Politische Sorgen bedrücken die Deutschen

dpa

Von dpa

Fr, 06. September 2019

Deutschland

Umfrage: welche Bedrohungen die Deutschen am meisten fürchten.

BERLIN (dpa). Neue deutsche Gelassenheit: Die Bundesbürger geben sich optimistischer und weniger von Ängsten geplagt als in den vergangenen Jahren. Das ist ein Hauptergebnis der Studie "Die Ängste der Deutschen", die am Donnerstag vorgestellt wurde. Seit 1992 gibt die R+V-Versicherung diese repräsentative Umfrage in Auftrag. Doch auch wenn die Stimmung so gut ist wie seit 25 Jahren nicht mehr, ist die Welt damit nicht in Ordnung. Die Top-Ängste der Deutschen kreisen weiter um Zuwanderung, Extremismus, überforderte Politiker sowie ganz neu: bezahlbares Wohnen.

Die Versicherung hat zwischen Mitte Mai und Ende Juli rund 2400 Menschen ab 14 Jahren in persönlichen Interviews repräsentativ befragen lassen. Für verschiedene Bereiche konnten sie auf einer Skala von eins bis sieben angeben, wie sehr ihnen ein Thema Sorgen bereitet. Im Langzeitvergleich sorgten sich 39 Prozent der Befragten stark. Das ist der niedrigste Wert seit 1994. Vor drei Jahren waren es noch 52 Prozent.

Was macht am meisten Angst? "Politische Sorgen verdrängen seit vier Jahren fast alle anderen Ängste", analysierte Politikwissenschaftler Manfred Schmidt von der Universität Heidelberg. Auch wenn das Ausmaß der Furcht vor Zuwanderung und einer gefährlicheren Welt durch US-Präsident Donald Trump vermutlich auch durch Gewöhnungseffekte gesunken sei, bleibe der Kernbestand dieser Top-Ängste spürbar hoch. So fürchtete mehr als jeder zweite Befragte, dass der Staat mit vielen Flüchtlingen überfordert sei und es mehr soziale Spannungen durch diesen Zuzug gebe. Dass Trump so sorgenvoll betrachtet werde, überrascht ihn nicht. Mit seiner "America first"-Strategie attackiere der Präsident nicht nur Feinde, sondern auch Verbündete.

Bemerkenswert an der Umfrage ist der tiefe Riss, der sich plötzlich wieder zwischen Ost und West auftut. Nach Jahren der Annäherung geht die Schere beim Angstindex 2019 wieder deutlich, um rund zehn Prozentpunkte, auseinander. Während der Westen zusehends gelassener wird, dominieren in Ostdeutschland die Furcht vor Zuwanderung, wenig Vertrauen in Politik und Angst vor steigenden Kosten im Alltag. Schmidt wundert das nicht. "Jede Wahl im Osten ist wie ein Donnerschlag in Sachen Unzufriedenheit", sagt er. "Und doch führen die etablierten Parteien fort, was sich als unzulänglich erwiesen hat." Sie retuschierten zum Beispiel das Thema Zuwanderung weg und grenzten Rechtspopulisten aus, statt sie in Verantwortung einzubinden. Die Ängste vor politischem Extremismus und Terrorismus dagegen lagen mit den Plätzen 5 und 9 weiter unter den Top-Sorgen. Dass die Furcht im Vergleich zu den Vorjahren sank, liege vermutlich daran, dass es in Deutschland nach 2016 in Berlin keinen großen Anschlag mehr gab. Das Thema Wohnen wurde erstmals abgefragt und landete mit Platz sechs auf Anhieb im oberen Mittelfeld der Ängste: 45 Prozent sorgten sich um steigende Mieten und Immobilienpreise. Die Furcht vor dem Klimawandel schaffte es dagegen nicht unter die zehn Top-Ängste, sondern landete mit 41 Prozent nur auf Platz 12.

Für Schmidt persönlich aber bleibt die Politikverdrossenheit eines der größten Probleme in Deutschland. "Jeder Dritte bewertete die Arbeit von Politikern mit den Schulnoten mangelhaft und ungenügend", sagte er.