Welttag der Reanimation in Neustadt

Rasch und gezielt handeln kann ein Leben retten

Thomas Biniossek

Von Thomas Biniossek

Do, 17. Oktober 2019 um 16:12 Uhr

Titisee-Neustadt

Am "Welttag der Reanimation" haben Ärzte und Pfleger der Helios-Klinik gezeigt, wie man sich in einem medizinischen Notfall verhalten sollte – denn Hilfe zu leisten, ist auch rechtlich gesehen Pflicht.

Eine Frau schreit um Hilfe, fassungslos, ratlos. Ihr Mann ist eben zusammengebrochen, liegt leblos auf der Erde. Zwei Männer eilen hinzu, rütteln an dem Verletzten, stellen fest, dass er nicht mehr atmet. Einer beginnt mit der Herzdruckmassage, der andere setzt den Notruf 112 ab. Ein Defibrillator wird gebracht und ein Schock abgegeben, die Herzmassage wird weitergeführt. Wenig später sind die Rettungssanitäter zur Stelle, der Notarzt kommt und leitet die professionellen Hilfsaktionen ein: Zufuhr von Sauerstoff, Herzdruckmassage, medikamentöse Behandlung.

"Hilfe leisten ist Pflicht, sittlich und rechtlich." Oberarzt Dr. Andreas Soerjanta
Das Herzkammerflimmern des Verunfallten ist gestoppt, er ist bei Bewusstsein und wird in die Klinik verbracht.

Dieses Szenario spielte sich am "Welttag der Reanimation" im Foyer der Neustädter Helios-Klinik ab, verfolgt von einem Dutzend Zuschauer. "Ganz rasche und zielgerichtete Hilfe ist bei Menschen, die in eine solche Situation kommen, von ganz großer, lebensrettender Bedeutung", sagte Oberarzt Dr. Andreas Soerjanta. Zusammen mit seinem Kollegen Dr. Andreas Schweizer, ebenfalls Oberarzt und Notarzt an der Helios-Klinik, sowie zahlreichen Pflegekräften, zeigte er den Interessierten, wie lebenserhaltende Reanimationsmaßnahmen durch Laien vorgenommen werden können. "Hilfe leisten ist Pflicht, sittlich und rechtlich."



"Ruhe bewahren", "Auf Eigenschutz achten", "Unfallstelle absichern", falls es sich um einen Verkehrsunfall handelt, "Notruf absetzen" sind die ersten Regeln, die in einem Notfall zu beachten sind, machte Andreas Schweizer in einem anschließenden Vortrag deutlich. Dann folge die Wiederbelebung des Bewusstlosen durch eine Herzdruckmassage, wenn möglich mit 100 bis 120 rhythmischen Stößen pro Minute auf der linken Brustseite.

Nach allen 30 Massagen sollte zwei Mal eine Mund-zu-Mund- oder Mund-zur-Nase-Beatmung angewendet werden. "Die Beatmung ist allerdings den Ersthelfern überlassen und nicht von so großer Bedeutung wie die Herzdruckmassage, um das Gehirn mit Blut und damit Sauerstoff zu versorgen", sagte der Notarzt. Entscheidend sei die schnelle Hilfe in den ersten fünf bis zehn Minuten nach dem Herzkammerflimmern oder dem Herzstillstand, um das Überleben zu retten. "Jede Minute danach sinkt die Überlebenschance um zehn Prozent", weiß der Fachmann.

Die Rettungsquote bei Notfällen ist in Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland deutlich höher als in Deutschland

Anderes als das, was man im Sanitätskurs beim Rotem Kreuz, den Maltesern oder anderen Organisationen lernt, zeigen die Mitarbeiter der Helios-Klinik nicht. Aber die Ärzte betonen, dass Menschen, die in solche Notfallsituationen als Ersthelfer kommen, oft nicht wissen, was zu tun ist. "In den skandinavischen Ländern ist die Ersthelferausbildung vom Kindergarten bis ins hohe Alter immer wieder Thema, hier in Deutschland hingegen nach der Pflichtveranstaltung beispielsweise für Führerscheinbewerber oder Notfallhelfer in Betrieben nicht", sagte Andreas Soerjanta. Deshalb sei die Quote der Rettung bei Notfällen in Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland deutlich höher als in Deutschland. "Jeder sollte daher immer wieder sein Wissen um die Erste Hilfe auffrischen", lautet sein Appell.

"Ich hatte schon lange vor, an einem solchen Ersthelfer-Auffrischungskurs teilzunehmen", sagt Mechthild Sommer. Nachdenklich gemacht hatte sie es, dass unlängst ein Bekannter einen Herzstillstand hatte und nur aufgrund des schnellen Eingreifens von Ersthelfern gerettet wurde. "Ich weiß nicht, ob ich in dieser Situation gewusst hätte, wie ich reagieren sollte", sagt sie. Weil sie erst vor 14 Tagen selbst betroffen war, besuchte Margarethe Schlegel zusammen mit ihrem Mann Ernst die Demonstration, den Vortrag und den anschließenden Praxisteil in der Helios-Klinik. "Es ist schon ganz wichtig, zu wissen, was man in solchen Notfällen von Herzstillstand machen muss."

Rund 700 000 Menschen werden weltweit am Welttag der Reanimation von New York über London bis Sydney und Tokio erreicht, "und eben auch in Titisee-Neustadt", sagte Andreas Soerjanta. "Jeder kann helfen, wenn er weiß, wie er in solchen Stresssituationen handeln sollte." Wie man die Herzdruckmassage richtig vornimmt, konnten die Teilnehmer nach Anleitung von Krankenpfleger Sven Anger praktisch üben.