"Oft kamen Hyänen auf die Veranda"

Louis Friesen, Klasse F1, Clara-Grunwald-Schule

Von Louis Friesen, Klasse F1, Clara-Grunwald-Schule (Freiburg)

Sa, 21. März 2020

Zisch-Texte

ZISCH-INTERVIEW mit Brigitte Jarvis, die von ihrem Leben in Afrika erzählt, wo sie mit ihrem Mann eine Tabakfarm betrieben hat.

Zisch-Reporter Louis Friesen aus der Klasse F1 der Clara-Grunwald-Schule in Freiburg hat seine Nachbarin Brigitte Jarvis (91) interviewt, die viel in ihrem Leben gereist ist und lange in dem afrikanischen Land Simbabwe gelebt hat.

Zisch: Sie haben mir mal erzählt, dass Sie in Afrika gelebt haben. Wieso gerade in Afrika?
Jarvis: Mein Mann war Engländer. Vor dem Krieg hatten die Engländer Kolonien in Afrika. Er war bei der Marine. In Afrika gab es viele verschiedene Stützpunkte. Dort musste er immer bleiben. Und auf diese Weise hat er das Land kennen- und lieben gelernt. Mein Mann wollte nach dem Krieg unbedingt wieder nach Afrika zurück und dort eine Farm gründen. Ich war voller Unternehmungslust und brannte ebenfalls darauf, die Welt kennenzulernen.
Zisch: Wie sah Ihr neues Zuhause aus?
Jarvis: Unser einstöckiges Haus war aus Ziegelsteinen mit einer großen Veranda drumherum. Und die Küche, die war schrecklich! Es war ein Blechschuppen ohne Fenster mit Lehmboden und einer kleinen Tür. Innen standen ein uralter Holzofen und ein alter wackeliger Holztisch mit einer zerbeulten Blechschüssel zum Abwaschen. Wir hatten kein trinkbares Wasser und mussten es aus einem Brunnen holen. Es war eine braune Brühe, in der Kröten und Frösche herumschwammen. Nur im abgekochten Zustand konnte man es trinken. Elektrizität gab es auch nicht. Wir hatten eine Paraffinlampe, die an der Decke hing.
Zisch: Von was haben Sie in Afrika gelebt?
Jarvis: Wir hatten eine riesen Farm und haben hauptsächlich Tabak angebaut, aber auch Mais und Bohnen. Denn wir mussten auch was zu essen haben und die Arbeiter versorgen. Zudem hatten wir viel Vieh. Der Tabak war unsere größte Einnahmequelle. Damals war Tabak noch sehr teuer und wir hatten gehofft, damit viel Geld zu verdienen.
Zisch: Wer hat Ihnen auf Ihrer Farm geholfen?
Jarvis: Auf der Farm brauchten wir Leute für die Viehzucht und den Tabakanbau. Mein Mann war sehr gerecht und hat immer gut bezahlt. Das hat sich schnell herumgesprochen und es kamen viele Einheimische, die bei uns arbeiten wollten.
Zisch: Was gab es Besonderes zu essen, und gab es dort einen Supermarkt?
Jarvis: Wir waren Selbstversorger und haben aus unserem Garten neben Gemüse auch Früchte wie Avocados, Mangos und Papayas bezogen. Einmal in der Woche bin ich zum Einkaufen in den 50 Kilometer weit entfernten Ort gefahren. Dort gab es einen Bäcker, einen Metzger und einen Tante-Emma-Laden. Das war ein großer Komplex, wo man alles für die Farm bekommen hat.
Zisch: Hatten Sie Angst vor wilden Tieren?
Jarvis: Nein, eigentlich nicht. Man weiß, wie man ihnen begegnen kann. Man geht nicht auf die wilden Tiere zu, man muss vorsichtig sein, sich umschauen und ihnen am besten aus dem Weg gehen. Oft kamen die Hyänen, vom Essenduft angelockt, zu uns auf die Veranda. Auch Leoparden streiften durch unsere Farm. In der ersten Regenzeit hatten wir im Haus und um das Haus herum bis zu 30 Giftschlangen: Mambas, Kobras und Puffottern. Weil das Haus zuvor unbewohnt war, hatten sich die Tiere dort ausgebreitet. Mit der Zeit haben sie sich allmählich zurückgezogen.
Zisch: Sie haben viele Elefantenfiguren. Welche Bedeutung haben diese für Sie?
Jarvis: Ja, ich habe ganze 85 Elefantenfiguren. Warum ich die Elefanten so liebe? Weil sie so ein gutes Familienleben haben. Sie passen auf ihre Jungen auf, sie nehmen sie in die Mitte der Herde. Die Herde besteht nur aus weiblichen Tieren, und wird von einer Leitkuh geführt. Die männlichen Tiere sind Einzelgänger. Die Leitkühe haben ein fantastisches Gedächtnis. Sie können sich ganz genau erinnern, wo es Wasserstellen gibt. Und wenn ein Elefant gestorben ist, dann wird er mit Zweigen bedeckt, damit die Hyänen nicht gleich kommen. Die Herde bleibt da und trauert drei bis vier Tage, und dann ziehen sie weiter.
Zisch: Wieso mussten Sie Ihren Traum aufgeben und nach Europa zurückkehren?
Jarvis: Wir hatten schlechte Ernten und mein Mann ist krank geworden. Und die Hauptsache war, dass wir von den Einheimischen gewarnt wurden, dass bald ein Unabhängigkeitskrieg ausbrechen würde. So haben wir unsere Farm aufgeben müssen und sind nach England zurück gegangen. Unsere Farm ist während des Unabhängigkeitskriegs dann völlig zerstört worden.
Zisch: Welches war Ihr schönstes und welches Ihr schlimmstes Erlebnis in Afrika?
Jarvis: Das Klima war sehr angenehm, ich mochte die Tiere, das Abenteuer. Aber manchmal war das Abenteuer mehr als nur ein Abenteuer. Zum Beispiel als mein Mann mal in den Busch gefahren ist, um Bambusstöcke zu holen. Er ist vier Tage verschwunden gewesen. Da bin ich ihm gefolgt und habe ihn gesucht. Als ich meinen Mann dann wieder getroffen habe, war das wohl das schönste Erlebnis!