Kennenlernen auf Abstand

In der Corona-Pandemie erlebt das Onlinedating einen Boom

Bernhard Amelung

Von Bernhard Amelung

Do, 18. Juni 2020 um 07:43 Uhr

Liebe & Familie

Eine Kölner Professorin forscht über Onlinedating in Corona-Zeiten. Wir haben sie gefragt: Wie kann man sich auf digitale Dates vorbereiten? Was kann man tun, um im Internet die große Liebe zu finden?

BZ: Frau Aretz, Dating-Plattformen wie Tinder und Bumble melden Rekordzugriffe. Wird die Pandemie unser Liebesleben verändern?
Aretz: Die Kontaktbeschränkungen haben uns auch beim Dating auf Abstand gehalten. Viele Orte wie Clubs und Diskotheken, an denen wir schnell und unkompliziert jemanden kennenlernen können, haben immer noch geschlossen. Onlinedating-Angebote bieten dazu sehr gute Alternativen. Dass solche Plattformen zur Zeit intensiver genutzt werden, liegt aber sicher auch am Frühling.

BZ: Tinder gibt es seit 2012, andere Partnerbörsen im Netz noch viel länger. Warum gilt Onlinedating immer noch als oberflächlich?
Aretz: Dating-Plattformen liefern ein kanalreduziertes Angebot, wie man in der Psychologie sagt. Die Nutzer sehen ein Bild, lesen einen Satz ihres Gegenübers, das war’s. Andere Attraktivitätswerte wie Mimik, Gestik, Stimme oder Ausstrahlung eines Menschen lernen sie erst in einem zweiten Schritt kennen, wenn sie sich tatsächlich sehen. Das macht das Angebot zunächst oberflächlicher als ein Kennenlernen im sogenannten Reallife. Man muss die Onlinedating-Angebote allerdings differenzierter betrachten.

BZ: Inwiefern?
Aretz: Es gibt die klassische Partnervermittlung, zum Beispiel bei Parship oder Elitepartner. Das sind Bezahlportale. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass dort jemand lediglich ein amouröses Abenteuer sucht. Bei Tinder, Lovoo oder Bumble ist die Hürde dazu viel niedriger. Man hat sich schnell angemeldet und ein Profil erstellt. Außerdem bieten Onlineplattformen Schutzräume für Menschen mit Nicht-Mainstream-Sexualität. Durch das Internet haben sie eine sanfte Möglichkeit, sich zu exponieren und auszuleben.

BZ: Wie verändert die Corona-Pandemie die Nutzung von Datingportalen?
Aretz: Das ist Gegenstand einer aktuellen Studie, die ich leite. Wir untersuchen darin den Onlinedating-Prozess von der Anmeldung auf einem Portal bis zu einem Treffen im realen Leben. Wir befassen uns mit der Kommunikation, über welche Themen die Nutzer schreiben, ob die Gespräche tiefsinniger geworden sind und ob sich die Zahl der Kontakte erhöht hat.

BZ: Was haben Sie bisher festgestellt?
Aretz: Noch liegt das Ergebnis nicht vor. Ich gehe aber davon aus, dass die Gespräche länger und möglicherweise tiefsinniger geworden sind. Die Nutzer haben mehr Zeit, und die Örtlichkeiten haben sich verändert.

BZ: Tinder führt noch in diesem Quartal einen Video-Chat ein, Bumble hat dieses Feature bereits. Wie bereite ich mich auf ein digitales Date vor?
Aretz: Auch das behandeln wir in der Studie. Wenn ich jemanden virtuell zum ersten Mal treffe, ist es klar, dass man sich nicht ungeschminkt oder in Jogginghose vor die Kamera setzt. Vielleicht richtet man auch das Zimmer ein wenig her, von dem aus man das Videogespräch führt. So kann man mehr über sich preisgeben, in dem man zum Beispiel einzelne Einrichtungsgegenstände platziert. Das ist ein nonverbales Kommunikationselement, aus dem sich vielleicht ein spannendes Gespräch entwickeln kann. In einer Bar oder einem Café gibt es sowas nicht.

BZ: Ist ein Treffen, das nur digital stattfindet, nicht unverbindlicher?
Aretz: Die Investition, die man tätigt, ist tatsächlich geringer. Anders als in einem Café ist man nicht gezwungen, das Getränk zu Ende zu trinken, wenn das Date unangenehm ist. Man kann es schnell mit einem Mausklick beenden. Trotzdem sollte man dabei nicht vergessen, dass es auch im digitalen Raum Anstandsregeln gibt und dass man es mit Menschen und ihren Empfindungen zu tun hat.

BZ: Im April hat Tinder seinen Nutzern die Passport-Funktion kostenfrei zur Verfügung gestellt. So konnten sie Menschen in anderen Städten und Ländern kennenlernen. Was aber bringt das, wenn man sich aufgrund geschlossener Grenzen bislang trotzdem nicht sehen konnte?
Aretz: Ich lebe in Köln, und da sagt man "Jeder Jeck ist anders". Jeder Mensch hat eine andere Motivation, sich auf einem Datingportal anzumelden. Einige versuchen, ihr Ego aufzubessern. Sie wollen schnell viele Matches sammeln. Andere jedoch finden es sicher spannend, Menschen aus einer anderen Stadt oder einem anderen Land zu treffen. Das vermittelt auch ein internationales Flair, eine interkulturelle Stimmung. Dass man sich im echten Leben bis jetzt erstmal nicht sehen konnte, spielt da keine Rolle.

BZ: Möglicherweise stillt ein solches virtuelles Date auch eine Reisesehnsucht?
Aretz: Das kann natürlich auch sein. Für die Studie habe ich mit Probanden gesprochen, die Kontakte in andere Städte hatten, etwa in Athen oder Brüssel. Wenn sie jemanden interessant finden, ist ihnen egal, wo er wohnt. Wer digital datet, erwartet ja zunächst nicht, den Partner oder die Partnerin fürs Leben zu finden.

BZ: Onlinedating bietet also auch einen hohen Unterhaltungsfaktor?
Aretz: Die Unterhaltung kann ein mögliches Sekundärziel auf dem Weg zu einem der möglichen Hauptziele sein, einen Partner oder eine Partnerin zu finden. Auch wenn der Aufschrei manchmal groß ist, gehört es einfach zum menschlichen Leben, dass man seine Wirkung auf andere Menschen erprobt, Selbstbestätigung sucht oder sich die Zeit vertreiben möchte. Dagegen spricht auch nichts, und vielleicht lernt man sogar einen Menschen kennen, der einen dauerhafter begeistert. Auch dazu sind Onlineplattformen gut.

BZ: Wie kann man also über Dating-Portale die große Liebe finden?
Aretz: Das Internet erweitert den Radius, in dem man Menschen kennenlernen kann. Sonst ist man ja oft auf Arbeitsplatz oder Bekanntenkreis beschränkt. Über Datingportale kann man auch Menschen mit einem anderen soziokulturellen Hintergrund treffen, denen man sonst wohl nie begegnet wäre. Das erhöht wiederum die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu finden, der gut zu einem passt.
Zur Person

Wera Aretz, 47, ist Prodekanin im Fachbereich Wirtschaft & Medien an der Hochschule Fresenius in Köln.