Priester unter Beobachtung

Sigrun Rehm

Von Sigrun Rehm

So, 28. Juli 2019

Südwest

Der Sonntag Erzbistum ringt um Umgang mit Opfern und Beschuldigten im Missbrauchsskandal.

Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger hat "schonungslose Aufklärung" im Missbrauchsskandal versprochen. Nun stellte die Kommission "Macht und Missbrauch" ihren Zwischenbericht vor. Der zeigt: So großzügig die Kirche gegenüber den Opfern ist, so rigoros geht sie mit jenen um, die sie als "Gefährder" ausgemacht hat.

"Der ungeschönte Blick zeigt, wie umfassend das Versagen seitens der Institution Kirche war und wie viel Arbeit noch vor uns liegt", sagte Burger bei der Pressekonferenz zum Zwischenstand der Missbrauchsaufklärung. Diese hatte der Erzbischof gestartet, nachdem die von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragte MHG-Studie – benannt nach den Orten der beteiligten Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen – im September 2018 das Ausmaß des Missbrauchsskandals ans Licht gebracht hatte. Demnach sind zwischen 1946 und 2015 im Erzbistum Freiburg mindestens 442 Jungen und Mädchen von 190 Geistlichen missbraucht worden. Damit gelten 4,6 Prozent der Kleriker, deren Akten untersucht wurden, als Täter.

Um die sozialen und psychischen Folgen für die Opfer wenigstens ein wenig zu lindern, hat das Erzbistum nun ein Vier-Säulen-Modell zur Wiedergutmachung erarbeitet, das spätestens zum 1. Januar in Kraft treten soll. Es sieht Schmerzensgeld in Anerkennung erlittenen Leids vor, das im Einzelfall bis zu 30 000 Euro beträgt und damit deutlich über dem von der Bischofskonferenz empfohlenen Betrag liegt sowie die Übernahme von Therapiekosten auch für mehr als die üblichen 50 Stunden. Außerdem bietet das Erzbistum als bundesweit erste Diözese bedürftigen Opfern eine monatliche Unterstützung von bis zu 800 Euro an, wie der erzbischöfliche Rechtsdirektor Reinhard Wilde erläuterte. Wartezeiten auf Therapieplätze sollten großzügig überbrückt werden. Darüber hinaus sei ein Forum geplant, an dem sich Betroffene begegnen und der katholischen Kirche wieder annähern können, falls sie das wollen, so Wilde.

Fast alle Anträge bewilligt

Auf eine aufwendige Überprüfung der Berichte soll weiterhin verzichtet werden, um die Gefahr einer Retraumatisierung zu vermeiden. Schon bisher genügt zur Anerkennung des Leids eine "plausible Tatsachenschilderung", aus der hervorgeht, dass die Taten mit "hinreichender Wahrscheinlichkeit" erlebt wurden. Von 186 Anträgen wurden 181 bewilligt, fünf werden derzeit geprüft, so die Rechtsanwältin und externe Missbrauchsbeauftragte Angelika Musella.

Innerhalb der Kommission "Macht und Missbrauch", die Täterstrategien und Missbrauchsstrukturen erhellen soll, befasst sich die Arbeitsgruppe "Gefährder" mit jenen Geistlichen, die bereits auffällig geworden sind. Dazu gehören 27 der 32 noch lebenden Kleriker, die in der MHG-Studie beschuldigt wurden, sowie acht weitere Personen, die erst nach Abschluss der Studie gemeldet wurden. Von diesen 35 Männern sind nach Angaben des Erzbistums knapp zehn als "Gefährder" im engeren Sinne eingestuft worden. Ihre Daten wurden nach Rom gemeldet, sie stehen unter Beobachtung und müssen sich von Jugendlichen fernhalten. "Mit pastoraler Seelsorge haben sie nichts mehr zu tun", versicherte Erzbischof Burger.

Dabei liegen die Taten dieser "Gefährder" teilweise weit unter der Strafbarkeitsschwelle oder sind längst verjährt, wie Mitglieder der Kommission mehrfach betonten. Manche könnten "schlecht mit Geld umgehen", andere hätten "Nähe-Distanz-Probleme". "Es geht um Grenzverletzungen, Uneinsichtigkeit, Anpassungsprobleme", erklärte Gisela Hogeback, Psychotherapeutin und Mitglied der AG. Um zu verhindern, dass diese Männer rückfällig oder zu Straftätern werden, forderte sie eine "Fortbildung im Sinne eines TÜVs". Ihr Kollege Helmut Kury, Professor für forensische Psychologie, empfahl eine individuelle psychologische Begutachtung. Doch auch Unterstützung soll es geben: "Keiner soll zum Täter werden, weil er mit seinen Problemen alleingelassen wurde", sagte Burger. Da die erste Tat laut MHG-Studie im Durchschnitt 14,3 Jahre nach der Priesterweihe begangen wird, habe sich das Alter von Anfang bis Mitte 40 als bei Priestern besonders heikle Zeit herauskristallisiert. "Dafür wollen wir Maßnahmen und Unterstützung erarbeiten", sagte Hogeback. Einen "Generalverdacht gegen Priester", versprach Domkapitular Peter Kohl, solle es nicht geben.

Deutlich komplexer und langwieriger als erwartet hat sich die Arbeit der AG "Machtstrukturen und Aktenanalyse" erwiesen, bei der die systematische Vertuschung schwerer Missbrauchsfälle unter die Lupe genommen wird. "Die Recherche-Akten wachsen in ungeahntem Ausmaß und wir stecken erst mitten drin", sagte Edgar Villwock, Mitglied der AG und pensionierter Staatsanwalt. Neben den Missbrauchs- und Vertuschungsfällen in Oberharmersbach in der Ortenau und im Kloster Birnau am Bodensee geht es auch um einen bereits verstorbenen Pfarrer, der in Freiburg-Hochdorf, Landwasser und Eisenbach gewirkt haben soll. Laut Villwock erheben fünf Opfer Anschuldigungen gegen ihn.