Die Wässerchen der Aristokraten

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Von dpa

Sa, 17. Oktober 2020

Reise

Bordschomi in Georgien war einst berühmt für seine Quellen: Heute ist der Kurort Startpunkt für Wanderungen im Kleinen Kaukasus /.

Der Bademeister von Bordschomi nimmt seinen Job ernst. Immer wieder tritt er mit strengem Blick ans Becken, schüttelt den Kopf und deutet auf das hinterste der drei Becken: Dort könnten die Kinder planschen und toben. Im kleinsten und wärmsten Pool soll man jedoch gefälligst still und würdevoll einweichen – so wie einst die russischen Aristokraten, die Tausende Kilometer im Zug anreisten, um in Bordschomi zu baden.

Ende des 19. Jahrhunderts war das Städtchen im Kleinen Kaukasus, das heute zu Georgien gehört, ein mondäner Kurort. Die Adeligen der Romanow-Dynastie ließen sich hier einen Palast bauen, reiche Russen und Perser zogen mit prächtigen Villen nach. Die Kurgäste flanierten durch gepflegte Parks und speisten in Grand Hotels, am neoklassizistischen Bahnhof stiegen Weltstars wie der Komponist Pjotr Tschaikowski und der Dichter Maxim Gorki aus den Waggons.

Alles lange vorbei, denkt man heute, wenn man wie die meisten Touristen im Minibus ankommt. Auf den ersten Blick hat Bordschomi nichts mehr mit einem Kurort gemein. Auf der Fernstraße entlang des Flusses Kura röhrt ein beständiger Strom von Autos und Lastwagen, und die heruntergekommenen Betonblocks, die verloren zwischen Häuschen mit Balkon stehen, sind eher wenig beschaulich.

Spaziert man aber über die weiße Hängebrücke zum renovierten Bahnhof mit seinem Säulenportal und den Arkaden und von dort weiter entlang des Bordschomula-Bachs, so fällt es langsam leichter, sich in alte Glanzzeiten zurück zu träumen. Kleine Brücken spannen sich über das rauschende Gebirgswasser, Pavillons hängen über die Ufermauer. Und am Ende einer langen Reihe von Restaurants und Souvenirläden leuchtet türkis das Zuckerbäcker-Schlösschen eines Schnauzbarts mit Geschmack.

Mirza Reza Khan, der Botschafter des Schahs, ließ das Hotel 1892 in einem hübschen Stilmix bauen: Im typisch georgisch geschnitzten Balkon blitzen Blumen und Sterne aus persischen Spiegelchen, neben arabischen Inschriften lächeln europäische Engelchen aus Stuckgirlanden.

Vor wenigen Jahren wurde das komplett renovierte Haus wieder eröffnet, heute heißt es "Golden Tulip Borjomi". Im Foyer sitzt man nun wieder auf Empire-Sofas unter Kronleuchtern, und an der hellblauen, verschnörkelten Tapete hängt ein Porträt des Erbauers mit Schärpe, Fez und ordengepflasterter Uniform.

Wer denkt, nun gehe es weiter mit Prunk und Pomp, wird allerdings enttäuscht. Die Renovierung des Hotels hat eine internationale Hotelkette finanziert, in ähnlicher Pracht glänzt bisher kein anderes altes Gebäude. Doch der Kurpark, der hinter einem schmiedeeisernen Tor beginnt, hat seinen eigenen Charme.

Familien aus Europa, Russland, Iran und Israel spazieren unter hohen Bäumen, zwischen quietschbunten Karussellen und Schießbuden. Kioske verkaufen Granatapfelsaft, türkischen Kaffee und Softeis. Blondierte Grazien fotografieren sich vor Wasserfall und Prometheus-Statue. Und im Stahlpavillon mit der Glaskuppel zapfen sich Gäste kanisterweise das warme, salzige Mineralwasser.

Wie gut dieses Wasser bei Magenschmerzen, Nervenleiden, Bronchitis und Nierenproblemen tut, bemerkten die Menschen offenbar schon vor 2000 Jahren. 1852 entdeckten Archäologen im Wald Steinwannen aus dem ersten Jahrhundert. Erst als die Bewohner das Tal in den ständigen Kriegen zwischen Russen und Osmanen verließen, wurden die Heilquellen vergessen. Bis sie von Soldaten wieder entdeckt wurden.

