Theaterkollektiv Bambi Bambule

Penthesilea – oder: Heißt Lieben Sterben

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

So, 21. Juli 2019 um 19:10 Uhr

Theater

Das Freiburger Theaterkollektiv Bambi Bambule hat sich mit Kleists Tragödie "Penthesilea" auseinandergesetzt: Is love to die? Das ist hier die Frage.

Was soll das werden? Ein Konzert? Drei Frauen und ein Mann treten in der Kammerbühne des Freiburger E-Werks hinter einem halbtransparenten roten Vorhang hervor, sie sind mit E-Gitarren ausgerüstet. "Love is to die": Der Song kommt so eingängig rüber in der Hitze des Saals, dass man denken könnte, ihn aus den Charts zu kennen. Doch nein: Heiner Bomhard, bis zum Ende der Ära Mundel häufiger am Stadttheater zu erleben, hat den Song komponiert und singt ihn auch. Nicht schlecht. Auch die anderen auf der Bühne sind alte Bekannte: Lena Drieschner, Marie Jordan und Lisa Marie Stoiber haben sich im damaligen Ensemble kennengelernt. Es ist zunächst mal richtig schön, sie wiederzusehen. Gemeinsam mit Sascha Flocken, er war bei Mundel Dramaturg, haben sie Ende 2018 das Kollektiv Bambi Bambule gegründet. Und nun die erste Produktion vorgelegt: "Penthesilea" nach – aber auch mit Heinrich von Kleist.

Denn: Es kommen ganze Blöcke aus der Tragödie um eine große unmögliche Liebe zur Sprache. Immer wieder tritt eine(r) aus dem Ensemble in die Mitte des mit Linien gezeichneten und einem kleinen Sandhaufen markierten Kreises und rezitiert Kleists großartige Verse. Is love to die? Muss das sein, dass Liebe Sterben heißt, so wie es die kanonische Literatur und die großen Opern der Kulturgeschichte immer wieder vorführen? Um diese Frage zu klären, läuft eine zweite Sprach- und Songspur durch den Abend: mit Texten des Ensembles und der Feminstinnen Liv Strömquist und Laurie Penny, der Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal und der Band Bell Book.

Könnte man nicht einfach mal raustreten aus dem tödlichen Gegeneinander von Haltungen und Vorstellungen, die Kleists Stück bis zum bitteren Ende durchdekliniert? Gibt es einen dritten Ort außerhalb von Themiscyra, dem Sitz der Amazonen, und Phtia, dem Sitz der Griechen? Marie Jordan und Lisa Marie Stoiber steigern sich euphorisch hinein in die Utopie eines herrschaftsfreien Miteinander. Und man assoziiert von fern das Freiburger Leitmotiv der designierten Intendantin der Münchner Kammerspiele: In welcher Zukunft wollen wir leben?

Bambi Bambule, die gemeinsam für Konzept und Regie des Abends zuständig sind, scheuen sich nicht, das schwere Thema auch in aufgelockerter Form zu präsentieren: etwa mit dem heiteren Ratespiel: Wer bin ich? Medea, Gretchen, Ophelia oder Jeanne d'Arc? Bin ich am Ende des Stücks immer noch Jungfrau, bin ich die Titelfigur, werde ich wahnsinnig? Das wirklich Tolle und Gelungene an "Penthesilea – Love Is To Die" besteht darin, dass die Sache, die Heinrich von Kleist verhandelt, dabei nicht verwässert und schon gar nicht verraten wird. Bambi Bambule behalten den fatalen Lauf der Dinge zwischen der Amazonenkönigin Penthesilea, die sich per Gesetz der Frauen den Geliebten im Kampf erobern muss, und dem Griechenhelden Achilles, dem als schlichtem (weißem) Mann die zerreißende Situation der ihm im Kampf Unterlegenen nicht zugänglich ist ("eine Grille, die ihr heilig") konsequent im Blick. Für Kleist gilt anno 1808: "Love is to die". Und für uns? Es darf nachgedacht werden. Mit so fabelhaften Schauspielerinnen macht das Denken sogar Spaß. Der Beifall im nassgeschwitzten Kammertheater wollte nicht aufhören. Das kann man verstehen.

Weitere Aufführungen: 23. und 24. Juli