Südtirol

Wollige Wellness: Im Ultental liegt das Besondere verborgen

Martin Cyris

Von Martin Cyris

Fr, 14. Februar 2020 um 18:19 Uhr

Reise

Kein Après-Ski, keine Shoppingmalls, keine Bettenburgen: Seelenruhe und Natürlichkeit finden Reisende in einem der ursprünglichsten deutschsprachigen Täler Südtirols – dem Ultental.

Sich mal wieder fühlen wie in Abrahams Schoß. Wie ein frisch geschlüpftes Küken. Vom Leben geküsst. Völlig losgelöst, völlig schwerelos. Ohne Zeitdruck, dafür mit sanfter Wellnessmusik oder Vogelgezwitscher in den Ohren. Dazu der würzige Duft von Wiesenkräutern in der Nase. Pures Wohlgefühl, so sieht Urlaub aus, wie in Watte gepackt. Oder in Wolle, wie beim Ultner Schafwollbad.

Wellness mal anders: In Wolle baden

Gerade schwebt eine Mitarbeiterin des Arosea Hotels in den Wellnessbereich und illuminiert den Raum auf Candle-Light-Atmosphäre. Im Hintergrund säuseln weiche Plingplangplong-Klänge, in einer Schale liegen Zirbenholzspäne und versprühen ihren Duft – den Signature-Duft der Alpen, der erwiesenermaßen sogar den Blutdruck herunterdimmt. Auf der Massageliege warten zwei perlweiße Schafwolldecken. Die obere wird sanft zurückgeschlagen. Sodann streut die Wellnessfee eine Mischung aus getrockneten Wiesenkräutern auf die untere Decke und arbeitet sie vorsichtig in das fluffige Material ein. Endlich darf ich mein Haupt auf diesem wollenen Heiabettchen ablegen. Ganz wie Gott mich schuf. Zumindest fast, wäre da nicht dieser obligatorische Massagetanga, den selbstverständlich jeder Schafwollbadende tragen muss.

Mit zwei Wollbäuschchen werde ich in den kommenden 60 Minuten massiert. Was heißt massiert? Eher sanft berührt, gestreichelt, liebkost. Ich bekomme davon fast nichts mit, denn ich fühle mich wie ein Lamm beim Schäfchenzählen. Mein Geist entrückt unbemerkt irgendwohin. Irgendwo hin in den Äther. Völlig losgelöst, völlig schwerelos.

Was ist der Sinn und Zweck dieser ganzen Wolllust?

Was viele nicht (mehr) wissen: Schafwolle ist ein äußerst gesundes Material. Nicht nur, weil es auf natürliche Weise hergestellt wird, sondern auch weil es die Körpertemperatur reguliert und viele gesundheitsfördernde Stoffe enthält. Unter anderem das Lanolin, das Wollwachs. Es reinigt die Haut, ist bakterienabweisend und fördert die Wundheilung. Und die Wolle fördert einen erholsamen Schlaf, was ich nur bestätigen kann, als ich nach der Behandlung wieder mühsam im Hier und Jetzt ankomme.

Schafzucht hat eine lange Tradition im Ultental . Doch das Ultner Bergschaf diente lange Zeit nur noch als Fleischlieferant. Die Wolle wurde entsorgt, keiner wollte sich mehr wie zu Urgroßvaters Zeiten die Mühe machen, sie weiterzuverarbeiten. Etwa zu Kissen, zu Kleidung oder Filzpantoffeln. Wäre da nicht die Hartnäckigkeit einer einheimischen Bäuerin: Traudl Schwienbacher ist ein Ultner Original, eine Kräuterfrau und sanfte Kämpferin für die Natur. Auf ihrer Ultner Winterschule lehrt sie Naturverbundenheit und gibt ihr Wissen über Pflanzen und Kräuter weiter. Ihr liegt außerdem daran, mit Hilfe von Dozenten handwerkliche Traditionen zu erhalten, "damit die Bauern im Tal bleiben und sich mit Hilfe von handwerklichem Nebenerwerb ihre Existenz erhalten können". Womit sie dazu beigetragen hat, dass das Ultental seine urige Authentizität und unverfälschte Kultur bewahren konnte.

Sanfter Tourismus und Pioniergeist abseits des Massentrubels

Ihre Winterschule begann vor fast 30 Jahren als wirtschaftliches Kamikazeunternehmen mit einer Handvoll Teilnehmern, als von Umweltschutz und Regionalität noch kaum einer etwas hören wollte. Mittlerweile sind die Filz-, Flecht-, Färbe-, Kräuter- und Klöppelkurse derart beliebt, dass es lange Wartelisten gibt. Unter den hunderten Teilnehmern pro Jahr kommen sogar welche aus Deutschland. Und das, nachdem nicht wenige Einheimische Traudl Schwienbacher ob ihrer einst visionären Idee, Natur und regionale Traditionen mit dem modernen Menschen zu versöhnen, belächelten. Ein Nachbar erinnert sich: "Einmal haben die am Abend vor Anmeldeschluss sogar in Scharen vor ihrem Haus gezeltet, um fürs Wintersemester aufgenommen zu werden", erzählt Stefan Kaserbacher, der Tourismusdirektor des Ultentals.

