Die Macht der Crashtester

Hanne Schweitzer/SP-X

Von Hanne Schweitzer & SP-X

Sa, 12. September 2020

Auto & Mobilität

Euro NCAP sorgt für sicherere Autos / Neue Kriterien.

Ein neues Automodell mit einer schlechten Crashtest-Bewertung? Dürfte quasi unverkäuflich sein. Weil die Regeln bei Euro NCAP ständig verschärft werden, erzwingt die Organisation gewissermaßen, was Autofahrer künftig schützt.

Seit 23 Jahren fährt die Crashtest-Organisation Euro NCAP (für: European New Car Assessment Programme) Autos gegen die Wand, um deren Sicherheit zu testen. Bei den ersten Veröffentlichungen der Crashtest-Ergebnisse wurde der Verbund, zu dessen Mitgliedern unter anderem europäische Verkehrsministerien gehören, von den Autoherstellern noch scharf kritisiert. Heute, so sagt es auch die Organisation selbst, unterstütze die Industrie aktiv die Entwicklung neuer Sicherheitskriterien. Eine gesetzliche Verbindlichkeit haben die Test nicht, allerdings üben sie einen wirksamen informellen Druck auf die Hersteller aus.

Bewertet werden die Fahrzeuge mit Sternen, was die rasche Einschätzung des Sicherheitsniveaus eines Modells ermöglicht. Ausschlaggebend ist neben einem guten Resultat im Crashtest zudem die generelle Sicherheitsausstattung des Probanden. Rund 30 Autos crasht die Organisation pro Jahr; 9 von 10 auf dem europäischen Markt verkaufte Fahrzeuge weisen eine Sternebewertung auf.

Etwa alle zwei Jahre werden die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Abschneiden verschärft. Wollen Hersteller vermeiden, dass ihre neuen Modelle öffentlichkeitswirksam eine schlechte oder auch nur durchschnittliche Beurteilung bekommen, müssen sie die Sicherheitsanforderungen erfüllen – und dies serienmäßig. Erst seit Kurzem bewerten die Tester auch optionale Ausstattung.

Im Verlauf der Zeit wurden die Regeln ständig angepasst und verschärft. Die Änderungen 2020 wirken sich vor allem auf größere SUVs aus. Wer künftig volle fünf Sterne will, muss sich die Aufprallenergie mit seinem Kollisionspartner gerechter teilen.

Denn statt wie seit 1997 üblich das Fahrzeug gegen ein feststehendes Element fahren zu lassen, bewegen sich Auto und Barriere künftig frontal aufeinander zu, jeweils mit 50 km/h. Beim Unfall überlappen sie sich zu 50 Prozent. Der neue Crashtest evaluiert dabei nicht nur den Insassenschutz, sondern bewertet auch, wie die vordere Struktur des Autos zu eventuellen Verletzungen der Insassen beim Kollisionsgegner beiträgt. Ist ein großer SUV beim Aufprall zu steif und absorbiert zu wenig Aufprallenergie, kann dies zur Abwertung führen. Beim Seitenaufpralltest berücksichtigt Euro NCAP zudem nun auch potenzielle Berührungen zwischen Fahrer und Beifahrer. Ein neuer Airbag kann die Gefahr schwerer Verletzungen durch einen Zusammenprall abmildern. Im Vorgriff auf die neuen Bewertungsmaßstäbe führten ihn schon einige Anbieter ein.

Blickt man auf die Verschärfungen der Testkriterien in den vergangenen Jahren, findet man dementsprechend Sicherheitsausstattungen, mit denen moderne Neuwagen heute selbstverständlich ausgestattet sind: Der Schleuderschutz ESP beispielsweise seit 2007, automatische Notbremssysteme seit 2014. Oft greifen die Tester den gesetzlichen Regelungen vor. ESP etwa ist erst seit 2014 vorgeschrieben, Notbremssysteme sind europaweit erst ab 2022 verpflichtend.