Raus aus der Perfektionismusfalle

Sa, 06. Juli 2019

Beruf & Karriere

BZ-GASTBEITRAG VON KIRSTEN SUSANNE ANDRÄ (FREIBURG):Qualitätsbewusstsein unterscheidet zwischen wichtigen und unwichtigen Aufgaben.

Carola Maiwald* ist hoch konzentriert, ihre Augen und ihre ganze Aufmerksamkeit sind fokussiert auf ihre Aufgabe. Sie schneidet akribisch und auf den Millimeter genau. Es geht um sehr viel für den Patienten mit dem Herzfehler vor ihr auf dem Operationstisch, genau genommen um alles. Ist Carola Maiwald also eine Perfektionis
tin? Die Chirurgin lacht hell auf und wird sofort wieder ernst: "Wenn es perfektionistisch ist, meinen Beruf absolut gewissenhaft auszuüben, dann vielleicht. Aber ich sehe mich nicht so: Wo es nicht so sehr darauf ankommt, zum Beispiel in unserem Garten oder im Haushalt, kann ich durchaus mal fünf gerade sein lassen."

Aus Expertensicht ist genau dies der entscheidende Unterschied zwischen gesundem Qualitätsbewusstsein und ungesundem Perfektionismus, also der übersteigerten, aus dem Ruder gelaufenen Variante. Qualitätsbewusstsein differenziert zwischen wichtigen und unwichtigen Aufgaben. Je nach Priorität erledigt man sie mit 100, 80 oder auch mal nur 50 Prozent des möglichen Aufwands. Im OP oder im Cockpit sind immer 100 Prozent angestrebt. Bei einer Präsentation mögen, je nach Anlass, 80 Prozent reichen. Und jeder kennt Aufgaben, die mit viel weniger Aufwand immer noch akzeptabel abgearbeitet sind.

Natürlich hängen die Maßstäbe auch davon ab, wie eng die Aufgabe an den jeweiligen Beruf geknüpft ist: Der Gärtner hat weit höhere Ansprüche an einen von ihm gestalteten Garten als die Chirurgin an ihren Hobbygarten, die Hauswirtschafterin gewichtet den von ihr geleiteten Haushalt völlig anders als die junge Mutter mit Baby und Kleinkind, die nebenbei kocht, wäscht und putzt. Es geht außerdem nicht darum, mal mehr, mal weniger konzentriert bei der Sache zu sein, sondern vielmehr darum, den Aufwand an Zeit und Energie sinnvoll einzuteilen.

Alexandra Kubik* nennt sich eine Getriebene. Die Leiterin eines Seminarhauses arbeitet nicht selten 16 Stunden am Tag. Angefangen hatte sie voller Idealismus. Sie wollte eine Oase erschaffen, in der Menschen Kraft schöpfen können. Darin erschöpfte sie ihre eigene Kraft. Neben ihren Kernaufgaben, das Gesamtkonzept weiter zu entwickeln, passende Dozenten zu gewinnen, Seminare zu leiten und ihr Team zu führen, war sie Mädchen für alles. Sie konnte die Gestaltung der Homepage und des Gartens, Kundenakquise, Buchführung und Hauswirtschaft nicht an ihre Beschäftigten delegieren: Die Fenster waren ihr nicht sauber genug, also griff sie selbst zum Putzzeug. Und ob die Zahlen stimmten, wollte sie lieber selbst bis ins Detail prüfen, als sich auf andere zu verlassen.

Schritt für Schritt schnappte die Perfektionismusfalle zu: Sie machte immer weniger Pausen, konnte sich über Erfolge kaum noch freuen und wurde immer empfindlicher gegenüber Kritik. Sie bemerkte, wie ehrliches Feedback, sobald es einen Funken Kritik enthielt, ihr Selbstbewusstsein untergrub. Fehler konnte sie, aus Angst vor Gesichtsverlust, nicht zugeben und bemerkte, wie sie sich zunehmend in ihren Projekten verzettelte. Für Sport und soziale Kontakte fand sie irgendwann weder Zeit noch Kraft. Ausgleich zur Arbeit? Fehlanzeige!

Nach einem Burnout kam sie ins Coaching, damit sich diese Spirale nicht wiederholt. Sie lernt nun, ihre Messlatte bewusst und flexibler zu setzen, sich nicht nur über den Beruf zu definieren und ein ausgeglicheneres Leben zu führen. Pausen finden wieder ihren Platz darin, ebenso wie Wandern und Gespräche über Themen, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Alexandras Zwischenbilanz: "Es ist schon eine große Befreiung, zwischendurch mal abschalten und einen Erfolg feiern zu können. Ich lerne meine Stärken besser kennen und meine Schwächen zu akzeptieren. Immer noch erwarte ich sehr viel von mir, manchmal zu viel. Der Weg von der Perfektionistin zur entspannten Geschäftsführerin ist steinig, aber möglich – und er lohnt sich!"
*Namen und Details geändert