike Mayröcker ihr letztes Buch vor.

Eine winzige Schere fungiert im neuen, vielleicht letzten Buch der großen Dichterin Friederike Mayröcker als magisches Objekt. Es ist eine Schere, die nicht nur verbal, in Wortgestalt, aufgerufen wird, sondern als kleine Bleistiftzeichnung im Buch an mehreren Stellen präsent ist, wie eine geheime Signatur. Eine solche Schere ist – als große Metapher für das Zerschneiden und Collagieren von Wörtern und Sprachbildern – seit je das Werkzeug von großen Phantasiekünstlern und Surrealisten.

Die Bücher von Friederike Mayröcker sind seit nunmehr fast siebzig Jahren sehr fein gesponnene Gewebe, "magische Blätter", die aus rauschhaften Naturwahrnehmungen, Schlagzeilen, Gedächtnissplittern, Kindheitsbildern und Traumszenen gefügt sind. Dank ihrer überwältigenden Einbildungskraft entstehen daraus leuchtende Mosaike. Selbst die eingeschmuggelten Zitate sind oftmals Erfindungen, geboren aus phantastischen Verdrehungen von Wörterfunden auf den Notizzetteln, die in ihrer legendären Schreibhöhle in der Zentagasse in Wien gesammelt sind.

Nach über achtzig Büchern hat die 96-jährige Autorin angekündigt, nun ihr letztes – für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiertes – Werk vorzulegen, ein weiteres "Proem", wie sie die wilde, offene Form zwischen Poesie und Prosa nennt. In diesem "Proem", das bereits im Titel "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" eine gewisse grammatische Anarchie an den Tag legt, hat sie Eintragungen vom September 2017 bis November 2019 versammelt. Dabei folgen die Datierungen nicht unbedingt einer Tagebuch-Chronik, sind doch die flirrenden Textcollagen der Autorin aus unterschiedlichsten Werkphasen kompiliert.

Die beständige Aufladung der Wahrnehmungs-Schnappschüsse mit Farbempfindungen gehört zu den Ingredienzen der Mayröcker’schen Texturen, wobei die Farbe Weiß, die Urfarbe der historischen Avantgarde, eine zentrale Rolle spielt. Gleich auf der ersten Seite wird in einer Reminiszenz an den Dichterkollegen Alfred Kolleritsch das "weisze Lämmchen im blauen Himmel" beschworen, ein surrealistisches Bild, auf das später die "weizse Taube auf einer schwarzen Leinwand" des Malers Arnulf Rainer folgt.

In einer der schönsten Phantasien entwirft die Dichterin das Bild einer Lesung auf dem Mond, gemeinsam mit dem Kollegen Durs Grünbein. Sie verknüpft das mit einem Kindheitsbild, in dem sie sich als "kl. Mädchen" mit "groszer schwarzer Masche im Haar" imaginiert, "dasz ich (etwa) aussah wie Nachtschmetterling". Als "Nachtschmetterling" in bleicher Mondlandschaft kann man sich die fantastische "Proem"-Dichterin gut vorstellen.

Friederike Mayröcker: da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 202 Seiten, 24 Euro.