Reisen in Europa

Raus aus dem Kuschelkokon und rein in die Stadt auf Sardinien

Stephan Brünjes

Von Stephan Brünjes

Sa, 05. September 2020 um 21:44 Uhr

Reise

Einfach nur Sommer, Sonne, Strandkorb und Meer? Sardinien hat viel mehr zu bieten, wie ein Streifzug durch die Stadt Cagliari zeigt.

Bistro-Tische vis à vis vom Hafen in schattigen Palazzi-Arkaden, nebenan Sitzecken unter fliederrosa blühenden Bäumen am Boulevard Largo Felice – Cagliaris erste Einladung an Besucher heißt: "Piano, piano, erst mal’n Espresso!" Inmitten palavernder Banker, Polizistinnen und Familien schmeckt er im "Svizzero", der Café-Institution mit Backsteintonnengewölbe, Retrokeksdosen und ausgemustertem, noch Lira anzeigenden Kassenungetüm aus Schmiedeeisen.

Hauchdünne sardische Schinkensorten

Gegenüber möblieren pfiffige Wirte selbst die engste Hafengasse zur Open-Air-Trattoria um. Im wuseligen Marina-Viertel wollen immer viele essen, darum: Reservieren für den Abend nicht vergessen! So klappt’s später auch mit einem Tisch im "Sabores". Nur fünf Tische hat diese wohnliche Vinothek. Chef Samuele serviert strahlend seine Bruschetta-Kreationen: hauchdünne sardische Schinkensorten und würzige Pecorino-Sticks. Dazu erlesene Inseltropfen: trockenen, weißen Renosu und rubinroten, erdigen Nero di Orgosa. Für kulinarische Mitbringsel greifen Gäste hier einfach ins Regal – zu Kastanienmarmelade oder Bottarga, sardischem Kaviar. Danach in die Gelateria Stefino! Hier sind nicht nur die bunten Becher peppig, auch Eissorten wie Yucatan: Kakao mit Pfeffer.

Komparse in einem Film typisch italienischen Strandlebens

Und wenn’s mal was anderes sein soll als Cucina Tipica Italiana, dann unbedingt Burrida probieren: Katzenhai in Nuss-Essigsauce. Oder Fregula con Cocciula – Grießbällchen mit Venusmuscheln. Am besten schmecken solche Cagliari- Spezialitäten in den Baretti – kleinen Ristoranti wie "Sax Beach" am Stadtstrand. "Il Poetto" heißt dieses etwa acht Kilometer lange, saubere Sandband mit seichtem, opal- bis lapislazuli-farbenem Wassersaum. Hier schlendert man quasi als Komparse durch einen Film typisch italienischen Strandlebens: Vorbei an Aufmerksamkeit heischenden, bräunenden Six-Pack-Gigolos, einen Bogen machend um die mit Tand und Sonnenbrillen überladenen Bauchladenhändler, staunend innehaltend vor der verwitterten, eigens für Cagliaris Feuerwehr gebauten Badeanstalt und einsinkend in schattige Castagni, die italienische Strandkorbversion, Marke Kuschelkokon.

Sella del Diavolo heißt das Bergmassiv am Südende des Poetto, weil es wie ein Sattel aussieht. Aus ihm soll der Teufel ins Meer gestürzt sein nach verlorenem Kampf gegen Gott. Seitdem bewachen angeblich Engel die Bucht darunter, weshalb sie "Golfo degli Angeli" heißt. Von dort führt der Wanderweg auf den Teufelssattel durch kniehohe Macchia aus Ginster, Thymian und Wacholder. Vorbei geht’s an den Grundmauern einer kleinen Kapelle und einer Klosterruine. Orientieren muss man sich an blau-grau markierten Steinen, der Lohn ist ein super Blick über den Poetto.

