Zischup-Interview

"Wir waren glückliche und fröhliche Kinder"

Julia Kreidler, Klasse 9c, Kreisgymnasium (Bad Krozingen)

Von Julia Kreidler, Klasse 9c, Kreisgymnasium (Bad Krozingen)

Di, 11. Juni 2019 um 17:21 Uhr

Schülertexte

Helga Zahn ist ein Kriegskind. Im Gespräch mit Julia Kreidler erzählt sie von ihrer Kindheit und Jugend. Julia Kreidler geht in die Klasse 9c des Kreisgymnasiums in Bad Krozingen.

Zischup: Wo und unter welchen Umständen sind Sie geboren?
Zahn: Ich bin 1940 in Emden, das ist in Ostfriesland, in einem Krankenhaus geboren. Meine Oma wollte damals von Benthe nach Emden fahren, um bei meiner Geburt dabei zu sein. Am 22. September ist sie in Hannover in den Zug gestiegen, kam aber nur bis Bremen, da dort gerade Bomber waren, weshalb der Zug nicht mehr weiterfuhr. Dann musste sie dort die Nacht im Wartebereich am Bahnhof verbringen und konnte erst am nächsten Tag weiter im Zug von Bremen nach Emden fahren. Am Bahnhof wurde sie dann von meinem Vater abgeholt, der als Sanitäter im Hafen von Emden arbeitete, und dort besuchte sie dann meine Mutter im Krankenhaus, da sie kurz vor der Geburt war. Am Abend kam mein Vater dann vom Hafen nach Hause und guckte immer wieder, wie es meiner Mutter so ging, denn es gab dort keine Medikamente mehr, da diese alle für die Soldaten weggebracht wurden. Ich bin dann am Abend um 19.45 Uhr geboren. Kurz nachdem meine Mutter anfing, mich zu stillen, vereiterte jedoch ihre Brust, weshalb sie abstillen musste. Sie bekam dann Glasröhren in die Brust, damit der Eiter abfließen konnte. Sie lag dann ein viertel Jahr lang krank im Bett, da sie erst eine Venenentzündung und dann Thrombose bekam, sodass sie von einer Hebamme betreut werden musste. Wenn sie im Bett lag und ich daneben im Kinderwagen schrie, nahm sie ihren Gehstock und schob mich damit hin und her bis ich mich beruhigte. Am 1. Dezember 1940 wurde ich in Emden in der Kirche getauft. Als ich fünf Monate alt war, wurde die Bäckerei meines Vaters zerbombt, weshalb meine Mutter mit mir zusammen nach Benthe bei Hannover zog, zurück zu ihren Eltern, da sie es in Emden so nicht mehr aushielt. Eigentlich war das verboten, da Hannover und Benthe Gefahrenzone eins waren. Da waren noch viel mehr Bomber, aber das war meiner Mutter egal. Sie sagte, hier bleibe ich nicht mehr, ich fahre nach Hause – und dann ist sie mit mir im Zug von Emden nach Hannover gefahren. Die Fahrt war auch sehr gefährlich, aber wir kamen gut an und ihr Vater holte uns vom Bahnhof ab. In Benthe lebten wir mit meinen Großeltern zusammen in nur einem Zimmer. Später bekamen wir eine kleine Wohnung mit zwei Zimmern für vier Personen. Mein Vater kam dann aus Le Havre in Frankreich aus der Gefangenschaft zurück. Wir lebten dann sehr beengt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, in der wir kein fließendes Wasser hatten. Das mussten wir aus dem Keller holen und Schmutzwasser wieder runterbringen. Als mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, litt er unter Parkinson und hatte immer schlimme Albträume, da er ja im Krieg als Sanitäter eingesetzt wurde. Er schrie dann im Traum Dinge wie: Hört ihr? Sie kommen! Die Bomber kommen! Er war der einzige Überlebende aus seiner Gruppe, er hatte alle anderen Kameraden im Kampf verloren, obwohl er noch versucht hatte sie zu retten. Früher hat er nie darüber geredet.

