Zwischen Hoffen und Bangen

dpa

Von dpa

Fr, 08. Januar 2021

Olympische Spiele

Deutschlands Olympia-Kandidaten tun sich zum Teil schwer mit der Motivation – manche sehen in der Verlegung aber auch eine Chance.

(dpa/gg). Für die deutschen Topsportler ist die extreme Vorbereitung auf die um ein Jahr verschobenen Olympischen Spiele in Tokio weiter ein mentaler Kampf gegen den Motivationsverlust. "Der erneute Lockdown zehrt an den Athleten genauso wie an allen Menschen", sagte Johannes Herber, Geschäftsführer der Vereinigung Athleten Deutschland. "Niemand hat damit gerechnet, dass noch einmal so große Unsicherheiten auftreten."

Gestärkt werde das Durchhaltevermögen der Athleten dadurch, dass die Sommerspiele vom 23. Juli bis 8. August nun "realistisch am Horizont" zu sehen seien. "Das ist ein starker Energiespender. Die Athleten tun gut daran, diesen singulären Fokus zu haben", so Herber.

"Das ist in der Tat sehr hart", sagte Nadine Apetz, die zweimalige Weltmeisterschaftsdritte im Boxen, über die Ausnahmesituation. "Was die Motivation oben hält, ist, dass sich das Warten und Durchkämpfen vielleicht ja lohnt." Für Apetz haben sich durch die Folgen der Corona-Krise nicht nur die sportlichen Pläne radikal verändert, sondern auch die privaten. "Ich wollte erst zu Olympia und dann meine Doktorarbeit fertigschreiben", sagte sie. Jetzt habe sie nichts von beiden und sich so durch das vergangene Jahr "gewurschtelt".

"Die Motivation oben zu halten, ist wirklich schwierig. Aufgrund des Mangels an Wettkämpfen", sagte Turner Andreas Toba. Um sie aufrechtzuerhalten, stelle er sich vor, dass es ganz normale Olympische Spiele sein werden. "Darauf bereite ich mich vor und davon gehe ich aus", erklärte er seine psychologische Strategie. Eine ähnliche Durchhaltetaktik hat sein Turn-Mitstreiter Marcel Nguyen. "Ich gehe einfach mal davon aus, dass es mit Olympia funktioniert und zudem die Europameisterschaft im April in Basel stattfindet", sagte der zweimalige Olympia-Zweite von 2012. "Das ist das nächste Ziel und es laufen die Vorbereitungen darauf." Das Fehlen der Wettkämpfe ist ebenso für Kunstturnerin Elisabeth Seitz das zentrale Problem. "

Dirk Schimmelpfennig weiß als Sportchef des Deutschen Olympischen Sportbundes, dass dieses Defizit zu Verunsicherung führt und am Selbstbewusstsein nagt. "In den Wettkämpfen bekommt der Athlet die Rückmeldungen über sein Leistungsvermögen, gleichzeitig geben sie Ansporn und Perspektive", sagte er.

Aline Rotter-Focken (29), am Olympiastützpunkt Freiburg trainierende Ringer-Weltmeisterin von 2014, sagte kürzlich der BZ, sie habe die Verlegung von Olympia als Chance angesehen – obwohl sie eigentlich nach den Spielen im August 2020 ihre Laufbahn beenden wollte. "Es ist eine Chance für mich, weil ich noch nicht allzu lange in der höchsten Frauen-Gewichtsklasse ringe. Es ist ein Unterschied, ob die Gegnerinnen 69 oder 76 Kilo auf die Waage bringen. In eine neue Gewichtsklasse hineinzuwachsen, das braucht auf Weltklasseniveau schon Zeit. Ich weiß, dass ich nochmal einen Leistungssprung gemacht habe", sagte sie.

Auch Kurzbahn-Spezialist Philip Heintz hat "überhaupt keine Probleme", sich zu motivieren. "Mir macht das Schwimmen und das Training derzeit wieder so viel Spaß, dass ich dabei gar nicht an die Spiele denke", sagte der Weltmeister über 200 Meter Lagen von 2013 und 2017. Diese Lockerheit haben nicht alle Sportler, wie Schwimm-Bundestrainer Bernd Berkhahn sagt: "Die Anforderungen für eine Olympia-Teilnahme waren und bleiben wie immer sehr hoch."