Gemeinderat

Beirat für NS-Dokuzentrum in Freiburg kritisiert zähe Planung

Fabian Vögtle

Von Fabian Vögtle

Do, 05. März 2020 um 16:41 Uhr

Freiburg

Der Freiburger Gemeinderat steht hinter dem Konzept des geplanten NS-Dokuzentrum – und hält am Eröffnungstermin Ende 2021 fest. Doch der Beirat kritisiert die Planung des 2,4 Millionen-Projekts.

Der künftig zentrale Ort für das Erinnern und Gedenken sowie das Vermitteln des dunkelsten Kapitels der Stadt heißt "Dokumentationszentrum Nationalsozialismus Freiburg". Das hat der Gemeinderat am Dienstag bei zwei AfD-Gegenstimmen beschlossen und unterstützt damit zugleich die bisherige Konzeption. Doch aus dem Beirat des NS-Dokuzentrums, das Ende 2021 am Rotteckring eröffnen soll, gibt es auch kritische Stimmen. Da Projektleiterin Kathrin Ellwart ausgestiegen ist, sucht das Rathaus zudem seit dieser Woche nach einem neuen Leitungsteam.

"In Zeiten, in denen rechtsextreme Terroristen Anschläge verüben und rechte Zellen enttarnt werden, sind solche Angebote bitter nötig", sagte Karim Saleh in der Gemeinderatssitzung. Der Grünen-Stadtrat verwies damit auf die Bedeutung von Workshops im neuen Dokuzentrum. Es müsse gelingen – mit Blick auf die Zielgruppe der Schülerinnen und Schüler – erfahrbar zu machen, in welchem gesellschaftlichen Klima das passieren konnte, betonte SPD-Stadtrat Julien Bender. Es gelte dabei auch, einen Bezug zur eigenen Lebenswelt zu schaffen. Als Geschichtslehrer wisse er aus eigener Erfahrung um diese Herausforderung.

Wer das Projekt federführend übernehmen wird, ist unklar

"Es geht darum, Freiburg im Nationalsozialismus und nicht Nationalsozialismus in Freiburg zu zeigen", fordert der Historiker Thomas Schnabel im Gespräch mit der BZ. Freiburg sei in Bezug auf die NS-Zeit zwar hervorragend dokumentiert und die Aktenlage gut, so der Gründungsdirektor des Hauses der Geschichte in Stuttgart – zudem gebe es gute Ideen und die längst vorliegenden Konzepte. Doch Schnabel, Mitglied im Beirat, stellt bereits seit Monaten die Frage, wer das Projekt letztlich federführend in die Hand nimmt und die inhaltliche Arbeit leistet. Das heißt konkret: Wer sucht Objekte, recherchiert Geschichten, trägt Archivmaterial und Dokumente für eine Datenbank zusammen, auf die man später im Rotteckhaus zugreifen kann. Das sei bisher ziemlich zäh und langsam laufe die Zeit davon, findet Schnabel.

Hinzu kommt, dass die innerhalb des Beirats als beratungsresistent wahrgenommene Projektleiterin Kathrin Ellwart Freiburg verließ und jetzt in Bonn arbeitet. Das Rathaus hat die Stelle für einen Leiter des Dokuzentrums und einen Mitarbeiter für Vermittlung ausgeschrieben, vor dem Sommer ist jedoch nicht damit zu rechnen, dass das neue Team antritt.

Ausstellung soll in vier Cluster aufgeteilt werden

Die Stadtverwaltung und die für das Dokuzentrum zuständigen städtischen Museen halten dennoch am Eröffnungstermin Ende 2021 fest. "Es ist längst überfällig", betonte Bürgermeister Ulrich von Kirchbach im Gemeinderat. Und Tilmann von Stockhausen, Museumschef, sagte der BZ am Mittwoch, dass das Ziel zwar ehrgeizig sei und die Erwartungen sehr hoch. Doch den nächsten Schritten sehe er recht positiv entgegen, die meisten Hürden seien bereits überwunden, so von Stockhausen. Gerade erst hat eine Arbeitsgruppe von Freiburger Historikerinnen und Historikern, die von Stockhausen leitet, die Arbeit aufgenommen.

Ein Promotionsstudent unterstützt die Gruppe interimsmäßig als Assistent. Hauptaufgabe des Arbeitskreises, zu dem auch Heinrich Schwendemann von der Uni Freiburg gehört, ist die Weiterentwicklung der Ausstellungskonzeption. Diese hatten Kulturwissenschaftlerin Ursula Breymayer und Historiker Bernd Ulrich im Herbst 2019 vorgelegt. Seitdem sind die erfahrenen Ausstellungsmacher aus Berlin nicht mehr in Freiburg zugegen. Beide wollten dazu auf BZ-Anfrage keine Stellungnahme abgeben.

Die räumlich-inhaltliche Konzeption, der der Gemeinderat nun wie auch der pädagogischen Konzeption zustimmte, sieht vor, die Ausstellung in vier Cluster aufzuteilen: Das Ende des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik (1918-1933), der Beginn der Diktatur (1933-1939), die Eskalation der Gewalt mit Verfolgung und Deportation sowie Krieg, Zerstörung und Widerstand und zum Schluss die Verdrängung und Aufarbeitung in Freiburg nach 1945. Der Gestaltungswettbewerb hat bereits begonnen. Der Umbau soll laut Rathaus rund 2,4 Millionen kosten (BZ berichtete).

Gemeinderat bewilligte 800.000 Euro

Mehrere Fraktionen forderten die Stadt zudem auf, ein Digitalkonzept vorzulegen. Einer, der mehrfach darauf drängte, ist Frank Hack. Der Geschichtslehrer des Deutsch-Französischen Gymnasiums sitzt im Beirat und findet, dass im administrativen und baulichen Bereich viel erreicht worden ist. Ansonsten sieht er Handlungsbedarf. Wegen der begrenzten Ausstellungsfläche sei es wichtig, die Informationen digital zu vertiefen.

Der Gemeinderat stimmte am Dienstag auch der Überbauung des Innenhofs für einen Gedenkraum zu und bewilligte 800.000 Euro. Im vergangenen Jahr hatte die Stadt Rotteckhaus und ehemaliges Verkehrsamt zurückerworben. Zudem kam die Zusage, dass im Gebäude auch die Freiburger Außenstelle der Landeszentrale für politische Bildung einzieht.