Zischup: Wie war es, unter solchen Umständen aufzuwachsen?
Zahn: Ich bin in den Krieg hineingeboren, ich kannte ja die Zeit vorher nicht, und so war das für mich ganz normal. Als ich 1946 eingeschult wurde, kamen schon die Flüchtlinge aus Schlesien und Ostpreußen. Wir waren 45 Kinder in einer Klasse bei einem Lehrer. In der Schule gab es mittags als Schulspeisung Milchsuppe. Es gab damals kaum Lebensmittel zu kaufen, auch kein Fleisch. Alles war knapp. Die Familien bekamen Marken zugeteilt, mit denen sie sich die Lebensmittel kaufen konnten. Kinder bekamen extra Marken, um Butter und Milch kaufen zu können, aber die Mütter mussten trotzdem sehen, was sie auf den Tisch bringen konnten. Wer einen Garten hatte, konnte darin Gemüse anpflanzen. Wer Kaninchen, Ziegen, Schafe oder Schweine hatte, konnte diese nur heimlich schlachten, da das Fleisch eigentlich an die Soldaten abgegeben werden musste. Von meinen Cousinen bekam ich dann die Kleidung, die ihnen nicht mehr passte. Wir kannten es nicht anders und wir fanden uns schick. Das ging so weiter bis zu meiner Konfirmation 1954. Da bekam ich das erste Mal ein Paar neue Schuhe und ein Mantel musste gebraucht gekauft werden. Vorher wurde alles nur vererbt. Da haben zum Beispiel Mütter Bettwäsche gegen ein paar Kinderschuhe getauscht. Wir bekamen Schuhe, aus denen andere Kinder herausgewachsen waren, und wenn sie uns nicht passten, dann wurden sie zum Schuster gebracht und es kam entweder ein Riester drauf oder es wurde vorne ein Stück des Schuhs ausgeschnitten, sodass der große Zeh herausguckte, damit die Schuhe nicht drückten. Als mein Onkel 1950 als Gefangener aus dem Krieg entlassen wurde, arbeitete er bei der Firma Bahlsen als Lastwagenfahrer. Alles, was im Lastwagen während der Fahrten tagsüber aufgeplatzt war, hat er dann abends aufgefegt und uns mitgebracht. Das waren unter anderem Haferflocken, Rosinen und ab und zu mal eine Banane oder ein Apfel. Als ich zehn Jahre alt war, hat er mir die erste Banane mitgebracht, die ich jemals gesehen hatte, und so wollte ich mitsamt der Schale reinbeißen, da ich es ja nicht besser wusste. Damals hatten wir noch keine Süßigkeiten oder Schokolade. Wenn meine Mutter uns zum Schlachter mitnahm, wo die Würste von der Decke hingen, haben wir dann immer darauf gezeigt und wollten welche haben. Aber sie konnte uns keine kaufen, da sie nicht genug Marken hatte. Mein Opa machte dann von Kaninchen oder Hasen Hasenwurst. Als wir dann später zur Handelsschule in Hannover gingen, sind wir vom Dorf ziemlich aufgefallen. Die 14 oder 15-jährigen Mädchen aus der Stadt trugen Perlonstrümpfe und wir selbstgestrickte Kniestrümpfe und einen Pferdeschwanz. Es hieß dann immer: Oh ja, die kommen vom Dorf, das sieht man schon von weitem. Die Mädchen in der Stadt waren einfach schon ein bisschen weiter. Aber dort wurde auch geschoben, was so viel heißt wie geschmuggelt. Da standen die Männer dann an einer Ecke, ihre Hände tief in den Manteltaschen. Wenn dann zum Beispiel einer Zigaretten von den Amerikanern hatte, zog er sie ein Stück aus seiner Manteltasche heraus und wenn dann ein Interessent kam, ging es mit Blickkontakt los und dann wurde verhandelt. Der Händler bekam dann vielleicht einen Lippenstift für seine Freundin. Da wir ja amerikanische Besatzungszone in Hannover hatten, wurden die Amerikaner in den Gasthäusern dort einquartiert und als ich so in der ersten oder zweiten Klasse war, ging ich an einer Gaststätte vorbei und dann fragte ich von unten herauf: Have you chocolate? Das konnte ich schon sagen. Dann guckte manchmal ein Amerikaner von oben und warf mir eine Tafel Schokolade oder Trockenmilch herunter. So kam ich dann glückstrahlend nach Hause und meine Mutter konnte dann für meinen kleinen Bruder Heiner ein Milchfläschchen machen und ich oder wir hatten mal ein Stück Schokolade.
Am Ortsrand lebten Russen. Und ich erinnere mich noch daran, dass deren Frauen bei uns klingelten, wenn eines ihrer Babys oder Kleinkinder gestorben war, und uns um ein Taufkleid baten, in dem sie dann das Kind beerdigen wollten. Bei der Beerdigung wurde der weiße Sarg offen durch das ganze Dorf getragen, bevor er zum Friedhof gebracht wurde. Wir Schulkinder haben dann immer die Kindergräber gepflegt, haben Blumen gepflanzt, geharkt, das Unkraut gejätet und so was.