Bushaltestelle als Birdwatching-Box

Gegenüber, an der Küstenstraße, steigen viele Wartende nicht in die ersten anrollenden Busse zurück Richtung Zentrum. Denn die Haltestellen sind ideale Birdwatching-Boxen mit freiem Blick auf Cagliaris kilometerlange Salinen, Europas größtes Revier für Flamingos. Bedächtig fischend schreiten sie durchs Brackwasser, zeitlupig genug für gestochen scharfe Fotos mit einem Tele. So einen rosa Stelzenvogel mit nach Hause nehmen – das geht bei "Intrecci". Dieser Showroom sardischer Designer am Rande der Altstadt hat filigrane Holzflamingos, Halsketten im poppigen Kaktusfeigen-Design und pfiffige Pepitakleider.

Die autofreie Via Manno und die anschließende Via Garibaldi sind beherrscht von großen Markengeschäften. Aber dazwischen behaupten sich auch kleine Boutiquen wie Arianna Outlet und Marella mit cooler Sommermode, Sneakers und Taschen. Elegante Kleider hat Sorelle Piredda und im Gewölbegeschäft Galinanoa gibt es poppige Tassen, trendige Holzbrillen und Bienenkorb-förmige Handtaschen.

Über verwinkelte Treppen kraxeln

Schluss mit Dolce far niente, auf geht’s in Cagliaris Vergangenheit – mit kostenlosen Fahrstühlen hoch ins Castello. Doch alle drei sind mal wieder kaputt. Also über verwinkelte Treppen und Rampen kraxeln. Erster Eindruck: Kein Mittelalterfreilichtmuseum, sondern ein Wohnviertel – rund um die Piazza Alberto mit engen, dunklen Gassen und kariösen Fassaden, ein paar Ecken weiter aber auch besten Stadtpanoramen, etwa auf der fußballfeldgroßen, palmengesäumten Bastione Saint Remy und vom 42 Meter hohen Torre dell’ Elefante, einem von zwei erhaltenen Wehrtürmen. Sie haben furchterregende mit Metallspitzen bewehrte Falltore und nur drei Mauern. Die vierte, dem Castello-Inneren zugewandte Seite ist offen, damit schneller Munitionsnachschub auf den Turm geschafft werden konnte.

Besatzer aus Pisa bauten Cagliaris weitläufiges Burgplateau ab 1258 wie eine Stadt über der Stadt, um die Möchtegern-Invasoren aus Genua abzuhalten. Stattdessen eroberten Spanier 1324 die Stadt und beherrschten sie 400 Jahre lang mit einem Terrorregime, das es den Cagliaritani sogar verbot, nach Sonnenuntergang im Castello zu bleiben. Wen die Spanier erwischten, den warfen sie über die Burgmauer mit dem Ruf "Stai in pace" – ruhe in Frieden. Daher soll das Stadtviertel unter der Burg seinen Namen Stampace haben. Wohl nur eine Legende, denn warum hätten Spanier ausgerechnet beim Todesstoß italienisch sprechen sollen?

Zurück in die Bronzezeit

Am höchsten Punkt des Castello, dem ehemaligen Munitionsarsenal, geht’s historisch am weitesten zurück – in die Bronzezeit um 1500 vor Christus: Tausende Rundtürme aus tonnenschweren Steinbrocken, sogenannte Nuraghen, bauten die Inselbewohner damals und Giganti, etwa zwei Meter hohe Steinfiguren dazu, meist als simpel modellierte Heiligenbildnisse oder Grabwächter. Einige davon schauen die Besucher im Museo Archeologico Nazionale streng an, während sie ihre kleinen Abbilder, die Bronzetti Sardi, bestaunen, die eigentliche Attraktion hier: 400 Bronzefiguren, kaum fingergroß und im Strichmännchenstil, aber ihren XXL-Vorbildern bis in Mimik und Gestik, in Kampfszenen, Helmen und Schilden erstaunlich präzise nachgearbeitet. Und zwar so: Eine filigran aus Wachs geformte Minifigur wurde mit Ton ummantelt und dann gebrannt, so dass der Ton härtete und das Wachs heraus floss. Sobald die stattdessen in den Hohlkörper gegossene Bronze geronnen war, schlug man den Ton drumherum ab und hatte einen Bronzetto in der Hand, oft genutzt als Opfergabe.

