Grüne Multiservicewelten

Mario Hommen (SP-X)

Von Mario Hommen (SP-X)

Sa, 15. Juni 2019

Auto & Mobilität

Ändert sich die Mobilität, ändert sich auch deren Infrastruktur: Was wird dann aus den Tankstellen?.

Zunehmend mehr Autos werden Strom statt Benzin tanken. Hat damit die Tankstelle ausgedient? Wohl kaum, doch ihr Geschäftsmodell dürfte sich tiefgreifend ändern.

Auch wenn zuverlässige Prognosen über die Entwicklung der Mobilität und des Verkehrs von vielen Parametern abhängig und Prognosen daher ungewiss sind, werden in Zukunft mehr Elektrofahrzeuge und weniger Verbrenner unterwegs sein. Damit wird auch das klassische Geschäft der Tankstellen einem Wandel unterworfen sein. Mineralölkonzerne wie Shell oder Aral reagieren bereits auf diesen sich abzeichnenden Mobilitätswandel. Doch es wird nicht beim Aufstellen von Ladesäulen bleiben, Zukunftsentwürfe sehen Tankstellen zunehmend in der Rolle als grüne Multiservicewelten und Mobilitätshubs, die für viele Bereiche neuer Mobilität Angebote bereitstellen.

Die klassischen Treibstoffarten Benzin, Diesel und Erdgas werden noch für Jahrzehnte eine zentrale Rolle als Energieträger für unsere Mobilität spielen. Doch die Bedeutung anderer Energieformen wird wachsen. Entsprechend werden Tankstellen ihr Angebot stärker auf die Versorgung batterieelektrischer und wasserstoffgetriebener Fahrzeuge umstellen.

Ladestrom wird künftig allerdings vor allem abseits der Tankstellen beziehbar sein, doch Autohöfe eigen sich für die Bereitstellung ultraschneller Ladesäulen, insbesondere entlang der Fernreiserouten, die ein "Betanken" von E-Fahrzeugen in vergleichsweise kurzer Zeit erlauben. Und das nimmt bereits jetzt Formen an.

So hat etwa Shell angekündigt, zusammen mit dem Stromanbieter EnBW in Deutschland noch dieses Jahr 50 Schnellladesäulen für alle Steckerstandards zu installieren, dem weitere folgen sollen. Mit 150 Kilowatt Leistung sollen sie Ökostrom für 100 Kilometer in sechs bis acht Minuten laden.

Darüber hinaus ist Shell derzeit dabei, parallel auch das extrem dünne Netz an Wasserstofftankstellen enger zu stricken. Ende 2018 waren es derer noch 20, Ende 2019 sollen es 100 sein. Dabei handelt es sich um eine Investition und Wette auf eine ungewisse Zukunft. Noch ist ein Durchbruch der H2-Mobilität nicht erkennbar, obwohl diese schon seit Jahrzehnten als zukunftsweisend gehandelt wird. Doch braucht es hierfür entsprechende Autos und gewaltige Investitionen in die Infrastruktur. Ob und wann jedoch Brennstoffzellenfahrzeuge in großer Zahl in Deutschland unterwegs sein werden, ist schwer einzuschätzen.

Für die Energiewende sind noch große Investitionen und viel Engagement nötig. Das betrifft auch den Betrieb von Fahrzeugen. Eine Studie der schweizerischen Empa (Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt) sieht dabei die Chance, dass Tankstellen künftig mit überschüssiger Energie autark die Treibstoffarten selbst produzieren. Neben Strom für E-Autos per Photovoltaik könnten diese auch Wasserstoff per Elektrolyse oder synthetische Diesel- und Benzinkraftstoffe generieren. Laut dieser Studie könnte dies um 2035 soweit sein.

In einer Ende 2018 gemeinsam von Aral und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) erstmals vorgestellten Studie kommt Tankstellen eine weitreichendere Rolle als nur die des Energiemaklers zu. Demnach könnten sich diese zudem zu Knoten- und Anlaufpunkten für diverse Mobilitätsformen wandeln. Zwar rechnet man damit, dass es 2040 weiterhin klassische Zapfsäulen geben wird, allerdings werde sich ihre Zahl zugunsten von Ladesäulen verringern. Laut Aral könnten diese mit einer Leistung von 350 Kilowatt den Ladevorgang für hunderte Kilometer auf wenige Minuten verkürzen. Zusätzlich könnten Tankstellen künftig als Akkuwechselstationen fungieren.

Knotenpunkt vieler Mobilitätsformen

Ein weiterer Baustein der von Aral vorgestellten Zukunftsstrategie ist die Funktion der Tankstelle als Servicestation für autonome Fahrzeugflotten. Neben der Versorgung mit Energie wären auch Pflegemaßnahmen wie die Fahrzeugreinigung denkbar. Außerdem soll die Tankstelle eine Art Knotenpunkt werden, an dem viele unterschiedliche Mobilitätsformen aufeinandertreffen. So sieht die Aral-Vision Landeplätze für elektrische Mikroflieger wie etwa Personendrohen oder e-Vtols vor. Von Lufttaxis können Personen auf dem Gelände der Tankstelle direkt auf autonome Autotaxis oder elektrische Mietroller umsteigen.

Auch als Logistikcenter könnten Tankstellen in Zukunft eine größere Rolle beikommen. Bereits heute finden sich in Deutschland auf etlichen Aral-Tankstellen Paketstationen. Der E-Commerce wird in den nächsten Jahren weiter wachsen. Darüber hinaus erscheinen Postdienstleistungen oder Bankgeschäfte interessante Geschäftsfelder, vor allem angesichts der attraktiven Öffnungszeiten.

Selbstverständlich werden Tankstellen auch in einigen ihrer klassischen Geschäftsfelder weiter aktiv bleiben. Die Rolle als 24-Stunden-Supermarkt wird vermutlich eine tragende Umsatzsäule bleiben. Auch mit dem Ausbau von Gastronomiewelten ließe sich die Attraktivität steigern.

Tankstellenbetreiber dürften zudem Möglichkeiten der zunehmenden Digitalisierung und Konnektivität stärker nutzen. In China gibt es bereits Servicestationen, deren Warenangebot dem Besucher auf dem Infotainmentdisplay angezeigt wird. Der Kunde kauft per Bildschirmberührung und bekommt die Ware prompt ans Fahrzeug geliefert. Für solche Services würden dann auch neue digitale Bezahlformen wie das In-car-payment interessant werden.