Interview

Rainer Trüby spricht über Veränderungen im Freiburger Nachtleben

Valentin Heneka

Von Valentin Heneka

Do, 17. Oktober 2019 um 17:11 Uhr

Nachtleben (fudder)

Am Freitag steigt eine Spezialausgabe von Root Down – nach mehreren Monaten Pause. Im Interview spricht DJ und Veranstalter Rainer Trüby über Veränderungen im Freiburger Nachtleben, aktuelle Projekte und vermeintliche Gigs im Kreißsaal.

Rainer, von allen Freiburger DJs kommst Du mitunter am meisten in der Welt umher. Wo war Dein schönster Gig in diesem Jahr?

Rainer Trüby: Es gab mehrere. Einer war an einem Mittwochabend im Frühsommer in Bordeaux, auf einem Food-Market. Es gab Bio-Essen und Bio-Wein und Menschen von ganz Jung bis ganz Alt haben zusammen getanzt. Gilles Petersons Worldwide Festival im südfranzösischen Sète war auch super, ich habe nach den brasilianischen Legenden Airto Moreira und Flora Purim aufgelegt. Sie kennenzulernen und nach ihren Konzerten einen Bogen von Bossa Nova zu House zu schlagen und damit zum sehr geschätzten DJ Koze überzuleiten, war ein absolutes Highlight. Vorher war ich sogar ein bisschen nervös.

Ein weiteres Highlight war die Soulgliding-Party in London. Wir sind fünf Stunden lang die Themse rauf und runter geschippert und haben viele schöne Eindrücke von der Stadt aus der Boot-Perspektive bekommen. Die Musik dazu war natürlich auch super.
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Was ist Soulgliding?

Soulgliding ist einerseits ein Way of Life. Andererseits geht es um mellow Tunes zwischen Soul, Funk, Jazz, Latin und Singer/Songwriter. Da ist vor allem die Zeit von der Mitte der 60er-Jahre bis Mitte der 80er interessant, aber natürlich gibt es auch moderne Musik, die etwas retro klingt und genauso "gleitet".

Primär geht es um nicht zu schnelle, nicht zu nervöse Musik, die der Seele einen entspannten Touch vermittelt. Ich habe den Begriff erfunden und geprägt, aber niemand hat ihn besser beschriebenen als mein alter Freund Patrick Forge in den Liner Notes zur Soulgliding-Compilation.

Die Compilation erscheint im Februar auf dem britischen Label BBE. Wie bist du bei der Song-Auswahl vorgegangen?

Ich hatte eine Wunschliste von etwa 120 Stücken. Vieles davon konnten wir nicht verwenden, weil die Rechte bei Major-Labels liegen und diese nicht mit BBE zusammenarbeiten wollten. Aber am Ende hat meine Bekannte Julia, eine der besten Lizensiererinnen der Welt, 13 schöne Tracks zusammen bekommen. Darunter auch einige von kleinen Independent-Labels, die bisher noch nie auf einer Compilation waren. Auf Badisch: Man nimmt, was man kriegt.



Was reizt dich an entspannter, langsam dahingleitender Musik?

Sie bringt mich in einen schönen Abend-Groove: Kochen, ein Fläschle Wein aufmachen, genießen. Wenn ich dazu Musik mit mehr als 110 BPM höre, bringt mich das aus der Balance. Ich hole mir vier, fünf Platten aus dem Keller und höre sie durch, während ich Gemüse schnipsel. Dabei entdecke ich viele Stücke. Zu anderen Zeiten mag ich natürlich auch schnellere Musik – alles zu seiner Zeit.

Vor 25 Jahren ist die erste Ausgabe deiner gefeierten Compilation-Reihe "Glücklich" auf Compost erschienen...

Oh, das war schon 94? Ich arbeite derzeit tatsächlich auch an einer neuen Ausgabe von "Glücklich". Aber zunächst will ich erst einmal abwarten, wie sich Soulgliding entwickelt.

Fast genauso lang, seit 1996, prägst Du das Nachtleben in Freiburg…

Das Nachtleben hier war einmal wirklich super. Vor allem zwischen Ende der 90er- und Ende der Nullerjahre gab es immer ein Angebot, egal ob für Jazz oder Techno. Wir hatten Gäste wie einen Solomun bei Root Down, noch bevor er einem größeren Publikum bekannt wurde.

