Politisches Feuilleton im Fernsehen

Gregor Tholl

Von Gregor Tholl (dpa)

Fr, 02. Oktober 2020

Kultur

Am heutigen Freitag vor 25 Jahren ging die 3sat-Sendung "Kulturzeit" erstmals auf Sendung / Ein transnationales und meinungsfreudiges Magazin.

Als eine Art Zuhause empfindet die Schriftstellerin Sibylle Berg die "Kulturzeit": "Der Tag, an dem es euch nicht mehr gibt, wird das Ende des Fernsehens sein." Für die Filmemacherin Doris Dörrie bedeutet die werktägliche 3sat-Sendung um 19.20 Uhr das Ende ihres Arbeitstages: "Jeden Abend wieder werde ich zuverlässig inspiriert und informiert".

Vor 25 Jahren – am 2. Oktober 1995 – wurde das Kulturmagazin zum ersten Mal ausgestrahlt. Gesendet wird die "Kulturzeit" aus dem ZDF-Sendezentrum in Mainz. Das transnationale Magazin realisieren ZDF, ARD, ORF (Wien) und SRF (Zürich) zusammen – nach dem 3sat-Motto: drei Länder, vier Sender. 2019 schalteten im Schnitt jede Ausgabe etwa 210 000 Menschen ein, davon 190 000 in Deutschland, wie es vom ZDF heißt.

Die "Kulturzeit" ist bei den klassischen Kulturterminen wie Berlinale, Buchmesse, Theatertreffen, Salzburger Festspiele oder Bachmannpreis in Klagenfurt zur Stelle, setzt aber auch Akzente mit einem erweiterten Kulturbegriff, in den Themen wie Gentechnik, Rassismus, Terrorismus und Nationalismus passen – politisches Feuilleton eben. Kaum eine TV-Produktion verbindet dabei so sehr Deutschland, Österreich und die Schweiz miteinander.

So konnte es geschehen, dass der Philosoph Peter Sloterdijk und der Aktionskünstler Christoph Schlingensief über Ethik und Nietzsche diskutierten, Roger Willemsen über das Nachtleben in Bangkok sprach oder Iris Berben zum Tod ihrer Kollegin Hannelore Elsner interviewt wurde. Nicht allen gefällt die Meinungsfreude des Magazins. So bezeichnete der frühere Spiegel Online-Kolumnist Georg Diez die Macher als "Kulturbolschewisten". Ihr Kulturverständnis sei "bornierter als das der konservativsten Klassikfreunde". Anlass für die Abrechnung war vor neun Jahren die Berichterstattung über den internationalen Militäreinsatz in Libyen, bei der im Zusammenhang mit dem französischen Philosophen und Befürworter Bernard-Henri Lévy das Wort "Rampensau" fiel – ausgerechnet bei einem Juden.

Zum Start vor 25 Jahren hieß es, die "Kulturzeit" solle Kontrapunkte zur "TV-Einheitskost" setzen. Anfangs war Gerd Scobel das Gesicht der Sendung (1995 bis 2007), viele Jahre auch Ernst A. Grandits (1996 bis 2016) und Tina Mendelsohn (2001 bis 2016). Die aktuelle Moderatorenriege umfasst Cécile Schortmann (ARD, seit 2008) und seit 2017 jeweils Vivian Perkovic (ZDF), Nina Mavis Brunner (SRF) und Peter Schneeberger (ORF).

An Experimenten im vergangenen Vierteljahrhundert bleibt im Gedächtnis, dass Andrea Meier am 23. August 2008 eine ganze Ausgabe auf Latein moderierte. Ein anderes Experiment ist neueren Datums: Im Februar führte Cécile Schortmann gemeinsam mit dem 1,20 Meter großen Roboter "Pepper" durch die Sendung.

Am 2. Oktober zeigt 3sat die monothematische Sendung "Kulturzeit extra: Zeitenwende". Sie beleuchtet Konflikte rund um den Globus und fragt: Wird der Glaube an den Fortschritt hin zu einer Politik der Nachhaltigkeit stärker? Oder setzen sich Abschottung, Selbstbezogenheit und der grassierende Populismus durchj? Am 17. Oktober gibt es ab 20.15 Uhr ein Jubiläumsquiz.