Entschleunigter Genuss in der Natur und beim Essen

Kreta im Winter

Verena Wolff

Von Verena Wolff (dpa)

Sa, 14. Dezember 2019

Reise

Kreta lohnt sich auch im Winter: Skitouren und die Küche der Einheimischen.

Giannis scheint nichts zu treiben. Er steht in seinem Olivengarten, tief im Matsch. Tagelang hat es auf Kreta geregnet. Selten ist Regen in den Wintermonaten nicht, in solchen großen Mengen aber schon. Giannis nimmt es gelassen. "Die Natur kann das brauchen", sagt der drahtige Mann mit dem kurzen Bart.

Mehrere Dutzend Olivenbäume stehen auf seiner Farm in Litsarda im Nordwesten der Insel. Hühner gackern fröhlich und der Hofhund liegt an der Kette, wie in so vielen Farmen und Anwesen auf Griechenlands größter Insel. Doch jetzt kommt nur selten ein Auto vorbei, denn es sind kaum Touristen da. Der Winter gibt einen ganz anderen Takt vor als die Sommermonate mit Abertausenden von Gästen aus aller Welt.

Bei Giannis Bouleros wachsen die verschiedensten Kräuter. Der Lavendel riecht auch im Winter intensiv, der Rosmarin schimmert sattgrün. Er pflückt Fenchel, Calendula und Minze. "Das brauchen wir dann für den Salat", erklärt er. Im Gewächshaus zieht Giannis die jungen Pflanzen, die im Frühjahr hinaus ins Freie kommen. "Jetzt ist es noch zu kalt, und auch zu nass." Tomaten, Auberginen, Zucchini hat er ausgesät.

Was der junge Mann nicht selbst im Garten hat, das pflanzen die Nachbarn. Orangen- und Zitronenbäume zum Beispiel, die auch im tiefsten Winter mit Früchten behangen sind. "Wir tauschen", sagt der Landwirt, der sich den Traum von einer nachhaltigen Farm erfüllt hat. Giannis ist außerdem ein hervorragender Koch. Zusammen mit seiner Freundin Julie, einer Köchin aus Seattle, die es aus dem Nordwesten der USA auf die griechische Insel verschlagen hat, zeigt er Touristen die kretische Küche. Im Winter in seinem kleinen Haus, im Sommer auf der großen Terrasse mit dem alten Holzofen.

"Wir mögen Fleisch auf der Insel", sagt Giannis. Schafe und Ziegen leben in großer Zahl in den Bergen, auch Schwein kommt häufig auf die Teller. "Nur direkt am Meer essen auch die Einheimischen am liebsten Fisch." Dazu serviert Giannis das Gemüse, das in seinem Garten wächst. Die Gäste arbeiten mit, sie schälen und schneiden. Alles kommt in einen großen Bräter hinein: Ziegenfleisch, in handgroße Stücke geschnitten, Möhren, Kartoffeln, Zwiebeln, Äpfel, Gewürze, Kräuter. Dann gießt der Koch das Ganze mit ordentlichen Mengen Olivenöl und Hauswein an und der Bräter verschwindet im Ofen. Für eineinhalb Stunden oder zwei. Besser noch länger. "Dann wird das Fleisch schön weich."

Während das Zicklein im Ofen schmort schauen Freunde und Nachbarn vorbei, ein befreundeter Winzer bringt ein paar Flaschen Rotwein mit und bleibt kurzerhand. "Schon seit 4000 Jahren wird auf der Insel Wein angebaut und gekeltert", sagt Pantelis Sapounakis, der Winzer. Die Böden und das Klima seien nicht nur für Oliven optimal, sondern auch für Rotwein. Giannis und Julie erzählen derweil, was sie alles herstellen. Überall an der Decke hängen kleine Kräutersträuße zum Trocknen. Und natürlich das Olivenöl, das sie selbst pressen.

"Davon brauchen die Kreter extrem viel", sagt Maria Chavaledaki. Sie betreibt zusammen mit ihrer Familie eine kleine Presse, in der nach alter Methode Öl gepresst wird: Mit zwei riesigen Steinen, die die Oliven zerquetschen. "Fast jeder Haushalt presst in Kreta sein eigenes Öl, viele Menschen besitzen ein paar Olivenbäume", sagt Chavaledaki. 35 Millionen Bäume stehen nach offiziellen Angaben auf der Insel. Der Statistik zufolge konsumiert jeder Kreter rund 50 Liter Öl pro Jahr – mancher sieht es als Lebenselixier. "Mein Opa ist 96 Jahre alt und trinkt jeden Morgen vor dem Frühstück einen Schluck Olivenöl und isst einen Löffel Thymianhonig", erzählt Maria. Zum Teil wird das Olivenöl, das auch exportiert wird, industriell hergestellt. "Viele der Olivenbäume stehen allerdings in unwegbarem Terrain in den Bergen", erzählt Olivenbauer Paulos Melissakis. Das macht die Ernte mühsam. Geerntet wird meist auf traditionelle Art ohne Rüttelmaschine. "Wir schlagen mit einem Stock gegen die Äste, bis die Oliven in das Netz fallen, das wir aufgespannt haben."