Zischup: Was haben Sie von der Judenverfolgung mitbekommen?
Zahn: Ich habe miterlebt, wie Juden bei uns im Dorf angekommen sind. Sie wurden von irgendwoher als Gefangene zu uns getrieben und trugen gestreifte Sträflingsanzüge und Mützen. Sie waren so abgemagert und hungrig, dass sie zum Beispiel Zuckerrüben direkt vom Feld aßen. Dann wurden sie alle in eine Scheune getrieben und dort ein paar Tage lang eingesperrt. Danach mussten sie zu Fuß von Benthe nach Hannover laufen, was sie kaum noch schafften. Dort angekommen war direkt schon ein Massengrab ausgehoben, und dann wurden sie alle erschossen. Rückwärts fielen sie dann hinein, zack, zack, zack. Das habe ich nicht selbst miterlebt, aber es wurde uns dann in Hannover erzählt.

Zischup: Sie sind ja während des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen. Haben Sie oft den Alarm, wenn Bomber in der Nähe waren, miterlebt oder waren Sie davon nicht so betroffen?
Zahn: Doch, das habe ich öfter miterlebt. 1944, als mein Bruder Heiner gerade geboren und ich vier Jahre alt war, kamen, wenn Alarm war, meine Großeltern von oben aus dem Dorf zu uns herunter, und dann nahm Oma mich an der Hand und mein Opa nahm den Wäschekorb, in dem Heiner als Baby immer lag, und dann ging es ab in den Bunker. Die Engländer sind dann über Hannover geflogen und wollten den Maschsee zerbomben. Der Maschsee ist ein riesiger See in der Mitte von Hannover, deshalb hatten die Bewohner dann Äste über den See gelegt oder Planen darüber gezogen, damit die Engländer ihn vom Flugzeug aus nicht schimmern sehen konnten und dann keine Bomben dort abwerfen würden. Zum Glück haben sie auch nie getroffen. Aber so saßen wir dann im Bunker in der Dunkelheit, zwischen unseren Füßen liefen die Ratten herum und die Babys und Kinder schrien. In dem Bunker befanden sich alle Dorfbewohner, die in diesem unteren Teil von Benthe wohnten. Einige Männer gingen ab und zu raus, um zu gucken, wie es aussah und um dann zu berichten, ob die Bomber noch da waren. Wenn es dann eine halbe Stunde lang still war, sind alle aus dem Bunker heraus und wieder nach Hause gegangen.
Die Wohnverhältnisse waren wegen der vielen Flüchtlinge sehr beengt. So war das im Krieg. So sind wir aufgewachsen.

Zischup: Würden Sie, wenn Sie die Vergangenheit ändern könnten, lieber in einer Zeit ohne Krieg aufwachsen, oder denken Sie, dass die Erfahrungen, die Sie gesammelt haben wichtig für den weiteren Verlauf Ihres Lebens waren?
Zahn: Ich würde schon sagen, dass es wichtig für uns war. Nachdem das alles vorbei war, hatten wir keinen anderen Krieg und dann ging das langsam los mit der Wirtschaft. Man konnte wieder alles kaufen. Die Reichsmark wurde abgeschafft und die Deutsche Mark wurde eingeführt und dann bekam jede Familie 100 D-Mark. Dann musste man erst rechnen. Das reichte für ungefähr vier Wochen. Jedoch hatten die meisten Männer noch keine Arbeit. In Hannover hatte mein Vater keine Motivation nochmal eine Bäckerei zu eröffnen, da unsere ja ausgebombt worden war, und so arbeitete er dann in einem größeren Nachbardorf als Koch bei den Amerikanern. Ab und zu hat er uns dann etwas Besonderes zu essen von dort mitgebracht. Später hat er dann am Wochenende für unseren Bäcker im Dorf gebacken. Wir bekamen dann morgens frische Brötchen oder eine Semmel, das war für uns das Größte. So war das. Aber wir kannten es ja nicht anders, wir waren trotzdem glückliche und fröhliche Kinder.
Ihr könnt es euch nicht vorstellen, und wir wünschen euch auch nicht, dass ihr so was auch mal erlebt.
Von vielen wurden ja auch die Häuser zerbombt. Dort, wo die Bomben einschlugen, entstanden Bombentrichter, was bedeutet, dass sich dann dort ein See bildete. Da sind Heiner und ich dann als Kinder hingegangen und haben Molche oder Frösche gefangen. So haben wir gespielt. Anderes Spielzeug gab es nicht. Unser Opa hat uns einen Schlitten geschnitzt oder wir sind Rollschuh gefahren. Als sich dann später die Wirtschaft besserte und man wieder Fleisch und Lebensmittel kaufen konnte, haben unsere Eltern gesagt Unsern Kindern soll es nie wieder so ergehen. Das haben alle Eltern gedacht. Später hatte dann eine Freundin von mir schon einen Plattenspieler und ein kleines Kofferradio.

