Natur

Inflation der Jahreswesen: Warum gibt es Tiere des Jahres?

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Von dpa

So, 29. Dezember 2019 um 18:30 Uhr

Panorama

Was haben der Maulwurf, die Turteltaube und die Zauneidechse gemeinsam? Sie alle sind Tiere des Jahres 2020. Von denen gibt es mittlerweile eine Menge. Welchen Sinn ergibt das?

Die Turteltaube ist es, die Auen-Schenkelbiene ebenfalls, auch der Maulwurf gehört dazu. Mehr als 30 "Jahreswesen" listet der Naturschutzbund (Nabu) für 2020 auf. Auch Einzeller (Dinoflagellat) und Höhlentiere (Mauerassel), aber auch Heilpflanzen (Wegwarte) und Pilze (Gemeine Stinkmorchel) haben eine eigene Auszeichnung. Im Dezember hat sich die Zauneidechse als das "Reptil des Jahres 2020" zu den Ausgezeichneten hinzugesellt. Die Echse stehe auf der Vorwarnliste, sagt Axel Kwet, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde in Mannheim. Ihre Lage könne sich also verschlechtern. Eine unnötige Titelinflation? Keineswegs, sagt Kwet. "Man schenkt einem oft bedrohten Tier und seinem Lebensraum eine Aufmerksamkeit, die es braucht."

Vögel, Wildtiere und Blumen, Wildbienen und Bäume seien Sympathieträger, nicht nur, wenn es um eine Würdigung gehe. "Aber Kriechtiere haben einen schlechten Leumund", sagt Kwet, dessen Gesellschaft das "Reptil des Jahres" benannte. Mal seien "sie giftig, mal eklig. Da ist es wichtig, dass man um Sympathie wirbt für ein wichtiges Anliegen."

"Ich habe schon das Gefühl, dass das aufgegriffen wird und dass diejenigen, die naturbegeistert sind, sich auch damit beschäftigen." Johannes Enssle


Aufmerksamkeit erzeugen – darum geht es auch dem Naturschutzbund (Nabu) Deutschland, der bereits seit 1971 – damals noch als Deutscher Bund für Vogelschutz – den "Vogel des Jahres" würdigt. "Aus unserer Sicht ist das ein riesiger Erfolg", sagt der baden-württembergische Nabu-Landesvorsitzende Johannes Enssle. "Ich habe schon das Gefühl, dass das aufgegriffen wird und dass diejenigen, die naturbegeistert sind, sich auch damit beschäftigen."

Der Wert der Auszeichnung dürfte aber nicht bei der jeweiligen Art hängenbleiben, sondern müsse auch den Lebensraum und die Rahmenbedingungen adressieren. Mit den meisten "Jahreswesen" sei auch eine Botschaft verbunden, sagt Enssle. "Man will auf eine Art aufmerksam machen, um die es entweder schlecht steht oder der es so gut geht, dass sie aus anderen Gründen im Mittelpunkt steht." Ein Beispiel dafür sei der Kormoran, der laut Bodenseefischern tonnenweise Fisch aus dem See frisst. Die Tiere ständen stets stellvertretend für einen Lebensraum oder ein Thema: Die Dohle für die besiedelten Kirchtürme, die Turteltaube für den Mangel an strukturreichen Agrarlandschaften.

Sinkt die Aufmerksamkeit nicht, wenn es so viele Tiere des Jahres gibt?

Die Gesellschaft für Mykologie, also der Pilzkunde, zum Beispiel will mit der Benennung der Gemeinen Stinkmorchel auf die gegenseitigen Abhängigkeiten aller Lebewesen beim Insektensterben hinweisen. Der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) wirbt mit der Gurke dafür, sich stärker mit "diesem vielfältigen Gemüse in Garten und Küche zu beschäftigen". Und der Schwarzblaue Ölkäfer – das Insekt des Jahres 2020 – kann sich zwar enorm schnell vermehren, ein einzelnes Weibchen kann fünf- bis sechsmal im Abstand von ein bis zwei Wochen je 3000 bis 9500 Eier legen, findet sich dennoch auf der Roten Liste als gefährdet wieder, weil der Käfer seinen Lebensraum verliert und ihm der Straßenverkehr immer mehr zusetzt.

Sinken muss die Aufmerksamkeit aber nicht unbedingt, auch wenn es etliche solcher Jahreswahlen gibt. Ein "Reptil des Jahres" konkurriere schließlich nicht mit dem "Baum des Jahres" oder dem "Pilz des Jahres", sagt Harald Knitter vom Stuttgarter Zoo Wilhelma. Für einen sinnvollen Umgang sei es wichtig, dass sich in einer Kategorie alle Organisationen auf einen Kandidaten einigten. Werde dieser durch eine Wahl aus der Masse herausgegriffen, könne er stellvertretend stehen für verwandte Arten und die Entwicklung ihres typischen Lebensraums.



"Es kommt darauf an, die Ernennung mit einer Idee und Aktionen, mit Spendenaufrufen für Schutzmaßnahmen und Lobbyarbeit zu verknüpfen" Viktoria Michel


Das allerdings reicht noch nicht: "Es kommt darauf an, die Ernennung mit einer Idee und Aktionen, mit Spendenaufrufen für Schutzmaßnahmen und Lobbyarbeit zu verknüpfen", so Viktoria Michel, die Projektkoordinatorin der "Zootier des Jahres"-Artenschutzkampagne. "Außerdem brauchen Menschen immer etwas Besonderes, um darauf aufmerksam zu werden."

Die Zoologische Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz (ZGAP) zeichnet seit 2016 das "Zootier des Jahres" aus. Ein Erfolg? "Wir haben mit unseren Aufrufen zum ‘Zootier des Jahres’ – der stark bedrohten Scharnierschildkröte – andere Zoos zur Züchtung animieren können und unterstützen die Freilandarbeit in Kambodscha." Bei den Titelträgern ist die ZGAP eigen: "Wir setzen uns für die Tiere ein, die in den Zoos und Tierparks eher untergehen und keine Lobby haben", sagt sie. Eisbären und Elefanten hätten da wenig Chancen.