Sportmediziner im Interview

Warum sind Rückenschmerzen eine Volkskrankheit?

Moritz Lehmann

Von Moritz Lehmann

So, 09. Februar 2020 um 09:09 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Der Mediziner Stefan Preis referiert am Montag in Kandern über Rückenschmerzen. Er behandelt mittlerweile auch viele Kinder. Wir haben ihn gefragt, was gegen die Schmerzen hilft.

Was tun gegen Rückenschmerzen? Darüber referiert der Sport- und Allgemeinmediziner Stefan Preis am Montagabend in seinem Vortrag in Kandern. Moritz Lehmann hat vorab mit ihm darüber gesprochen, warum Rückenschmerzen heute so viele Menschen plagen und was man dagegen tun kann.

BZ: Rückenschmerzen gelten als Volkskrankheit. Woran liegt das?

Stefan Preis: Sie liegen bei den Ursachen für Krankmeldungen an dritter Stelle, das liegt vor allem am Bewegungsmangel. Der Mensch ist für Bewegung konzipiert. In Hinsicht auf unseren Körper sind wir Steinzeitmenschen.
Zur Person

Stefan Preis (65) ) ist Arzt für Allgemeinmedizin, Homöopathie und Sportmedizin. 1991 hat er sich in Lörrach niedergelassen und war bis vor eineinhalb Jahren noch Kassenarzt. Die Zulassung hat er abgegeben und praktiziert heute in privater Form. Eigene Erfahrungen mit Rückenschmerzen hat Preis früh gemacht, weil er Typ1- Diabetiker ist und daher sensibel auf Belastungen reagiert. Bewegungsübungen haben ihm geholfen, die Schmerzen loszuwerden.

BZ: Und heute sitzen wir den ganzen Tag vor dem Computer oder dem Handy.

Preis: Genau. Wir bewegen uns einseitig und wiederholen bevorzugt die immer gleiche Bewegung. Es geht nicht nur um die Menge, sondern auch um Umfang und Art der Bewegung. Bei Menschen, die viel sitzen, ist etwa der große Hüftbeuger oft verkürzt. Sie können die Hüfte nicht mehr richtig strecken. Darüber hinaus ist das Körpergefühl insgesamt bei vielen Menschen heute schlechter als früher.

BZ: Hat sich die Zahl der Rückenleiden in den letzten Jahren statistisch erhöht?

Preis: Die genauen Zahlen habe ich nicht im Kopf. Aber ich weiß, dass die Rückenleiden stetig zugenommen haben. Vor 100 Jahren legten die Menschen täglich eine durchschnittliche Gehstrecke von 15 bis 20 Kilometern zurück, heute sind es 700 bis 1000 Meter. Eines der wesentlichen Grundgesetze der Gesundheit lautet, dass der Körper sich an alles anpasst, was man tut. In diesem Sinne trainiert man immer. Und heutzutage trainieren wir eben sehr einseitig Bewegungen und vor allem das Sitzen.

"Kinderärzte schlagen Alarm, weil die Kinder koordinativ motorisch immer weniger können.
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BZ: Betrifft das vor allem Ältere oder auch jüngere Menschen?

Preis: Ich habe in meiner Praxis auch häufig Schüler, die über Rückenschmerzen klagen. Kinderärzte schlagen Alarm, weil die Kinder koordinativ motorisch immer weniger können, also etwa auf einem Bein stehen oder balancieren. Aber je älter man wird, desto geringer ist das Kompensationsvermögen. Das erhöht die Anfälligkeit für Rückenschmerzen.
BZ: Was kann man dagegen tun?

Preis: Sich viel und vielfältig bewegen. Wenn sie auf der Straße zum Einkaufen gehen und die gleiche Strecke im Wald zurücklegen, sind sie nach dem Waldspaziergang deutlich ausgeruhter. Das hängt auch damit zusammen, dass der Körper im Wald vielfältiger belastet wird, weil es dort unwegsamer ist. Grundsätzlich ist jede Bewegung besser als keine Bewegung.

"Eine Operation ist nicht immer sinnvoll."

BZ: Was erwartet die Zuhörer ihres Vortrags am Montag?

Preis: Ich werde auf die verschiedenen Aspekte der Bewegung eingehen und über auch über die operative Therapie sprechen. Studien zeigen, dass man sich nicht allein auf die Röntgenbilder verlassen kann. Der Tastsinn darf beim Untersuchen nicht vernachlässigt werden. Eine Operation ist nicht immer sinnvoll, häufig kommt man mit anderen Methoden weiter. Ich werde auch auf neue Erkenntnisse über die Entstehung von Schmerz eingehen. Und zwischendurch machen wir immer wieder ein paar Übungen. Das ist wie beim Kochen: Wenn man nur die Kochsendung schaut, wird man auch nicht satt.
Der Vortrag: "Von schießfreudigen Hexen und anderen Leiden", Montag, 10. Februar, 19.30 Uhr in VHS-Geschäftsstelle in Kandern (Hauptstraße 18). Kosten: Acht Euro. Anmeldung erforderlich, per E-Mail an vhs@kandern.de oder Tel. (07626) 973228.