Zischup: Damals gab es viele Kriegsgefangene. Was haben Sie davon mitbekommen?
Zahn: So ungefähr 1947 oder 1948 wurden die Kriegsgefangenen aus Russland, England und Frankreich freigelassen. Sie kamen dann nach Friedland bei Göttingen. Dort kamen sie in ein Lager, von dem aus sie nach Hause entlassen wurden. Auch mein Onkel Willi, der mir die erste Banane brachte, wurde dann freigelassen. Aber in seinem Zustand habe ich ihn gar nicht erkannt, so zerlumpt und verlaust wie er die Dorfstraße hochlief und er konnte ja kaum gehen. Ich war damals erst sieben Jahre alt. Tja, so sind die Gefangenen damals entlassen worden. Je nach dem, wo sie in Gefangenschaft waren sind sehr viele sogar verhungert.

Zischup: Welche Erinnerungen haben Sie an die Panzer?
Zahn: Da habe ich noch spezielle Erinnerungen. Zum Beispiel 1944/1945, da stand ich kleines hellblondes Mädchen mit Zöpfen, vorwitzig wie ich damals so war, am Straßenrand, als gerade Panzer mit Soldaten obendrauf mit Stahlhelmen und Uniformen durch den Ort fuhren. Plötzlich hat ein Soldat mich auf den Panzer gehoben und mitgenommen. Wir fuhren die Dorfstraße hoch, einmal um die Dorfeiche, und wieder zurück. Dann hat er mich wieder bei meiner Mutter abgesetzt. Meine Mutter ist währenddessen wohl schier vor Angst um mich vergangen. Ich denke mir, dass das alles Soldaten waren, die selbst auch Kinder zu Hause hatten. Die waren ein bisschen menschlicher. Das sind schöne Kindheitserinnerungen, die vergisst man nie wieder.
Aber ich habe auch nicht so schöne Erinnerungen daran. Wenn heute die Bundeswehr irgendwo ist, und ich das Geräusch der fahrenden Panzer höre, dann läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Selbst heute noch habe ich nachts Albträume. Die Ängste kommen wahrscheinlich im Unterbewusstsein einfach hoch. Manchmal denke ich auch abends daran. Trotzdem sind wir normal geblieben. Mein Bruder hat es zu was gebracht, und auch ich hatte meinen Schulabschluss und dann eine Arbeitsstelle. Wir waren nicht so verrückt, wie die Jugendlichen heute so sind. Grüne Haare oder so was gab es bei uns einfach nicht. Wir hatten selbstgestrickte Kniestrümpfe und Pferdeschwänze, und so sind wir mit 15 zur Handelsschule gegangen.

Zischup: Früher gab es Hauskontrollen, die von Soldaten durchgeführt worden sind. Können Sie sich daran noch erinnern?
Zahn: Ja, einmal kam ein schwarzer Soldat mit Gewehr über der Schulter zu uns, um unser Haus zu kontrollieren. Die Leute durften damals kein Radio hören, aber meine Mutter hatte so einen kleinen Empfänger im Wäscheschrank versteckt. Als Kind belauschte ich sie, wenn sie nachts hörte, was passiert ist und wo Bomben eingeschlagen waren. Auf jeden Fall kam der Soldat dann rein und befahl uns alle Schränke zu öffnen. Er suchte auch nach Kameras und Gewehren und so weiter. Meine Mutter hat dann vor Angst die ganze Zeit nichts gesagt. Der Soldat sprach nur Englisch, was sie sowieso nicht verstand. Er hat die Küche und das Schlafzimmer durchsucht und sah dann ins Wohnzimmer und entdeckte dort den Kinderwagen, in dem mein Bruder Heiner schlief. Meine Mutter hatte große Angst, dass er dem Baby etwas antut. Aber er ging hin, sah nur in den Kinderwagen hinein und sagte: Oh, Baby schläft, Baby schläft. Und dann ist er einfach gegangen, ohne weiter zu suchen. Meine Mutter meinte dann, dass er zu Hause bestimmt auch ein Baby hat und deshalb so menschlich ist. Sie sagte, dass er das Baby genauso gut hätte mitnehmen können. So etwas war damals möglich. Die Bewohner über uns im Haus haben, wenn die Soldaten kamen um Häuserkontrollen durchzuführen, immer eine Stange aus dem Fenster gehalten mit einem weißen Bettlaken dran als Zeichen. Das bedeutete "wir ergeben uns".

