Mit Gülle erstickt?

dpa

Von dpa

Mi, 16. Oktober 2019

Panorama

Verteidiger in Augsburg bezeichnen Anklage als "Spekulation".

AUGSBURG (dpa). Hat ein Bauer seine Ehefrau mit Gülle umgebracht – oder sitzt der Mann seit mehr als einem Jahr unschuldig in Untersuchungshaft? Diese Frage muss das Landgericht Augsburg in einem Mordprozess klären. Zu Beginn der Verhandlung am Dienstag ließen die Verteidiger des 55-jährigen Landwirts kein gutes Haar an den Ermittlungen von Kripo und Staatsanwaltschaft. Die Anklageschrift sei "wenig präzise", kritisierte Rechtsanwalt Peter Witting. "Es ist alles offen, was passiert sein soll." Bei der Schilderung des Verbrechens werde nur "spekuliert".

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hingegen ist der "Gülle-Mord" im September 2018 auf dem Hof im nordschwäbischen Wallerstein passiert. Der Beschuldigte soll damals seine Partnerin erst bewusstlos geprügelt haben. Dann habe er der Frau Gülle beigebracht, "wohl indem er das auf dem Rücken liegende Tatopfer insbesondere im Bereich des Gesichts mit Gülle übergoss", so die Anklageschrift. Dadurch sei die 51-Jährige erstickt. Als Motiv vermuten die Ermittler, dass der Ehemann das gemeinsame Vermögen für sich allein haben wollte, weil seine Frau die Scheidung geplant habe. Deshalb habe der Mann knapp 45 000 Euro bar in seinem Auto versteckt und weitere rund 87 000 Euro im Haus.

Zu den Vorwürfen äußerte sich der Mann nicht selbst, er ließ seine Anwälte reden. Die stritten auch gar nicht ab, dass die Partnerschaft nicht gut lief. "Es ist richtig, dass die Ehe seit vielen Jahren nicht mehr als eine Zweckgemeinschaft war." Zum Zeitpunkt des Todes der Frau sei alles wie immer bei den Eheleuten gewesen, so Witting: "Wie immer schlecht." Laut den Anwälten führte das Paar den Hof im Nebenerwerb. Der Mann sei schon lange der Ansicht gewesen, dass sich seine Frau zu wenig um die Landwirtschaft kümmere und habe ihr zuletzt kein Haushaltsgeld mehr gegeben. Das Geschehen an der Güllegrube ist nach Überzeugung der Verteidiger aber nur ein "schlichter Unfall" gewesen. Die dreifache Mutter sei selbst in die Grube gestiegen, sei dort vielleicht auch wegen gesundheitlicher Probleme in die Gülle gestürzt und habe sich noch ins Freie retten können, wo sie gestorben sei.

Einen ersten Teilerfolg konnten die Verteidiger bereits verbuchen. Das Gericht ließ am Dienstag den Chef des Hamburger Instituts für Rechtsmedizin, Professor Klaus Püschel, als zusätzlichen Sachverständigen für das Verfahren zu. Die Anwälte hatten Püschel benannt, um die auf Basis des Gutachtens der Münchner Rechtsmedizin erstellte Anklage zu widerlegen. In einer ersten Stellungnahme vor dem Prozess hatte Püschel bereits erhebliche Zweifel an dem angenommenen Tatablauf vorgetragen. Das Urteil wird für Januar 2020 erwartet.