Dänemark

Hyggelig-glückliche Ferien auf Fanø

Andreas Heimann

Von Andreas Heimann (dpa)

Mi, 27. November 2019 um 21:59 Uhr

Reise

Wind von vorne: Die Insel Fanø gilt als die hyggeligste von allen in Dänemark – im Winter kann es dort aber auch mal ziemlich ungemütlich werden. Was ihren Reiz sonst noch ausmacht.

An diesem eisigen Wintermorgen ist der Himmel ein einziges großes Grau. Nachts waren es drei Grad unter null. Auch lange nach Sonnenaufgang ist der Frost noch zu spüren. Am Strand von Sønderho im Süden von Fanø lässt sich niemand blicken, keine Jogger, keine Spaziergänger. Der Wind weht über die Dünenkette, vor der sich das Wattenmeer scheinbar endlos ausbreitet.
Gemütlich ist es nicht gerade. Dabei gilt Fanø, die kleine Insel vor der jütländischen Westküste mit ihren rund 3400 Menschen als besonders hyggelig – wenn nicht gar als Inbegriff dänischer Behaglichkeit.

Winter im Wattenmeer

Doch bei diesen Temperaturen ist von Hygge nichts zu spüren, jedenfalls nicht, wenn der Wind von vorne kommt. Helen Dörte Mähler ist das gewohnt. Die 37-Jährige trägt einen Schneeanzug und macht am Strand ein, zwei vorsichtige Schritte nach vorne. Im Wattenmeer vor Fanøs Küste ist Ebbe, den Wattboden bedeckt eine dünne Eisschicht, teils spiegelglatt. Mähler macht regelmäßig Führungen, bei gutem Wetter bis zu der Sandbank, auf der sich Seehunde und Kegelrobben von ihren Beutezügen in der Nordsee ausruhen. Aber an diesem Wintermorgen ist sie leer. Bei Kälte lassen sich die Tiere seltener blicken. "Da müssen sie mehr fressen und sind öfter im Wasser", sagt Mähler nach einem Blick durchs Fernglas.
Das Wattenmeer scheint sich am Horizont im wintergrauen Nichts zu verlieren. Auf dem Boden liegen die Schalen von Schwert- und Herzmuscheln. "Und Möwenkotze." Mähler zeigt auf die hellen, breiigen Haufen. "Die spucken die zerkleinerten Schalen der Muscheln, die sie verschlucken, wieder aus."

Hygge unter dem Reetdach

Mähler stammt aus der Nähe von Hamburg, ist mit ihren Eltern drei Jahrzehnte lang im Urlaub immer wieder nach Fanø gefahren und wohnt nun mit ihrer eigenen Familie in Sønderho in einem Reetdachhaus.

Davon gibt es dort ziemlich viele, mehr als 70 stehen unter Denkmalschutz. Das Dorf mit seinen rund 350 Einwohnern gilt als besonders hyggelig und wurde 2011 zum schönsten in ganz Dänemark gewählt. Alle Häuser haben höchstens zwei Etagen. Manche scheinen etwas ins Wanken geraten zu sein. Mal ist ein Fenster schief, mal eine Tür. "Die Fanø-Häuser haben kein Fundament", sagt Mähler bei der Dorfführung.

In den Fenstern steht oft ein Paar Porzellanhunde, wie Seefahrer früherer Jahrhunderte sie als Souvenirs mit nach Hause brachten. Die Frauen sollen sie genutzt haben, um ihren Liebhabern zu signalisieren, ob sie vorbeikommen können: "Gucken die Hunde raus, ist der Ehemann noch auf See", erklärt Mahler.

Die Insel der Seeleute

In Sønderhos erstaunlich großer Kirche aus dem späten 18. Jahrhundert hängen 15 Schiffsmodelle, die meisten von Seeleuten mit großem Aufwand und viel Liebe zum Detail gebaut. Vom alten Hafen am Ortsrand des Dorfes ist allerdings nichts mehr zu sehen, er ist versandet. "Fanø wächst jedes Jahr ein paar Zentimeter Richtung Westen", sagt Mähler. Sie ist vor einer Sturmflutsäule stehengeblieben, zeigt auf die Wasserstände bei Land unter – den rechten Arm muss sie dafür weit nach oben strecken. Sturmflut an der Nordsee ist alles andere als gemütlich.