Zischup: Meinen Sie, dass die heutige Jugend mit solchen Geschehnissen umgehen könnte?
Zahn: Ich denke schon, dass wenn so eine Zeit nochmal kommen würde, die Jugendlichen das bewältigen könnten. Sie leben zwar in diesem Überfluss an Lebensmitteln und anderen Gütern, aber ich denke, wenn es hart auf hart kommen würde, würden sie es schaffen. Heute ist alles selbstverständlich für die Jugendlichen und darum finde ich es gut, wenn Schulklassen Exkursionen nach Auschwitz oder andere Konzentrationslager machen, um sich damit auseinanderzusetzen.
Die Kinder früher mussten körperlich schwer arbeiten und mithelfen. Sie mussten aufs Feld, Ställe ausmisten, Kühe füttern oder Schweinefutter herstellen.

Zischup: Wie sah damals eigentlich die Hygiene aus?
Zahn: Damals in Wörrstadt, dem Heimatort meines Mannes, konnten die Kinder nicht mal Zähne putzen, da sich die Eltern keine Zahnbürsten leisten konnten. Wir hatten ja nicht mal fließendes Wasser.
Zum Duschen hat man einen Eimer Wasser geholt und über sich geschüttet, wir hatten ja auch kein Badezimmer. Es gab ein öffentliches Plumpsklo und als Klopapier nahmen wir kleingeschnittene Zeitungen. Zum Baden wurde samstags immer eine große Zinkwanne in den Flur gestellt. Wir mussten Wasser aus dem Keller holen und auf dem Kohleherd erhitzen. Dann durfte zuerst mein kleiner Bruder baden, dann ich, danach meine Mutter und zum Schluss mein Vater. Alle in dasselbe Wasser und dann haben wir uns gegenseitig abgeschrubbt. Nur einmal in der Woche und trotzdem sind wir alle groß geworden und haben gelebt. Wir hatten keine Allergien, so was wie Neurodermitis gab es damals nicht. Aber so war das. Mein Vater hat sich damals als Kind sogar Würmer gefangen und gegessen. Die Mütter hatten damals keine Waschmaschinen, keine Spülmaschinen, keine Küchengeräte, gar nichts. Und trotzdem klappte der Haushalt. Heutzutage haben die Frauen alle möglichen Geräte.

Zischup: Denken Sie, dass diese Umstände Sie auch heute noch beeinflussen?
Zahn: Ja, denke ich schon. Vor allem, wenn ich heutzutage die Babys oder Kleinkinder sehe mit deren Müttern, die für ihre Babys schon alles gekauft haben, was diese eigentlich noch gar nicht gebrauchen können. Dann denke ich zurück, wie es damals war und was unsere Eltern für Sorgen hatten, um uns überhaupt satt zu bekommen. Jeden Tag aufs Neue. Meine Eltern haben sich immer gewünscht, dass wir den Krieg nicht so miterleben müssen wie sie und dass es uns mal besser geht als ihnen. Das wünschen wir jetzt auch unseren Kindern und unseren Enkelkindern. Aber manchmal denke ich auch, dass es heute allen viel zu gut geht. Was man heute an Lebensmitteln wegschmeißt, finde ich einfach grausam. Ich kann nichts wegschmeißen. Allein schon, wenn ich daran denke, wie froh wir damals waren, einfach einen trockenen Brotknust zu haben und heute schmeißt man so etwas einfach weg.

Zischup: Glauben Sie, dass in ferner Zukunft nochmal ein Weltkrieg ausbrechen könnte?
Zahn: Es ist schlimm, wie es im Moment in der Welt aussieht. Die schlimmen Kriege in vielen Ländern, die Anfeindungen und das alles. Ich hoffe, dass es nicht zu einem Atomkrieg kommt oder so etwas. Ich kann nicht verstehen, wie Menschen sich so verhalten können. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass so etwas nochmal passieren könnte. Aber wir wollen nicht hoffen, dass die Deutschen in so etwas mit einbezogen werden.