Brauchtum

Ein Inzlinger fertigt seit 30 Jahren Scheiben für das Scheibenschlagen

Geraldine Friedrich

Von Geraldine Friedrich

Mo, 25. November 2019 um 13:55 Uhr

Inzlingen

Der Sonntag Sie sind 7,5 mal 7,5 Zentimeter groß und können 150 Meter überwinden. Kurt Wassmer sorgt seit 30 Jahren dafür, dass die Holzstücke an Aschermittwoch den richtigen Schliff fürs Scheibenschlagen haben.

Ohne die "Schiibe", wie sie auf Alemannisch heißen, wäre das auf die Fastnacht folgende Scheibenschlagen nicht möglich. Kurt Wasmer aus Inzlingen stellt sie seit fast 30 Jahren her. Jedes Jahr stehen er und seine Frau Ursula beim Fastnachtsfeuer in Inzlingen auf dem Buttenberg und verkaufen sie. Doch auch Veranstalter der "Fasnachtsfüür" in Brombach, Stetten, Tüllingen, Haltingen, Nordschwaben und Adelhausen decken sich mit größeren Mengen bei Wasmer ein.

Bereits mit 17 Jahren erlernte der heute 68-Jährige das Herstellen der Scheiben, und zwar von seinem Onkel. Der war Waldarbeiter in Herrenschwand und hatte im Winter, wenn es schneite, wenig Arbeit, das Geld reichte nicht. Mit den Scheiben besserte er sein bescheidenes Salär auf. Für alle, die den Brauch nicht kennen: Beim Scheibenschlagen werden nach Einbruch der Dunkelheit mit einem Holzstecken brennende Holzscheiben über eine Rampe von einer Anhöhe ins Tal geschlagen. Das sieht nicht nur toll aus, sondern soll auch den Winter vertreiben. Rein symbolisch, versteht sich. Verbreitet ist der Brauch in Baden und Schwaben, es gibt Scheibenschlagen aber auch in Südtirol, im Vorarlberg und sogar in Rumänien. Im Kloster Lorsch soll vor fast 1000 Jahren eine brennende Scheibe ein Gebäude in Brand gesetzt haben.

Die Herstellung ist Kunst

Dabei ist das Schlagen der Scheibe an sich eine Kunst, die ein gewisses Können erfordert. Dafür braucht es zu allererst eine sauber hergestellte Scheibe. So gehört bei Wasmer das "Ansenken" des Lochs bei jeder einzelnen Scheibe dazu. Durch diesen Arbeitsschritt werden Holzreste, die durch das Bohren entstanden sind, restlos beseitigt. Das ist entscheidend für das spätere Flugergebnis. Werden die Holzreste am Loch nicht entfernt, droht die Scheibe beim Abschlag am Stecken hängen zu bleiben.

10 000 Buchenscheiben hat Wasmer allein 2019 aus dicken Buchenholzbohlen aus Todtmoos im Schwarzwald gesägt und gebohrt: "Ich produziere immer so viele Scheiben, dass ich 20 000 Stück auf Lager habe." Rund sieben Arbeitsschritte sind notwendig: Vom Aussägen der Bohlen aus dem Holzstamm über das Sägen der Bretter in 13 Millimeter Stärke, das Filetieren der Bretter in Quadrate, das Sägen der Schrägen, Löcher bohren, Ansenken und der Feinschliff am Schluss.

Test im Windkanal

So ist jede einzelne Scheibe von vier Seiten pyramidenförmig angeschliffen. "Das verbessert die Flugfähigkeit", erklärt der gelernte Werkzeugmacher. Im Prinzip funktioniere eine gut geschliffene Scheibe wie die Tragfläche eines Flugzeugs, bei der die Luftströme über und unter der Scheibe fließen. Zwei Schüler des Hans-Thoma-Gymnasiums in Lörrach testeten seine Scheiben sogar schon im Phaenovum Schülerforschungszentrum im Windkanal und in einer Flamme und gewannen damit 2014 den zweiten Preis im Landeswettbewerbs "Jugend forscht". Ihre Erkenntnis: Quadratische Scheiben fliegen besser, weil sie sich nach dem Abschlag in die Horizontale legen und sich nur in der Waagrechten drehen. Runde Scheiben drehen sich dagegen senkrecht und waagrecht um sich selbst und fliegen daher nicht gut. Die Tatsache, dass die Scheiben an der Außenkante schmal sind, dient auch dazu, dass die Scheibe schnell brennt.

Fein sortiert lagern Scheiben in Holzschubladen in seiner Werkstatt in Inzlingen. Wasmer weiß genau, welche Scheiben aus dem Vorjahr stammen und welche aus diesem Jahr. "Es gibt Leute, die wollen die älteren Scheiben, weil die schneller brennen. Andere wollen die neuen, weil man die länger ins Feuer halten muss." Die Scheiben, die in Schubladen mit einem blauen Kreis liegen, sind schon flugbereit. Die Exemplare, die sich in einer mit einem weißen Kreis plus rotem Haken versehenen Schublade befinden, müssen noch geschliffen werden. Der Feinschliff am Schluss zählt zu Wasmers Winterarbeit, dann sind bis zum Schiibefeuer noch ein paar Monate Zeit. Dabei rundet Wasmer Ecken und Kanten so ab, dass sie keine Fäden ziehen können.

"Verdienen tue ich daran nix"

Rund vier Minuten Arbeitszeit rechnet er pro Scheibe, eine Scheibe kostet 22 Cent, davon bezahlt Wasmer auch Holz und seine Maschinen. 15 Stück pro Stunde mal 22 Cent ergibt einen Bruttostundensatz von 3,30 Euro. "Verdienen tue ich daran nix", bestätigt er denn auch. Er mache das, damit der Brauch des Scheibenschlagens erhalten bleibt. Leider geben immer mehr Kollegen aus Altersgründen das Produzieren der Holzscheiben auf. Wasmer befürchtet, dass damit der Brauch ausstirbt. Es gäbe natürlich Leute, die bereit wären, diese weiter zu produzieren, doch die wollten dann halt Geld verdienen. Wasmer: "Wenn eine Scheibe dann 40 oder 50 Cent kostet, kaufen sie die Leute nicht mehr."
Kontakt: Kurt Wasmer, Telefon 07621/10981