Entlaufenes Rind

Kuh-Experte: "Die Tiere verwildern sehr schnell"

Patrik Müller

Von Patrik Müller

Mi, 10. Juni 2020 um 11:53 Uhr

Panorama

Wochenlang versteckte sich Rind Melody in den Wäldern bei Emmendingen. Jetzt ist das Tier zurück. Doch es dürfte schwer werden, die Kuh wieder an Menschen zu gewöhnen, sagt Experte Thomas Jilg.

Thomas Jilg (65) ist Agrarwissenschaftler am Landwirtschaftlichen Zentrum für Rinderhaltung, Grünlandwirtschaft, Milchwirtschaft, Wild und Fischerei (LAZBW) in Aulendorf.

BZ: Herr Jilg, wie macht sich ein Rind so als Wildtier?
Jilg: Die Tiere verwildern sehr schnell, wenn sie nicht in der Obhut des Menschen sind. Das kann innerhalb von zwei Tagen passieren. Sie ziehen sich in den Wald zurück, suchen Deckung und kommen nur noch zur Nahrungsaufnahme raus, wenn es ruhig ist. Es kann sogar sein, dass die Tiere ihren Rhythmus umstellen und tagsüber schlafen.

BZ: Genießt so ein Tier die Freiheit? Ist es panisch in der fremden Umgebung?
Jilg: Das ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall kommt es zurecht. Es zeigt sich aber auch, dass geflohene Tiere oft die Nähe von Weiden suchen, wo andere Rinder sind. Im Herdenverbund fühlen sie sich wohler. So kann man die Tiere mit etwas Vorbereitung auch wieder einfangen. Aber das ist schwierig. Rinder, die aus einer Mutterkuhherde stammen und noch nicht viel Kontakt zum Menschen hatten, haben eine hohe Fluchtdistanz.

"Sie kommen leicht in Aufregung, sie sind schnell – und dann wird es mit jedem Tag schwieriger, sie wieder zu finden."Thomas Jilg
BZ: Büxen Kühe eigentlich oft aus?
Jilg: Ja, das kommt häufiger vor, vor allem beim Verladen und Umtreiben, wenn die Aktion schlecht vorbereitet ist und kein ruhiger Umgang mit den Rindern gepflegt wird. Sie kommen leicht in Aufregung, sie sind schnell – und dann wird es mit jedem Tag schwieriger, sie wieder zu finden.

BZ: Wie ernährt sich eine Kuh in freier Wildbahn?
Jilg: Das Natürliche ist Grünlandaufwuchs auf Wiesen, wie auf der Weide. Die Tiere können aber auch im Wald Blätter fressen, Buchenlaub schmeckt ihnen zum Beispiel. Das ist auch eine natürliche Nahrungsgrundlage von Rindern in halboffener Landschaft.

BZ: Wie gefährlich lebt so ein Tier?
Jilg: Die größte Gefahr geht vom Verkehr aus, von Straßen, von Bahnlinien. 2008 ist ein ICE entgleist, als er im Landrückentunnel in Hessen in eine Schafherde gefahren ist – und eine Kuh ist deutlich schwerer.

BZ: Kann eine verwilderte Kuh Wanderern gefährlich werden?
Jilg: Das kann ich mir nur vorstellen, wenn sie in die Enge getrieben wird. Dann könnte sie einen Angriff starten. Aber wenn sie die Möglichkeit hat, wird sie immer ausweichen. Für Wanderer heißt das: Abstand halten, vor allem wenn Bullen und Kälber dabei sind. Der Bulle und die Kühe wollen die Kälber schützen.

BZ: Das Emmendinger Rind war mehr als einen Monat auf der Flucht. Lässt sich das jetzt eigentlich wieder an den Menschen gewöhnen?
Jilg: Die Kontaktaufnahme muss auf jeden Fall sehr behutsam erfolgen. Man muss davon ausgehen, dass man ein wildes Tier vor sich hat, das erst langsam wieder Vertrauen aufbauen muss – übers Füttern zum Beispiel. Das kann aber schwierig sein. Wenn das Tier während seiner Flucht sehr oft verfolgt wurde, kann es sogar dauerhaft traumatisiert sein.