Pfadfinder

Beitrag zur Völkerverständigung

Julia Kleinstück, Klasse SG8A, Gewerbliche und Hauswirtschaftlich-Sozialpflegerische Schulen

Von Julia Kleinstück, Klasse SG8A, Gewerbliche und Hauswirtschaftlich-Sozialpflegerische Schulen (Emmendingen)

Mo, 29. Juni 2020 um 13:56 Uhr

Schülertexte

Es gibt Menschen, die finden Pfadfinder komisch. Julia Kleinstück aus der Klasse SG8A der GHSE findet das nicht. Sie ist selber Pfadfinderin und erzählt, was sie daran begeistert.

Wenn ich jemandem erzähle, dass ich Pfadfinderin bin, ist der erste Satz, den ich zu hören bekomme, immer: "Oh, was für Kekse verkauft ihr denn?" Oder wahlweise auch: "Wann bekomme ich denn dann meine Kekse?" Denn das ist das Bild, das unsere Gesellschaft vorrangig von uns Pfadfindern hat: komische Kinder ohne Freunde, aber mit Komplexen, die komische Dinge tun, um Abzeichen zu bekommen. Kinder, die Vögel beobachten und Kekse verkaufen. Doch das ist absoluter Quatsch.

Pfadfinden bedeutet Gemeinschaft, Neues kennenlernen, Freunde finden, sich sozial engagieren.
Ich bin 14 Jahre alt und seit acht Jahren Pfadfinderin. Ich habe an verschiedenen Zeltlagern teilgenommen und bin der Meinung: Wer nicht dabei war, kann niemals nachempfinden, wie es sich anfühlt. Aber ich möchte wenigstens versuchen, zu erklären, was es bedeutet, bei den Pfadfindern zu sein.

Wir tragen tatsächlich eine "Uniform". Wir nennen sie Kluft und Halstuch. Wobei beide verschiedene Funktionen besitzen. Beide zeigen, welcher Pfadfinderorganisation man angehört. Sie unterscheiden sich in ihren Farben voneinander. Auf die Kluft kann man die Abzeichen aufnähen, die allerdings nur anzeigen, an welchen Lagern und Aktionen man teilgenommen hat. Das Halstuch zeigt in meinem Verband, dem VCP (Verband christlicher Pfadfinder), an, zu welchem Rang man gehört.

Auf mein erstes Lager vor vier Jahren war ich nur mäßig vorbereitet. Ich war zehn Tage am anderen Ende von Deutschland im Regen, mit zu kaltem Schlafsack, dem falschen Essgeschirr und zu wenigen Klamotten. Und trotzdem gehört es zu meinen wichtigsten Erfahrungen und der besten Zeit meines Lebens. Ich sprach damals kein Wort Englisch und doch habe ich mich mit ein paar Afrikanern und ein paar Freiburgern (die für mich übersetzten), die alle mindestens sieben Jahre älter waren als ich, über Bücher im Allgemeinen und Harry Potter im Speziellen bis spät in die Nacht am Lagerfeuer unterhalten.

Ein Jahr später war großes Lager in Wittenberg mit mehreren tausend Teilnehmern aus vielen verschiedenen Nationen. Ich habe mich dort mit ein paar Israelis angefreundet, mit denen ich auch hinterher lange Kontakt hatte. Die großen Lager gehen in der Regel zehn Tage und stehen unter einem Motto, mit dem man sich in dieser Zeit beschäftigt. Immer unter dem Thema Nachhaltigkeit und Miteinander, wofür wir stehen.

Es gibt täglich Angebote und Workshops sowie eine zweitägige Wanderung, an der man mit einer Gruppe teilnimmt. Je nachdem, wie viele Personen in einer Gruppe sind und wie lange das Lager geht, muss man ein oder mehrmals Koch– und Abspüldienst übernehmen. Hin und wieder gibt es besondere Angebote, an denen man teilnehmen kann. So auch auf dem Lager vor drei Jahren. Wir haben, sofern wir wollten, mit den Israelis ein nahegelegenes KZ besucht und uns gemeinsam mit diesem Thema auseinandergesetzt.
Ist das nicht unglaublich? Wir, die Enkel der damaligen Täter und Opfer, können gemeinsam über dieses Thema reden. Macht das nicht Hoffnung, dass auch andere Konflikte auf diese Weise enden können? Und ist es nicht unglaublich wichtig, dass gerade wir uns gemeinsam damit beschäftigen? Gerade wir tragen die Verantwortung, dass so etwas niemals wieder geschieht?

Bei den Pfadfindern lernt man viele verschiedene Menschen aus vielen verschiedenen Ländern kennen, redet mit ihnen, tauscht Gedanken und Meinungen aus und lernt sie zu verstehen, trotz Unterschieden, die nun einmal vorkommen. Und ist das nicht das Wichtige, wenn man die Welt verbessern möchte? Zu verstehen, wie andere Menschen denken und leben?
Für mich gibt es nichts Schöneres oder Gemeinschaftlicheres als zusammen mit Menschen am Lagerfeuer zu sitzen und die gleichen Lieder zu singen – egal, ob man sie gut kennt oder nicht.