Ökonomisch schlechter sieht es bei den Orangen aus. Die Früchte hängen tonnenweise an den Bäumen und leuchten selbst bei bewölktem Winterwetter in sattem Orange. Nur: "Es lohnt sich nicht mehr, sie zu pflücken", sagt Tourguide Nikos. Für ein Kilo Orangen bekämen Bauern nicht mal zehn Cent. Darum nehmen sie nur noch das, was sie selbst brauchen. Der Rest verfault.

"Viele fällen die Orangenbäume inzwischen und pflanzen stattdessen Avocados an", sagt Nikos. Auch die kommen gut mit dem Klima auf der Mittelmeerinsel klar und bringen deutlich mehr ein. Sie brauchen aber extrem viel Wasser – nicht jeder auf der Insel sieht daher den neuen Trend zum Avocado-Anbau gern.

In den kretischen Städten ist im Winter vergleichsweise wenig los. Die Studenten sind zwar da, denn das Semester läuft. In Chania und Heraklion, den beiden großen Orten, können Besucher durch die Gassen bummeln und die Sehenswürdigkeiten anschauen. Wer Interesse an der Antike hat, kann etwa die Palastruinen in Knossos – unweit von Heraklion – besuchen. Sie sind ganzjährig geöffnet.

Vor allem in den Urlaubshochburgen entlang der Küste jedoch sind die meisten Läden geschlossen. "Ende März geht es wieder richtig los", sagt Nikos. Dann dauert die Saison bis in den November hinein. Je nachdem, wie das Wetter ist. Doch wer im Winter Kreta besucht, möchte ohnehin weder an den Strand noch in die Städte. "Die Besucher kommen, weil sie die Natur genießen wollen", sagt Nikos.

Wandern, Radfahren und sogar Skifahren ist möglich. "Allerdings haben wir keine Lifte oder eine richtige Infrastruktur in den Weißen Bergen", erläutert Nikos. Stattdessen müssen Tourenskifahrer sich die Felle unter die Bretter legen und erst die Berge erklimmen, die sie heruntersausen wollen.

Der höchste Gipfel der Weißen Berge, der Psiloritis, ist rund 2450 Meter hoch. "Sogar bis weit ins Frühjahr hinein, wenn die Urlauber schon wieder am Strand liegen, kann man noch Schnee dort oben sehen", sagt Nikos. So manchen Weg versperrt der Schnee im Winter allerdings auch: So gibt es jede Menge Schluchten in den insgesamt drei Gebirgsketten, die sich über die Insel spannen. Doch wenn die Straßen zugeschneit sind, geht nichts mehr. Nicht mal mit dem Geländewagen.

Wer von Chania nach Drakona fährt, kommt bei Stelios Trilyrakis vorbei – der Gastwirt hat auch im Winter sein kleines Restaurant Ntounias hoch in den Bergen geöffnet und kocht, wie es schon seine Mutter und seine Großmutter machten: auf einem offenen Feuer vor dem Haus. Eine gusseiserne, schwere Pfanne und zwei Töpfe stehen auf dem Herd. Darin köcheln Fleisch und Gemüse. Stelios hat alles selbst bei der Jagd erlegt oder im eigenen Garten geerntet. Das Ziegenfleisch, das Stelios eingewickelt in Pergament an den Tisch bringt, ist so weich, dass es sich ohne Messer zerteilen lässt. Auch die Kichererbsen, Linsen und Graupen schmecken köstlich. Tsatsiki? Gibt es auch, aber im Winter mit Möhren. "Die Gurken haben jetzt keinen guten Geschmack", sagt er. Den Joghurt für die Knoblauchcreme macht Stelios selbst, die Milch gibt eine alte Rinderart, die er züchtet. "Sie kommen gut mit den Bedingungen hier klar."

So ursprünglich wie bei Stelios ist es in vielen kleinen Tavernen, die in der Nebensaison fest in der Hand der Einheimischen sind. Doch die paar Touristen sind immer willkommen. Für einen kleinen Snack aus dem, was die Natur im Winter hergibt – oder was sich aus dem Sommer konservieren lässt. Das gute Essen ist eine der schönsten Traditionen auf der Insel. "Das ist das Gute am Winter", sagt Landwirt Giannis. "Da haben wir Zeit dazu."