Damals war es egal, ob ein Club in der Innenstadt lag oder weiter außerhalb. Bei Root Down war in der Regel um elf Uhr Einlassstopp, die Schlange reichte bis hinunter an den Parkplatz. In den letzten drei bis vier Jahren wurde, auch aufgrund zahlreicher Clubschließungen, alles schwieriger. Aber da sage ich ja nichts Neues…

Seit den 90er-Jahren hat sich nicht nur die Freiburger Szene verändert. Gibt es etwas, dass Du vermisst?

Ich vermisse diese Unvoreingenommenheit von früher: Die Leute sind wegen der Party auf eine Party gegangen und haben sie live erlebt. Heute spüren viele den Drang, der Welt durch Fotos mitzuteilen, wie geil sie es gerade haben. Ich will Handys und soziale Medien nicht verdammen und auch nicht damit anfangen, bei Root Down Kameras ab zu kleben, wie etwa im Berghain.

Ich spiele das Social-Media-Game ja in gewisser Weise auch mit. Aber ich beschäftige kein Team damit, mich in immer denselben Posen einzufangen. Diese Fotos und Videos langweilen mich. Sie sehen alle gleich aus, es erinnert mich an Volksmusik.



Wie beschreibst Du jungen Menschen, die neu in die Stadt kommen, worum es bei Root Down was geht?

Root Down ist ein Blick in Vergangenheit und Zukunft zugleich. Wir verschließen uns nicht vor aktueller Musik wie Broken Beat, Deep House, gutem Techno oder Minimal. Aber wir vereinen diese Genres mit ihren musikalischen Wurzeln in Soul, Funk und Jazz. Ältere freuen sich, Klassiker wiederzuhören, während das jüngere Publikum diese Musik womöglich gerade erst entdeckt.

Um kommerziellen Erfolg ging es bei Root Down noch nie. Eher darum, aus guten Tunes wirklich große Tunes zu machen – auf diesem Gebiet haben wir glaube ich auch schon einiges bewirkt über die Jahre.
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In den letzten Jahren fand Root Down immer seltener statt. Woran liegt das?

Trotz anspruchsvollem Bookings – vielleicht auch zu anspruchsvollen Bookings – haben in den letzten Jahren immer weniger Menschen zu uns gefunden. Unseren klassischen Root-Down-Termin, jeweils am letzten Samstag eines Monats im Waldsee, zu bekommen wurde immer schwieriger. Aus Perspektive des Waldsees kann ich es auch verstehen: Es ist eben auch für Hochzeiten eine wunderbare Location, die sich finanziell eher rentieren. Trotzdem sind wir nach wie vor gerne im Waldsee.

Am 30. November erwarten wir Pablo Valentino, Mitstreiter von Danilo Plessow alias Motor City Drum Ensemble oder MCDE, da freuen wir uns arg drauf. Aber zunächst sind wir im Jazzhaus: Am Freitag kommt Dom Servini – ein Wahnsinnstyp.



Dom Servini ist auch ein Soulglider?

Genau. Er ist in London aufgewachsen und betreibt das Label Wah Wah 45 Records, das seit 20 Jahren wirklich gute Musik veröffentlicht. Für mich gehört es mit zu den spielbarsten Labels überhaupt. Außerdem betreut er das Southern Soul Festival in Montenegro.

Als DJ hat er sich dem Freestyle verschrieben: Seine Musikauswahl ist breit gefächert, aber gleichzeitig ist er sehr geschmackssicher unterwegs. Damit passt er wunderbar zum Konzept von Root Down. Er ist einer der wenigen DJs neben Gilles Peterson, die während der Party auch mal zum Mikro greifen dürfen, um eine Ansage zu machen.

Wird Root Down öfter im Jazzhaus stattfinden?

Möglich – ich bin ein Büronachbar des Jazzhaus und sehe die Verantwortlichen täglich. Zum Jazzhaus habe ich auch noch eine gute Anekdote: Vor der Geburt unseres Sohnes vor 17 Jahren habe ich mir viele Wochenenden freigehalten. Er kam zwei Wochen später auf die Welt, als vorhergesagt - an einem Abend, an dem ich im Jazzhaus auflegen sollte. An der Kasse stand ein Schild: "Rainer Trüby ist im Kreißsaal". Alle haben gefragt, wo der Kreißsaal ist – sie dachten, es wäre ein neuer Club.
  • Wann: Freitag, 18. Oktober 2019, 23 Uhr