"Schafwolle ersetzt die halbe Hausapotheke"Traudl Schwienbacher
Die Schafwolldecken für das Schafwollbad hat das Hotel Arosea Traudl Schwienbacher zu verdanken. Vor ein paar Jahren gründete die 73-Jährige eine Sozialgenossenschaft namens "Lebenswertes Ulten". In der angegliederten Wollmanufaktur "Bergauf" wird die Schafwolle der Ultner Bergbauern weiterverarbeitet. Sie wollte sich nicht damit abfinden, dass die Wolle einfach im Müll landet. "Schafwolle ersetzt die halbe Hausapotheke", so Traudl Schwienbacher. Im "Bergauf" werden Kleider aus Schafwolle produziert, aber auch Gegenstände fürs Gastgewerbe wie Tischsets oder Brotkörbe. "Vor allem Gäste aus Deutschland sind offen für das Thema Plastikvermeidung", sagt Wolfgang Raffeiner, Geschäftsführer der Genossenschaft. Und nebenbei sorgen die Produkte aus Wolle und Filz in den Hotels und Gasthöfen für eine urige Atmosphäre à la Ultental.

Wo versteckt sich dieser Ruhepol?

Von Meran aus dauert die Fahrt rund 35 Minuten über eine kurvenreiche Strecke ins Ultental. Auch wegen der Abgeschiedenheit konnten sich auffallend viele Traditionen, eine unverfälschte regionale Küche und die typische Tälerarchitektur erhalten. Was früher als rückständig und hinterwäldlerisch galt, ist heute authentisch, regional und echt. Und lockt Touristen, die das Bodenständige lieben, in eine atemberaubende Berglandschaft der Ortler-Alpen, wovon der obere Teil des Tals zum berühmtem Nationalpark Stilfser Joch gehört.

"Ihr liegt zwar am Arsch der Welt, aber am schönsten" Ein Tourist
"Einmal kam ein deutscher Tourist und sagte: "Ihr liegt zwar am Arsch der Welt, aber am schönsten Arsch der Welt", lacht Tourismusdirektor Stefan Kaserbacher. Er hat gut lachen, denn Umfragen bestätigen, dass immer mehr Menschen im Urlaub ihre Ruhe und Zeit für die Familie haben wollen. "The trend is our friend", so Kaserbacher, "wir haben uns nie verbogen und dem Tourismus untergeordnet." Im ganzen Tal gibt es keine einzige Shoppingmall und im kleinen Familienskigebiet, der Schwemmalm, sucht man Après-Ski vergeblich. Dafür gibt es mehr als 30 bewirtschaftete Berghütten. Sie können sich halten, auch weil es im Tal keine Hotels mit Dreiviertelpension gibt. Übrigens sind sämtliche Hotels familiengeführt, auch das eine Ultner Spezialität.

Auf den meisten der Hütten werden regionale Produkte verarbeitet. Man merkt es an der Qualität, aber nicht unbedingt am Preis. Anders als in den großen und teuren Skigebieten Österreichs und Südtirols, etwa dem Grödnertal. Von dort flüchten regelmäßig einheimische Skicracks ins Ultental. "Weil sie bei uns Platz auf der Piste haben", sagt Herbert Gamper, ein altgedienter Skilehrer auf der Schwemmalm.

Wiederentdecken: Urlaub auf den Spuren von Kafka, Sisi, Bismarck und Thomas Mann

Einst war das Ultental für seine Heilquellen bekannt. Es verfügte über vier Bäder, die Prominenz von weit her anzogen, zum Beispiel Thomas Mann, Franz Kafka oder Kaiserin Sisi. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfielen die Bäder, sind heute Ruinen. Bis auf eines: Bad Überwasser. Ein Ehepaar aus Meran restaurierte das halb verfallene Gebäude, das früher den Bauern als Arme-Leute-Bad zur Verfügung stand und zwischendurch als Proberaum für Bands aus dem Ultental diente. Auch die Heavy-Metal-Band des aktuellen Skistars Dominik Paris, der aus St. Walburg stammt, drehte dort ordentlich auf. Doch jetzt ist in Überwasser wieder Ruhe eingekehrt.

Merke: Es muss im Urlaub eben nicht immer ein Bad in der Menge sein. Es genügt manchmal auch ein Schafwollbad oder ein Bad in einem Zuber – aber bitte am schönsten A... der Welt.


Ultental / Südtirol

Anfahrt: Über Innsbruck und die Brennerautobahn oder die Schweiz und das Vinschgauer Tal
Wellness: Das Ultner Schafwollbad kostet 142 Euro, Dauer 50 Minuten, http://www.arosea.it Bad Überwasser dient nicht nur als Bad, sondern auch als Gasthaus mit Zimmern. Gruppen- oder Einzelbuchungen: http://mehr.bz/ubwas
Spezialitäten: Die Bio-Bäckerei Ultner Brot ist für ihr knuspriges Schüttelbrot bekannt und beliefert auch deutsche Bio-Märkte mit rustikalen Backspezialitäten, http://www.ultnerbrot.it
Skifahren: Das Skigebiet Schwemmalm verfügt über rund 20 Pistenkilometer in allen Kategorien, Tagespass Erwachsene 42 Euro, Kinder 30 Euro, http://www.merano-suedtirol.it/de/schwemmalm.html Zum Einkehren empfiehlt sich unter anderem das Bergrestaurant Schwemmalm. Wirt Norbert Zöschg ist auf die Herstellung traditioneller Gerichte aus Ultner Produkten spezialisiert und ein vielfach preisgekrönter Käser.
Allgemeine Infos: http://www.suedtirol.info

Diese Reise wurde unterstützt von IDM Südtirol