Einblick ins System

Prozessbeginn gegen fünf Mafiosi in Düsseldorf

dpa

Von dpa

Mo, 26. Oktober 2020 um 19:59 Uhr

Panorama

Ob ein Groß-Prozess gegen die Mafia mit 14 Angeklagten und 40 Anwälten während der Corona-Pandemie möglich ist, muss sich noch erweisen. Am Montag nahm das Verfahren erstmals Fahrt auf.

Drogen aus Südamerika, die kalabrische Mafia und eine riesige Menge Ermittlungsakten: Im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts Düsseldorf nahm am Montag ein komplexer Mammutprozess Fahrt auf. Angeklagt sind 14 Männer, fünf von ihnen gehören der Staatsanwaltschaft Duisburg zufolge zur "’Ndrangheta", die als mächtigste Mafiaorganisation weltweit gilt und den internationalen Kokainhandel kontrolliert. Zwei Mal wurde der Prozessstart bereits verschoben.

Am Montag gaben die Staatsanwälte beim Verlesen der Anklage Einblick in das – so wörtlich – "System Mafia & Co. KG". So seien beispielsweise Tarnfirmen gegründet worden, deren Fuhrpark mit eingebauten Drogenverstecken ausgestattet war, die aber sonst keinem legalen Geschäftszweck dienten. 649 Seiten umfasst die Anklageschrift, die Staatsanwaltschaft hatte dem Gericht 57 Umzugskartons mit Akten und mehrere Terabyte Daten vorgelegt. 40 Anwälte verteidigen die Beschuldigten. "Es handelt sich um ein sehr umfangreiches Verfahren", sagte eine Sprecherin des zuständigen Duisburger Landgerichts, das den Prozess auch aus Sicherheitsgründen in die Landeshauptstadt verlegt hatte.

Unter anderem sollen die 14 Angeklagten (31 bis 56 Jahre) von Januar 2014 bis Dezember 2018 mit rund 680 Kilogramm Kokain gehandelt haben. Dabei sollen mehr als 400 Kilogramm tatsächlich transportiert worden sein, über weitere 280 Kilo seien "konkrete Verhandlungen" geführt worden.

Das Verfahren geht auf eine großangelegte internationale Razzia zurück, die einen Schwerpunkt im Rheinland hatte. Unter dem Decknamen "Pollino" waren Ermittler Anfang Dezember 2018 in Deutschland, Italien, den Niederlanden und Belgien gegen Mitglieder der "’Ndrangheta" vorgegangen. Man habe das organisierte Verbrechen schwer getroffen, hatte der Innenminister von Nordrhein-Westfalen (NRW), Herbert Reul (CDU), damals gesagt. Von den 14 nun angeklagten Männern stellten die Ermittler auch Vermögen im Wert von mehr als fünf Millionen Euro sicher.

Die "’Ndrangheta" hat in Deutschland ein festes Standbein, wobei sie besonders in NRW aktiv ist. Clans der Organisation waren etwa für die Mafia-Morde von Duisburg verantwortlich, bei denen 2007 sechs Menschen vor einer Pizzeria erschossen wurden.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Rauschgifthandel in 16 der jetzt angeklagten Fälle durch "’Ndrangheta"-Mitglieder finanziert und organisiert wurde. Dabei sei es in Einzelfällen um Mengen von einem bis zu 220 Kilogramm gegangen. Der Ankaufspreis habe bei bis zu 36 000 Euro pro Kilo Kokain gelegen. Eingekauft wurde laut Staatsanwaltschaft in Südamerika, der Vertrieb erfolgte in Europa. Restaurants und Eiscafés sollen als logistische Stützpunkte fungiert haben, so die Anklage.

Die 14 Beschuldigten sind italienische, türkische, niederländische, marokkanische, deutsche und portugiesische Staatsangehörige, die größtenteils aus NRW kommen. Acht der Männer – darunter die mutmaßlichen Mafia-Mitglieder – sitzen in Untersuchungshaft.

In unterschiedlicher Zusammensetzung müssen sich die Angeklagten auch wegen der Bildung und Unterstützung einer kriminellen Vereinigung, Geldwäsche, Betrug, Steuerhinterziehung und Verstößen gegen das Waffengesetz verantworten. Weil die Anklage auch Steuerstraftaten enthält, ist das Verfahren an der Wirtschaftsstrafkammer anhängig. Bislang wurden für den Prozess rund 90 Verhandlungstage bis Dezember 2021 angesetzt.

Dem Journalisten und Mafia-Experten Sandro Mattioli zufolge ist der Prozess zwar ein "wichtiges Zeichen für die Strafverfolgung". Dennoch werde die Mafia in Deutschland nicht erheblich geschwächt. Zwei Mal musste der Prozess bereits unterbrochen werden, weil erst einer der Angeklagten und nun auch ein Staatsanwalt Kontakt zu einer Infizierten hatte.