Fields-Medaille

Peter Scholze ist ein Mozart der Mathematik

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Von dpa

Do, 02. August 2018 um 11:20 Uhr

Panorama

Der Bonner Mathematiker Peter Scholze wurde in Rio de Janeiro mit der Fields-Medaille ausgezeichnet, dem bedeutendsten Preis der Welt, eine Art Nobelpreus für die Mathematik.

RIO DE JANEIRO (dpa). Er war mit 24 Jahren jüngster Professor Deutschlands, hat etliche Preise abgeräumt und versteht mathematische Zusammenhänge wie kaum ein anderer. Nun ist der Bonner Mathematiker Peter Scholze mit der renommiertesten Auszeichnungen seines Fachs, der Fields-Medaille, gewürdigt worden – als zweiter Deutscher überhaupt. Das sei "schon eine herausragende Ehre", sagte der 30-jährige gebürtige Dresdner anlässlich der Verleihung. Diese Bescheidenheit passt zu ihm. Der Versuch einer Annäherung.

Schulterlange, braune Haare. Schlanke Figur, schlichtes Hemd. Peter Scholze sticht auf den ersten Blick nicht heraus. Was ihn ausmacht, ist seine geistige Arbeit. Sein Genie. Auch wenn er das selbst nie so sagen würde. "An sich habe ich gar nicht das Gefühl, dass ich ein spezielles Talent besitze", sagt er im Gespräch. Mit dieser Meinung steht er ziemlich alleine da.

Das Prestige der Fields-Medaille ist mit dem der Nobelpreise vergleichbar. Sie wird alle vier Jahre an bis zu vier herausragende Mathematiker unter 40 Jahren vergeben – neben Scholze dieses Mal an Akshay Venkatesh (Princeton University und Stanford University, USA), Alessio Figalli (ETH Zürich, Schweiz) und Caucher Birkar (Cambridge University, Großbritannien).

Die goldene Medaille reiht sich bei Scholze unter anderem ein neben dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und vielen weiteren internationalen Auszeichnungen. Seit Juli ist er zudem Direktor am Max-Planck-Institut für Mathematik in Bonn.

Scholzes Doktorvater Michael Rapoport sagt: "Er ist der bessere Mathematiker als ich, er hat tiefere Einblicke als ich, er hat den besseren Überblick." Wie die Studenten hole auch er selbst sich Rat bei Scholze. "Er ist inzwischen mein Lehrer." Schon beim Abitur habe Scholze sein ganzes Fachgebiet durchdrungen und noch Wissen darüber hinaus, sagt der frühere Mathe-Professor. "Ich hatte eine ganze Reihe von außergewöhnlichen Studenten, aber Scholze ist exzeptionell." Er habe ein absolutes Formgefühl – wie Mozart. "Die Kompositionen sind in gewissem Sinn vollkommen komponiert und eingängig", schwärmt Rapoport. "Aber er trägt sein Genie nicht vor sich her."

Scholze wird gern als Überflieger und Ausnahmetalent bezeichnet. "Ich brauche die Superlative nicht", sagt der trocken. Er versuche, das nicht so sehr an sich rankommen zu lassen. Im Gespräch lässt er sich Zeit zum Antworten – und gibt sich dann doch oft wortkarg. "Wir versuchen in der Mathematik immer, die Dinge möglichst klar zu sagen", so Scholze. Es klingt wie ein Lebensmotto.

Der einzige Deutsche, der bislang die Fields-Medaille bekam, ist Gerd Faltings. 1986 war das. Über Scholze sagt dieser: "Es ist erstaunlich, wie viele Sachen er macht und versteht. Dinge, wo ich lange für brauchen würde. Damit sticht er aus der Masse heraus." Scholze sei fleißiger als er und habe zu vielen Themen eine fundierte Meinung. "Er liefert eine neue Sicht auf die Dinge und setzt Spezialfälle in größeren Zusammenhang."

Was Scholze macht, ist für Laien schwer bis gar nicht verständlich. Er forscht zur sogenannten arithmetischen Geometrie und schafft Verbindungen zwischen verschiedenen Gebieten der Mathematik. Das hilft Fachleuten, Probleme in einem Bereich mit Ansätzen aus einem anderen zu lösen. Gewissermaßen blickt Scholze über den Tellerrand der einzelnen Disziplinen und verknüpft Lösungsansätze. Seine Forschung gilt als bahnbrechend und richtungsweisend.

Er selbst beschreibt das so: "Was mich interessiert, sind die ganzen Zahlen – also 1, 2, 3, 4, 5 und so weiter – und ihre Eigenschaften, also was für Gleichungen man damit lösen kann. Und diese ganz grundlegende Fragestellung benötigt abstrakte Methoden, die aus verschiedenen, überraschenden Bereichen der Mathematik kommen: aus der Geometrie, aus der Analysis. Eigentlich gibt es da aus allen Gebieten der Mathematik Querverbindungen."

Der einfache Mathematikschüler mag da nur Bahnhof verstehen. Scholzes akademischer Lehrer Rapoport erklärt, es gehe um Probleme, die seit Ewigkeiten bearbeitet werden. Und er ordnet ein: "Nicht die Nützlichkeit ist der Grund, warum das toll ist, sondern das geistige Ideengebäude, das Herr Scholze aufgebaut hat." Doch mit Scholze könne man auch über Rasenpflege plaudern. "Aber es kann sein, dass er im Gespräch auf einmal zum Fachlichen wechselt." Beim Tippspiel zur Fußball-WM habe Scholze weit vor ihm gelegen, sagt Rapoport.