Als die Truppen des Zaren auf einem Feldzug durch die Schlucht marschierten, fiel ihnen das heiße Wasser auf, das aus der Erde sprudelte. Ihr magenkranker Oberst trank davon, fühlte sich prompt besser und ließ eine Steinmauer um die Quelle bauen. Der Ruf des Wunderwassers drang schließlich bis zum Vizekönig, der seine kranke Tochter Yekaterina nach Bordschomi schickte – und die Quelle nach ihr benannte.

Nach der Revolution übernahm der rote Adel, in den Kurhotels erholten sich Werktätige aus der ganzen Sowjetunion. Bordschomis Mineralwasser gewann internationale Preise, in Moskau oder St. Petersburg kaufte man es in der Apotheke. Doch nachdem Georgien 1991 unabhängig wurde und sich in einem Bürgerkrieg zerfleischte, ging es auch mit Bordschomi bergab. In den Kurhotels wurden Geflüchtete aus Abchasien einquartiert, der Glanz verfiel. Nun ist Bordschomi wieder en vogue – auch dank deutscher Hilfe. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ermöglichte zusammen mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau und dem WWF, dass an diesem Ort 2001 der erste Nationalpark des Landes eingeweiht wurde. Wanderwege wurden markiert und Hütten mit Stockbetten gebaut – eine Rarität im Kaukasus.

"Bordschomi ist das sicherste Wandergebiet in Georgien", sagt Gaga Mumladze. "Und darauf bin ich stolz." Der 31-Jährige arbeitet seit 2010 für den Nationalpark. Jedes Jahr läuft er durch die Wälder, um die 250 Kilometer Wanderwege frisch zu markieren. Dazwischen berät er im Nationalparkzentrum Wanderer und hilft ihnen, das verpflichtende Formular auszufüllen. Damit einen die Ranger im Notfall rasch finden könnten, erklärt er.

In den vergangenen Jahren sei das Wandern auch in Georgien beliebter geworden, sagt Mumladze, vor allem bei Studenten. Und an Weihnachten und Silvester feiern die Georgier gerne auf den Hütten im Park. Noch sind aber die meisten georgischen Gäste Schulkinder. Oft gehen sie nur den Lehrpfad gleich hinter dem Nationalparkzentrum. Die restlichen Besucher, überwiegend Deutsche, wandern vor allem die Tagestouren. Auf Mehrtagestouren wagen sich nur wenige Besucher. Dort ist man meist allein.

Die schönste Route sei die Kombination aus den Pfaden Nummer 1 und 2, sagt Mumladze – ein Rundweg von gut 80 Kilometern Länge, für den man meist fünf Tage braucht. Vom 2643 Meter hohen Sametskhvario sehe man an klaren Tagen die schneebedeckten Gipfel des Großen Kaukasus. Ebenfalls aussichts- und abwechslungsreich sei der Panorama-Trail mit Übernachtung in einer Hütte auf 1900 Metern Höhe. Klingt alles sehr verlockend, doch diesmal ist nur Zeit für eine Tagestour. Mumladze empfiehlt den Färtenweg. Und ein Taxi zum Startpunkt in Likani, um die Teerstraße zu überspringen.

Der Wurzelpfad beginnt schon im Bergwald und führt erst sanft, aber bald steil hinauf. Moos polstert die Stämme von Birken und Buchen, Eichen und Kiefern. Bartflechten hängen von den Zweigen. In den Wipfeln rauscht der Wind, aneinander scheuernde Stämme knarzen. Es ist ein wilder, alter Wald, in dem man sich aber kaum verlaufen kann. Die gelben, roten und blauen Striche der verschiedenen Wege sind teils in Sichtweite voneinander auf die Stämme gepinselt. An Gabelungen weisen Schilder den Weg - inklusive Gehzeit. Je länger man wandert, desto schöner wird es. Immer wieder öffnen sich Fernblicke über bewaldete Kämme, auf einer Wiese zirpen die Zikaden. Es duftet nach Kiefern, die Blätter der Kastanien färben sich bereits zart gelb.

Und nach einem steilen Abstieg belohnt das Auslaufen über Wiesen, durch ein Spalier von Mischwald, Beerenbüschen und zu Knubbeln und Spitzen erodierten Felsen. Auf einem von ihnen sitzen die Reste einer Burg. Offenbar war Mirza Reza Khan längst nicht der erste romantisch veranlagte Bauherr in Bordschomi.