Negativzinsen erfüllen Zweck

Rolf Obertreis

Von Rolf Obertreis

Di, 27. Oktober 2020

Wirtschaft

Die Bundesbank sagt, die Minuszinsen haben die Kreditvergabe bis zum Pandemie-Beginn gefördert.

Viele Banken klagen gerne über die Belastungen durch die negativen Einlagezinsen der Europäischen Zentralbank (EZB). Hingegen sieht die Bundesbank in den Negativzinsen einen stabilisierenden Faktor für die Finanzbranche.

. Zwar sei die Zinsmarge – also der Abstand zwischen Kreditzinsen, die Banken einnehmen, und dem Einlagezins, den sie Kunden gewähren – seit der erstmaligen Verordnung eines Zinses von minus 0,1 Prozent im Juni 2014 (aktuell minus 0,5 Prozent) rückläufig. Allerdings habe sich die Profitabilität der Banken bis zum Beginn der Corona-Pandemie trotzdem nicht verschlechtert, schreiben die Ökonomen der Bundesbank in ihrem Monatsbericht.

Als Gründe nennt die Bank: die gute Konjunktur, die zunehmende Vergabe von Krediten und die niedrige Risikovorsorge für Darlehen. Insofern hätten Negativzinsen die erhoffte Wirkung erzielt: die Konjunktur zu stärken und die Kreditvergabe zu erhöhen.

Allerdings sei durch den corona-bedingten Konjunktureinbruch mit einer "Eintrübung" der Ertragslage der Banken zu rechnen. Grund sei die deutlich gestiegene und weiter zunehmende Vorsorge für Ausfälle im Kreditgeschäft. Zusammen mit der rückläufigen Zinsmarge könnte die Belastung der Ertragslage so groß werden, dass eine bankseitige Einschränkung der Kreditvergabe wahrscheinlicher wird, schreibt die Bundesbank. Dagegen stünden aber Freibeträge für Einlagen bei der EZB und Zinsgutschriften von bis einem Prozent für milliardenschwere Sonderkreditlinien, die die Notenbank den Instituten als Anreiz für die Vergabe von Krediten einräumt. Die Banken erhalten in diesem Fall einen Zins, statt für den Kredit der EZB zu bezahlen.

US-Notenbank ist dagegen skeptisch

Bis zum Beginn der Corona-Pandemie habe sich die Ertragslage der Banken trotz der Negativzinsen als stabil erwiesen. Sie hätten ihr Eigenkapital stabilisieren und sogar erhöhen können – durch die geringe Risikovorsorge, die wiederum nach Angaben der Bundesbank mit der günstigen konjunkturellen Entwicklung zusammenhängt. Zudem geben viele Institute die Negativzinsen zumindest an ihre Firmenkunden weiter. Insgesamt hätten dies im August fast zwei Drittel der Banken praktiziert, so die Bundesbank. Bei Einlagen privater Haushalte scheuten die meisten Institute immer noch davor, Negativzinsen zu erheben. Allerdings drehen sie, so die Bundesbank, an der Gebührenschraube.

Die Banken beklagen seit Einführung der Negativzinsen die daraus resultierenden Belastungen. Hans-Walter Peters, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Banken sagt, dass Geldhäuser in Euroland seit der Einführung von Negativzinsen rund 30 Milliarden Euro an die EZB überwiesen hätten. 2019 seien es sieben Milliarden gewesen, davon 2,6 Milliarden von deutschen Banken. In diesem Jahr erwartet Peters 10,5 Milliarden Euro mit 2,9 Milliarden von deutschen Instituten. Peters lässt aber die Zinsgutschriften bei den Sonderkreditlinien der EZB genauso außen vor wie die Weitergabe der Negativzinsen an Firmenkunden.

Zu einem anderen Ergebnis als die Bundesbank kommt die US-Notenbank. Sie hat die Auswirkungen von Negativzinsen auf die Kreditvergabe von 5300 Banken in 28 Ländern untersucht. Nur im ersten Jahr vergeben die Institute mehr Kredite, ab dem zweiten Jahr werden es weniger. Schlussfolgerung: Negative Notenbankzinsen sind kontraproduktiv. Das Ziel, die Konjunktur zu stimulieren, wird verfehlt. Freilich behauptet eine Studie der dänischen Zentralbank wiederum das Gegenteil: Negativzinsen schaden nicht, sie befördern sogar die Kreditvergabe.