Auf Fanøs Westseite erstreckt sich der rund 15 Kilometer lange Strand, bei Touristen beliebt und der Hauptgrund, warum die Insel das erste Kurbad Dänemarks hatte. Fanø war in der dänischen Schifffahrtsgeschichte mal eine große Nummer: Die Insel hatte die zweitgrößte Flotte nach Kopenhagen und Sønderho fast dreimal so viele Einwohner wie heute. Schon damals war das "Sønderho Kro", eine der ersten Adressen der Insel, eines der ältesten Gasthäuser Dänemarks, erbaut 1722.

Milchreis und Geborgenheit

Auch wenn es draußen schüttet, der Wind pfeift und es am frühen Abend längst stockdunkel ist, sitzen dort die Gäste in der Stube mit der tiefen Holzdecke und den holländischen Fliesen an den Wänden. Der Rest der Welt scheint plötzlich weit weg zu sein. Das Gefühl der Geborgenheit, das Wissen, dass als nächster Gang Milchreis serviert wird, wie das in Dänemark typisch für die Weihnachtszeit ist: Ist das der Inbegriff von Hygge?

Deko aus dem Wald

Am Morgen, als Mähler in den Wald möchte, um Tannenzapfen und Kiefernzweige für die Weihnachtsdekoration zu sammeln, guckt die Sonne nur vorsichtig aus dem grauen Himmel. Die Grashalme in den Dünen sind mit Raureif überzogen, genau wie Kiefern, Birken und einige der Holzskulpturen, die ein lettisches Künstlerpaar geschaffen hat. Die Kiefernzweige will Mähler später mit roten Schleifen und roten Kugeln versehen. Weihnachtsdeko sei in Dänemark eine wichtige Sache und unverzichtbarer Bestandteil des Hygge-Feelings im Winter.

Nackt ins Meer

Es gibt in der kalten Jahreszeit Tage, da ist der Nebel so stark, dass die Masten im Jachthafen der Inselhauptstadt Nordby geradezu malerisch aus dem Nichts aufzutauchen scheinen. Aber selbst dann ist es nicht ungewöhnlich, dass der ein oder andere Inselbewohner am Strand die Hüllen fallen lässt und nackt oder knapp bekleidet in die Nordsee hechtet. Hygge ist vielleicht auch eine Frage des Abhärtens.

Nähen ist hyggelig

Lone Müller Sigaard sitzt in der Küche ihres hyggeligen Hauses, das vom Fähranleger nur fünf Minuten entfernt ist. Am Nachmittag hat sie die winterliche Ruhe genutzt, um zu nähen. Eine Jacke, wie sie zur Tracht der Insel gehört. "Sie ist das Schwierigste", erzählt die 46-Jährige. "Man braucht einen ganzen Winter dafür." Gelernt hat sie das in einem Trachtennähkurs teilgenommen. "Die Trachten gehören zu den besonderen Traditionen von Fanø, die hier nie ausgestorben sind", erzählt sie. Wie auch der Volkstanz. Was anderswo nur Folklore ist, wirkt auf Fanø authentisch. Lone Müller Sigaard stammt von der Insel, hat aber 18 Jahre lang in Valencia und Kopenhagen gewohnt. Inzwischen lebt sie davon, dass viele andere Fanø genauso hyggelig finden wie sie. Und mit ihrer Hilfe auf der Insel heiraten wollen.

Heiraten auf Fanø

Rund 500 Paare reisen jedes Jahr zur Hochzeit auf Fanø an, viele aus Deutschland. "Hochsaison dafür ist von Mai bis September und dann im Dezember", sagt sie. Warum bloß? "Dezember ist der Hygge-Monat." Im Winter sei dieses Gefühl von Gemütlichkeit und Geborgenheit viel intensiver zu spüren. Dieses Zusammenrücken, wenn es draußen kalt und dunkel ist. Klingt einleuchtend: Wer braucht schon Hygge im Hochsommer?