Weltkriegsbunker wird zur coolen Kunstgalerie

Wie ein offenstehendes Garagentor im Felsmassiv mutet der Eingang zum Cartec an – der Cava Arte Contemporanea. Diese unterirdischen Gänge, im Mittelalter zur Steingewinnung für den Castello-Bau ausgehöhlt und während des Zweiten Weltkriegs als Luftschutzbunker genutzt, dienen heute als coolste Kunstgalerie der Stadt. Auf eigens verlegten Holzwegen geht es vorbei an zeitgenössischen Bildern oder Fotografien, Plastiken oder Installationen – je nach dem, was für ein Künstler gerade ausstellt. Mal sind Exponate in Plakatgröße aufgehängt an stählernen Stützpfeilern der Höhle, mal als faustgroße Skulptur auf Säulen präsentiert. Mit Spots angestrahlt, treten sie alle optisch hervor aus den schummrig ausgeleuchteten Gängen und sorgen so für ein sehr intensives Kunsterlebnis.

Der barocke Dom im Castello mit seiner von vier Löwen bewachten Kanzel oder die Kapelle des allgegenwärtigen Stadtheiligen St. Efisio (in der Via Sant’Efisio 14) – beides schöne Kirchen für eine Stippvisite, aber keine Konkurrenz zur Basilica di Bonaria. Sie krönt einen Hügel, hinauf führt eine monumentale Freitreppe mit Blick auf Cagliari, erbaut für den Papstbesuch 1970 und heute beliebte Fotoshooting-Location für Brautpaare. Die gotische Saalkirche mit schlichter Renaissance-Fassade ist Sardiniens bedeutendste Pilgerstätte – wegen einer drinnen ausgestellten Holzkiste. Sie wurde angeblich 1370 am Fuße des Bonaria-Hügels angespült, mit einer Marienstatue drin. Kaum von Klostermönchen in die Kirche gebracht, soll Maria di Bonaria begonnen haben, Wunder zu bewirken. Weshalb sie seit 1907 Inselheilige ist, jährlich mit drei Festen geehrt wird und dafür sorgt, dass ein Raum im angrenzenden Museum sich stetig füllt: Pilger, die sich von Maria geheilt fühlen, lassen hier als Dank Krücken, Haarzöpfe, Miniaturschiffe, Kreuze und andere Votivgaben zurück.

Schöner Schlusspunkt eines Cagliari-Besuchs ist der versteckt hinter der Basilica liegende, sehr verwunschen-verwilderte Friedhof. Hier lohnt es, innezuhalten und den anrührenden, lebensgroßen Marmorfiguren auf den Gräbern ins Gesicht zu schauen: der demütigen Nonne mit dem Baby auf dem Arm. Dem Jungen, strammstehend in Schuluniform. Und der alten Frau, die ihren verstorbenen Mann herzzerreißend anschmachtet. Es ist der besinnliche Ruhepunkt in dieser lebhaften, bisweilen lärmigen Stadt.
Info: Cagliari/Sardinien

Die Insel Sardinien liegt vor Neapel im Thyrrhenischen Meer. Cagliari ist eine Stadt im Süden der Insel.
Anreise: Per Flugzeug von Basel nach Cagliari-Elmas. Von dort sind es 30 Minuten bis in die Stadt. Oder per Auto z.B. bis Marseille und mit der Fähre nach Sardinien.
CO2-Kompensation: Hin- und Rückflug 12 Euro pro Person.
Infos: http://www.cagliariturismo.it
Essen & Trinken: Espresso, Latte und kleine Snacks am besten im Cafe Svizzero (Largo Felice 6); Vinothek Sabores (Via Baylle 6, http://www.saborescagliari.com
Eis: Gelateria Stefino (Via Dettori 30); Sax Beach (Viale Lungomare del Golfo).
Einkaufen: Intrecci – sardisches Kunsthandwerk und Design (Viale Regina Margherita 63). Arianna Outlet (Via Manno 44). Marella (Via Garibaldi 183). Sorelle Piredda (Piazza San Guiseppe 4). Galinoa (Via Baylle 71).